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ifo-Prognose 2002/2003: Chancen für einen neuen Aufschwung

(2.8.2002) Der weltweite Abschwung, der Mitte 2000 in Nordamerika begonnen hatte und, zeitlich versetzt und in unterschiedlichem Ausmaß, alle Regionen der Welt ergriffen hatte, ist zu Ende. Seit Jahresanfang 2002 legt die Weltproduktion wieder zu, befördert von der Geldpolitik, die nahezu überall anregend wirkt. In den USA ist die Finanzpolitik zudem auf einen extrem expansiven Kurs eingeschwenkt. Hier zog die gesamtwirtschaftliche Produktion, die im Gefolge der Anschläge vom 11. September kurzfristig gesunken war, bereits im vierten Quartal 2001 wieder spürbar an.

Japan fand aus der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg heraus; die asiatischen Schwellenländer hatten die konjunkturelle Talsohle bereits Ende 2001 durchschritten. Selbst in Lateinamerika scheint der Tiefpunkt allmählich erreicht zu sein. Im Euroraum ist die zyklische Wende inzwischen ebenfalls vollzogen worden, das Wirtschaftsklima stieg wieder. Auch hier hatte die Geldpolitik im vergangenen Jahr die monetären Zügel gelockert, wenngleich bei weitem nicht so stark wie in den USA. Die Finanzpolitik beschränkte sich lediglich darauf, die konjunkturbedingte Ausweitung der staatlichen Budgetdefizite hinzunehmen.

In Deutschland ist der Aufschwung zögerlich unterwegs. Die konjunkturelle Lage ist nach wie vor von großer Labilität geprägt, die Erholung nicht gefestigt. Trotz alledem deuten die bisher vorliegenden Indikatoren darauf hin, dass sich die begonnene wirtschaftliche Erholung fortsetzt. Es gibt aber durchaus beachtliche Risiken für die Prognose: Der ifo Geschäftsklimaindex für das verarbeitende Gewerbe, das in Deutschland der "Cyclemaker" ist, fiel im Juli zum ersten Mal seit vergangenem Herbst wieder zurück. Sollte es zu einer weiteren signifikanten Eintrübung des Geschäftsklimas kommen, müsste sogar mit einem Stocken des Aufschwungs gerechnet werden. Zusätzliche Risiken für die Konjunktur gehen von den Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten im Gefolge der Bilanzmanipulationen in den USA aus; auch eine weitere kräftige Aufwertung des Euro könnte die hier vorgelegte Prognose gefährden.

Für die Prognose wird unterstellt, dass die Geldpolitik die monetären Zügel allenfalls leicht strafft. Die Europäische Zentralbank hebt die Leitzinsen frühestens im kommenden Winterhalbjahr bei sich festigendem Aufschwung um einen viertel Prozentpunkt an. Der Euro hat im laufenden Jahr gegenüber dem US-Dollar und anderen Währungen merklich an Wert gewonnen. Hier wird mit einer weiteren leichten realen Aufwertung des Euro gerechnet. Zusammengenommen werden die monetären Rahmenbedingungen im Prognosezeitraum schlechter. Die Finanzpolitik in Deutschland wird, trotz der Entlastungen im Rahmen der zweiten Stufe der "Steuerreform 2000", die am Jahresanfang 2003 in Kraft tritt, zunehmend restriktiv wirken. Die Lohnpolitik hat in diesem Jahr den Kurs der Lohnzurückhaltung aufgegeben; in wichtigen Tarifbereichen kam es zu Abschlüssen, die nicht beschäftigungsförderlich sind. Für die Prognose wird erwartet, dass die Tariflöhne im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt in diesem und im nächsten Jahr um rund 3 Prozent steigen.

