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Schrumpfende Städte? Kein ostdeutsches Problem! Neue Ideen für den Stadtumbau aus dem Gemeinschaftsprojekt "ort.zukunft: weniger ist mehr"

(11.12.2001) "Mindestens ein Drittel aller deutschen Kommunen sind in den kommenden Jahren von deutlichen Schrumpfungsprozessen bedroht", schätzt Prof. Dr. Omar Akbar, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Deshalb müsse in der Stadtplanung ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen werden. Dies forderte der Bauhausdirektor anlässlich der Präsentation neuer Gestaltungsideen für schrumpfende Städte.


Wolfen-Nord, Raguhner Straße 1

Unter dem Motto "ort.zukunft: weniger ist mehr" haben 22 internationale Architekten, Künstler und Landschaftsgestalter eine Woche lang an Auswegen für "rückwärts wachsende Städte" gearbeitet und ihre Vorschläge nun der Öffentlichkeit vorgestellt. Als konkretes Beispiel für die neuen Wege diente ein Gründerzeitviertel in Magdeburg und eine Plattenbausiedlung in Wolfen. Der Workshop, der unter Beachtung der Landesregierung stattfand, war möglich geworden, weil aus der PVC-Industrie kurzfristig Sponsorgelder zur Verfügung gestellt wurden.

Der Projektleiter Dr. Walter Prigge machte deutlich, dass die städtischen Schrumpfungsprozesse kein typisch ostdeutsches Problem darstellten, sondern weltweit zu beobachten seien - in Glasgow und Newcastle ebenso wie in Detroit. In Russland, Polen und Tschechien gehören "Geisterviertel" fast schon zum normalen Stadtbild. Hier würde vorweg genommen, was sich in den europäischen Regionen vereinzelt, aber immer deutlicher zeige. "Wir müssen einfache flexible Lösungen finden, die den Umbau in den Kommunen kostengünstig ermöglichen", erklärte Peter Ziesecke von der Initiative PVCplus, Bonn. Um diese Zukunftsfrage wolle sich die PVC-Branche von Anfang an mit kümmern. Deswegen suche sie seit längerem den intensiven Dialog mit Architekten, Künstlern und Stadtplanern.

Am Beispiel Magdeburgs und des Stadtviertels Wolfen-Nord hat die internationale Expertengruppe des Workshops vier Dimensionen der schrumpfenden Stadt herausgearbeitet.

Dimension 1: Stadt-Struktur

Eine übliche Strategie im Rahmen der schrumpfenden Stadt ist die Reurbanisierung von Stadtkernen im Sinne der "europäischen" Stadtstruktur. Am Beispiel von Magdeburg wurden die Ziele dieser Strategie aufgezeigt. Die Patchwork-Struktur der schrumpfenden Stadt läßt demnach nur an wenigen Orten eine Zentrierung zu: das konzentrische Bild von Kern und Rand stimmt nicht mehr. Künftig muss den entstehenden leeren Zwischenräumen deshalb mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, und die künftige Stadtentwicklung wird  von heterogenen kleinteilig perforierten Gebieten geprägt sein. Ihre Qualität besteht darin, dass sie innerstädtische Zwischenformen von Stadt und Landschaft entstehen lassen. Das kann zum Beispiel durch Einfamilienhausstrukturen geschehen, die innerstädtische suburbane Zonen entstehen lassen.

Dimension 2: Leer-Räume

Die sich vermehrenden leeren Flächen in den Zwischenräumen der perforierten Stadt können weder landschaftlich beplante und grüne Mitten darstellen noch können sie im üblichen Sinne durch Nutzungen baulich neu programmiert werden. Sie sollten daher im Wege bewusst gemachter Strategien dem städtischen Raum temporär, jedoch ganz real entzogen werden. Es entstehen uneinsehbare und begrenzte "verschwundene Landschaften", geheimnisvolle Stadträume, die Erzählungen und mythische Geschichten hervorrufen und den Wert der öffentlichen Stadt durch Verknappung von Raum erhöhen. Bei Bedarf können diese eingefrorenen Räume wieder zur Nutzung geöffnet werden.

Dimension 3: Umkehrung von privaten und öffentlichen Räumen

Die kontinuierlich leergezogenen Plattenbauten könnten als öffentliche Räume ausgewiesen werden - in ihnen spielt sich zukünftig das öffentlich-gemeinschaftliche Leben der Stadtviertel ab. Der im Übermaß vorhandene landschaftliche Raum sollte so umgewidmet werden, dass die Plattenbaubewohner Möglichkeiten zu seiner privaten Aneignung haben. Die früheren Bastelaktivitäten in Garagen und Kleingärten könnten in Zukunft in privat besiedelten früher "öffentlichen" Landschaften fortgesetzt werden.

Dimension 4: 2030

Der Prozess des Schrumpfens in Ostdeutschland wird erst in etwa einem Jahrzehnt seinen Höhepunkt erreichen. Um die Folgen zu simulieren, wird der Zustand der Plattenbaugebiete für das Jahr 2030 antizipiert. Die Strategien des Schrumpfens müssen für die sozialen Schichten und Nutzergruppen differenziert ausgearbeitet werden:

  • für alte Menschen,
  • für Nutzer, die weiter billige Wohnungen nachfragen und
  • für mobile Bevölkerungschichten, die in bestimmten Lebensphasen solche Bauten als Zwischennutzung für andere Wohnformen annehmen.

Erste Umbaukonzepte wurden dafür aufgezeigt.

Neue Marketingkonzepte erforderlich

Für die unterschiedlichen Strategien des Umbaus werden neue und andere Marketingkonzepte gebraucht, die Schrumpfung nicht mehr als zu beseitigendes Übel, sondern als kreativ zu gestaltende Tatsache aufzeigen. Sie müssen die Potenziale der ersten Werkzeuge und Strategien aufzeigen und sie bei den vielfältigen Akteuren, die am Umbauprozess beteiligt sind, publik machen.

Positives Fazit

Bauhausdirektor Prof Dr. Omar Akbar zeigte sich zufrieden mit den Ideen des Workshops: "Die Teilnehmer haben sehr viele Vorschläge entwickelt, die wir im weiteren Verlauf der Vorbereitungen zur Internationalen Bauausstellung (IBA) wieder aufgreifen können", sagte er. "Unser Konzept, eine Gruppe internationaler und interdisziplinärer Experten ans Bauhaus zu holen, ist aufgegangen."

Peter Ziesecke von der Initiative PVCplus fügte hinzu: "Ich bin überzeugt, dass sich die Zusammenarbeit für beide Partner gelohnt hat. Die Resultate bieten viel Stoff für weitere Diskussionen, und ich hoffe, dass wir das Projekt gemeinsam mit dem Bauhaus weiterentwickeln können."


Staßenansicht Magdeburg Buckau

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