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Olympiastadion Berlin ausgezeichnet: Umbau der historischen Bausubstanz mit Stahl vorbildlich

(21.6.2005) Am 17. Juni hat die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, im Namen der Bauherrnschaft am Berliner Olympiastadion (siehe Bing-Maps und/oder Google-Maps) feierlich die Plakette "Preis des Deutschen Stahlbaues" enthüllt. Gewürdigt wird damit die vorbildliche Synthese aus Alt und Neu beim Umbau des Stadions mit der neuen Tribünenüberdachung aus Stahl, Glas und Membranen. Der Preis wird im Zweijahresrhythmus von BAUEN MIT STAHL e.V. verliehen und ist einer der ältesten Architekturpreise Deutschlands.

Bild: Bauen mit Stahl / gmp / Ingenieurbüro Krebs und Kiefer

"Es ist heute keine Selbstverständlichkeit, dass ein Bauwerk von allen Seiten Zuspruch erfährt, erst recht nicht, wenn es sich um den Umbau einer Architektur-Ikone wie dem Berliner Olympiastadion handelt. Das Lob gebührt den verantwortlichen Architekten gmp - von Gerkan Marg und Partner sowie dem Ingenieurbüro Krebs und Kiefer, denen es gelungen ist, dem traditionsreichen alten, unter Denkmalschutz stehenden Stadion ein neues Leben zu schenken", so Geschäftsführer Horst Hauser, der im Namen des Auslobers die Urkunden überreichte. Den Aufstieg in die erste Klasse der Sportarenen hat das "Juwel des Sports" (so Bundesinnenminister Otto Schily) damit bereits geschafft, bevor König Fußball im kommenden Jahr zur Weltmeisterschaft regiert.

Zwischen Idee und Realisierung lag für alle Beteiligten wie so oft ein weiter Weg. Hubert Nienhoff vom Architekturbüro gmp erinnert sich: "Unser Ansatz war, das historische Ensemble zu respektieren und die landschaftlich räumliche Einbindung der Anlage soweit wie möglich zu erhalten. So fiel die Entscheidung, die Sichtachse Marathontor über das Maifeld zum Glockenturm freizuhalten und bei der Ausbildung des Daches zu berücksichtigen. Dieses entwurfsbestimmende Element hat sich nachhaltig auf die zu wählende Konstruktion ausgewirkt und ist zu einer Art Logo für das renovierte Olympiastadion geworden."

Entwurfskonzept der Architekten:
"Modernisierung und Grundinstandsetzung des Olympiastadions Berlin"

Das Projekt nimmt eine Sonderstellung unter den anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 ertüchtigten bzw. neu errichteten Stadionbauwerken ein. Der Zielkonflikt zwischen den entgegengesetzten Erfordernissen von Denkmalschutz und Modernisierung einerseits, sowie zwischen einer multifunktionellen Nutzung und einer reinen Fußball-Arena andererseits, wird durch den Entwurf der Architekten in eine Synthese verwandelt. Das Konzept betrachtet das Stadion nicht allein, sondern im räumlichen Kontext mit dem Gesamtgelände. Dies schloss von vornherein aus, die Sicht durch das westlich gelegene Marathontor auf den Glockenturm durch eine Dachkonstruktion zu verbauen. Das von Werner March als Gesamtkunstwerk gestaltete Gelände bleibt als städtebauliches Denkmal der 30er Jahre erhalten, wobei das neue Konzept die Qualitäten des Altbaus unterstützt, indem es sich komplett dem Altbau unterordnet. Die Außenbauwerke wurden vollständig unterirdisch geplant, um das äußere Erscheinungsbild nicht zu beeinträchtigen.

Um die geforderte Vollüberdachung aller Tribünenplätze realisieren zu können, wurde ein umlaufendes, in seiner Gestaltungsform gleichbleibendes Dach entworfen, das im Bereich des Marathontores als architektonische Reaktion auf den denkmalwerten Bestand unterbrochen ist. Diese Unterbrechung sowie die Forderung nach einer abschnittsweisen Herstellung unter laufendem Spielbetrieb führte zum Entwurf einer leichten Tragkonstruktion aus Stahl mit flugzeugflügelähnlichem Querschnitt.