Insgesamt wird das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2002 um 0,7 Prozent zunehmen; die niedrige Wachstumszahl folgt aus dem niedrigen Niveau zu Jahresbeginn. Für das nächste Jahr wird eine Rate von 2,3 Prozent veranschlagt; der Aufschwung gewinnt an Breite und Tiefe. Allerdings wird das konjunkturelle Tempo - von Quartal zu Quartal betrachtet - bereits wieder langsamer, weil die anregenden Impulse seitens der Weltwirtschaft schwächer werden und die geldpolitischen Zügel wohl etwas straffer sind. Außerdem bringt die Finanzpolitik die Haushaltskonsolidierung voran. Der Preisauftrieb dürfte im Prognosezeitraum verhalten bleiben. Das Budgetdefizit des Staates wird erst im nächsten Jahr unter die 2-Prozent-Marke fallen.

Für den Arbeitsmarkt bedeutet die Revision der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Frühjahrsgutachten nach unten nichts Gutes: Der konjunkturelle Tiefpunkt in der Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes ist noch nicht erreicht, die Zahl der Arbeitslosen wird auch in den nächsten Monaten saisonbereinigt die 4-Millionen-Marke überschreiten. Erst in den Herbstmonaten ist mit einer allmählich sinkenden Tendenz zu rechnen. Im Jahresdurchschnitt 2002 dürfte die Arbeitslosenzahl mit 4,035 Mill. um mehr als 180.000 höher sein als im Jahr 2001. Nach der Bundestagswahl sind von allen politischen Parteien weitere Reformen geplant. Zwar lassen sich die Details eventueller Neuregelungen noch nicht absehen, doch ist auf jeden Fall eine Forcierung der Vermittlungstätigkeit zu erwarten. Deshalb wird sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Jahr 2003 zwar beschleunigen, mit rund 3,9 Millionen registrierten Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt bleibt die Zahl aber immer noch erschreckend hoch. Die Arbeitslosenquote dürfte sich auf 9,2 Prozent belaufen, nach 9,5 Prozent in diesem Jahr.

Angesichts der nur langsam in Fahrt kommenden Konjunktur wird die Erwerbstätigkeit im dritten Quartal dieses Jahres die Talsohle erreichen. Im Jahresdurchschnitt 2002 wird die Erwerbstätigenzahl, die in den Jahren 1998 bis 2001 um insgesamt mehr als 1,5 Mill. gestiegen war, um ca. 140.000 oder umgerechnet 0,4 Prozent sinken. Im kommenden Jahr wird die Erwerbstätigenzahl zügig steigen, im Jahresverlauf um reichlich eine Viertelmillion, im Jahresdurchschnitt um rund 180.000 (0,5 Prozent).

In Ostdeutschland ist die gesamtwirtschaftliche Entwicklung seit einigen Jahren sehr unbefriedigend. Letztmals im Jahr 1997 war das Wirtschaftswachstum im Osten größer als im Westen. Insbesondere die Strukturanpassungskrise in der ostdeutschen Bauwirtschaft sorgte seitdem dafür, dass sich die Schere zwischen den beiden Teilen des Landes wieder öffnete - einschließlich Baugewerbe betragen die durchschnittlichen Veränderungsraten der realen Bruttowertschöpfung von 1997 bis 2001 lediglich 1,4 Prozent im Osten gegenüber 2,4 Prozent im Westen. Ohne das Baugewerbe gerechnet stieg dagegen die reale Bruttowertschöpfung in diesem Zeitraum mit durchschnittlich 3,0 Prozent p.a. spürbar schneller als in den alten Ländern (2,5 Prozent p.a.)

Das reale Bruttoinlandsprodukt in den neuen Bundesländern dürfte mit 0,3 Prozent im laufenden Jahr und 2,1 Prozent im kommenden Jahr erneut etwas langsamer als in Westdeutschland (einschließlich Berlin) steigen (0,7 Prozent bzw. 2,3 Prozent). Weit überdurchschnittlich expandiert, wie schon seit ein paar Jahren, das verarbeitende Gewerbe. Bremsend wirkt weiter die Bautätigkeit, wenngleich das Minus mit 5 Prozent in diesem und 3,5 Prozent im kommenden Jahr wesentlich geringer als 2001 (11,5 Prozent) ausfällt. Angesichts der ohnehin sehr angespannten Finanzlage ist im öffentlichen Sektor ein leichter Rückgang der Wertschöpfung zu erwarten. Angesichts deutlich steigender Realeinkommen und nicht mehr sinkender Beschäftigung wird sich die Nachfrage bei den mehr konsumorientierten Dienstleistungssparten im Jahr 2003 spürbar erhöhen. In diesen Bereichen blieb die Expansion in den Jahren seit 2000 in den neuen Ländern deutlich hinter der im früheren Bundesgebiet zurück, worin sich wohl auch die gegenläufige Bevölkerungsentwicklung widerspiegelt.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich im Jahr 2002 in den neuen Bundesländern nochmals verschlechtern, die Erwerbstätigkeit erreicht das niedrigste Niveau seit der Wiedervereinigung, die Arbeitslosigkeit den höchsten Wert. Der einzige große Wirtschaftssektor, der seine Beschäftigung ausweitet, ist der Bereich Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister. Insgesamt sinkt die Erwerbstätigenzahl im Inland im Jahresdurchschnitt um etwa 85.000 oder 1,4 Prozent. Bei wieder etwas stärkerem Wirtschaftswachstum werden sich im kommenden Jahr die Beschäftigungszuwächse in einigen Branchen (wie verarbeitendes Gewerbe und Unternehmensdienstleister) und die Arbeitsplatzverluste in anderen (z.B. Baugewerbe und Staat) etwa kompensieren. Angesichts des Unterhangs zum Jahreswechsel 2002/2003 bedeutet das eine langsame Ausweitung der Erwerbstätigenzahl im Jahresverlauf.

Die Zahl der Arbeitslosen in Ostdeutschland hat sich im bisherigen Jahresverlauf sehr ungünstig entwickelt. Auch wenn man Sondereffekte in den letzten beiden Monaten wie Arbeitskämpfe und Ferientermine berücksichtigt, bleibt die negative Tendenz bestehen. Im Durchschnitt des Jahres 2002 dürfte die Zahl der registrierten Arbeitslosen in den neuen Bundesländern mit 1,28 Mill. um reichlich 20.000 höher sein als im vergangenen Jahr.

Die Anpassung der ostdeutschen Tariflöhne an die westdeutschen ist schon sehr weit fortgeschritten. Ende 2001 lag der Durchschnittswert der Grundentgelte bei 91 ½ Prozent. De facto ist der Lohnabstand aber noch deutlich größer, weil im Westen die Arbeitszeiten in vielen Branchen kürzer sind, weil Urlaubs- und Weihnachtsgelder höher sind und weil mehr Arbeitnehmer diese Sonderzahlungen erhalten. Schließlich wird in den alten Bundesländern häufiger übertariflich entlohnt. Deshalb liegt das effektive Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer in den ostdeutschen Bundesländern derzeit immer noch um mehr als 22 Prozent unter den westdeutschen Werten. Im Vergleich zur Arbeitsproduktivität, die bei knapp 71 Prozent des Westniveaus liegt, bedeutet das, dass die (realen) Lohnstückkosten in Ostdeutschland immer noch um 10 Prozent höher sind als im Westen. Insofern haben die neuen Bundesländer – gesamtwirtschaftlich gesehen – weiterhin einen Lohnkostennachteil.

Die Konvergenz der Relationen der verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen ist erheblich fortgeschritten. Standen im Jahr 1991 jedem Einwohner durchschnittlich 56½ Prozent des Westniveaus zur Verfügung, so stieg diese Relation zuletzt auf knapp 82 Prozent. Berücksichtigt man zusätzlich das unterschiedliche Preisniveau in den beiden Landesteilen, dann ist der Einkommensunterschied noch weiter geschrumpft: Die reale Kaufkraft des verfügbaren Einkommens je Einwohner lag in Ostdeutschland im Jahr 2000 durchschnittlich nur noch um 11 Prozent unter derjenigen in Westdeutschland.

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