Seine optische und materielle Leichtigkeit erhält das Dach in erster Linie durch die filigrane Stahlrohrkonstruktion und die Verwendung einer transluzenten Membranverkleidung als obere und untere Dachhaut. Nach innen setzt sich das Dach in Form einer frei sichtbaren Stahlkonstruktion mit einer ca. 13 Meter breiten Glaseindeckung fort. Am äußeren Rand geht das Dach in einen Metall verkleideten Massivbereich über, der sich nach außen hin diskusförmig verjüngt. Der Stahlbetonaußenring wirkt als Gegenballast zur Tragkonstruktion und als horizontale Aussteifung des Dachtragwerkes.

Die Tiefe des Daches beträgt umlaufend ca. 68 Meter. Getragen wird das Dach von 20 schlanken Baumstützen, die im Bereich des Oberringes mit einem Abstand von 32 - 40 Metern angeordnet sind. Die 76 Radialbinder ragen über die Baumstützen 49 Meter weit in den Stadioninnenraum. Am äußeren Rand wird das Dach durch 132 über den Muschelkalkpfeilern angeordneten Stahlstützen getragen.

Über den Baumstützen verläuft ein Dreigurtbinder als Durchlaufträger in tangentialer Richtung. Dieser unterstützt die Radialbinder und übernimmt aussteifende Funktionen. Zum Ausgleich der vertikalen Verformungen der Radialbinderspitzen ist in der Nähe des Dachinnenrandes ein tangential verlaufender Zweigurtbinder angeordnet.

In ihrer Laudatio begründete die Jury ihre Entscheidung für das Bauwerk wie folgt (Auszug):

"Einzigartig bzw. besonders an dem Projekt ist das Zusammenführen einer Vielzahl einflussnehmender Parameter aus Sport, Denkmal und deutscher Geschichte, die in ein stimmiges und ausgewogenes Gesamtkonzept umgesetzt wurden. Unter Einbeziehung unterschiedlichster denkmalpflegerischer Anforderungen entsteht zunächst einmal wieder ein großes Stadion, das allen heutigen Anforderungen an eine funktionierende Sportstätte internationalen Standards entspricht.

Dem in vielerlei Hinsicht "schweren" Stadion-Denkmal im Sockelbereich wird ein "leichtes" Dach überstellt. So löst sich der Innenbereich lichtdurchflutet auf mit Hilfe entsprechender Glaskonstruktionen und weißen fast entmaterialisierten, lichtdurchlässigen, Teflon beschichteten Membranen. Zusammen kommen Alt und Neu lediglich im Bereich von 20 Baumstützen, die im Zuschauerbereich angeordnet werden mussten, und einer durchlaufenden Stützenreihe im Kronenbereich der denkmalgeschützten Außenfassade. Räumlich entsteht eine weitestgehend entmaterialisierte Fuge, eine Inszenierung des respektvollen Abstandes zwischen dem alten Sockel und der neuen Dachkonstruktion.

Durchaus innovativ in der Bewältigung der unterschiedlichsten Belange entsteht ein neues Ganzes, ohne dass das alte Stadion nebst seinem "historischen Erbe" dabei zugedeckt wird. Im Zusammenspiel von "beladenem" Sockel und leichtem ruhigen Dach wird, ohne die Geschichte auszublenden, eine Konzentration und räumliche Spannung erzeugt auf das, was der Bau erfüllen soll: die Funktion einer Sportarena !"

Übrigens

Der Deutsche Stahlbaupreis wurde von einer unabhängigen Jury anerkannter Architekten und Bauingenieure im vergangenen Jahr unter 69 Einreichungen entschieden, weitere 10 Objekte erhielten eine Auszeichnung. Beurteilungskriterien für die Vergabe des Preises sind insbesondere die architektonische Qualität des Bauwerkes, innovative Konstruktion und Technik, materialgerechte Verwendung des Baustoffes Stahl, funktionale Aspekte und Nutzungsflexibilität sowie städtebauliche Einbindung.

Das mit 10.000 EURO dotierte Preisgeld stiften die siegreichen Büros gmp - von Gerkan Marg und Partner sowie das Ingenieurbüro Krebs und Kiefer für den Raum der Andacht im Olympiastadion. OKR Dr. Bernhard Felmberg nahm die Spende im Namen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz entgegen.

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