Gegenschall: Dank Lärm endlich Ruhe
- Forscher wollen "aktives Gegenschallsystem" für Wohnräume entwickeln
- DBU fördert mit 95.000 Euro
(14.11.2006) Wer schon einmal versucht hat, bei geöffnetem Fenster an einer befahrenen Straße zu schlafen, kennt das Problem: Entweder mit geöffnetem Fenster den Lärm ertragen oder ruhiger schlafen ohne Frischluft. Keine leichte Wahl, gilt Lärm doch als Umweltproblem ersten Ranges und kann den Körper extrem stressen. Aber für einen gesunden Schlaf ist auch frische Luft notwendig. Das Institut für Mechanik der Universität der Bundeswehr Hamburg arbeitet jetzt an einer möglichen Lösung des Problems: Mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) will das Forscherteam um Prof. Dr. Delf Sachau ein innovatives "aktives Gegenschallsystem" entwickeln, das den Straßenlärm im Schlafzimmer neutralisiert und somit Ruhe einkehren lässt. "Klappt unser Vorhaben, könnte es auch in Lesesälen einer Bibliothek oder Schlafwagenabteilen in Nachtzügen eingesetzt werden", erläutert Sachau.
Per Knopfdruck den Lärm einfach auszuschalten, ist natürlich
eine verlockende Vorstellung. Das Prinzip ist vergleichsweise einfach: Dem Lärm
mit Lärm zu begegnen und damit Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen - das ist
eigentlich einfache Wellenlehre aus der Schulphysik: "Eine Schallwelle kann mit
einer gleichartigen, entgegengesetzten Gegenwelle ausgelöscht werden", weiß auch
Sachau. Schall setzt Luft in Schwingung. Wird zeitgleich ein Gegendruck gleicher
Art erzeugt, bleiben die Moleküle bestenfalls an Ort und Stelle. Die Luft ruht,
so auch der Mensch: Lärmende Schallwellen von draußen bleiben fern, auch bei
geöffnetem Fenster. Damit das funktioniert, müssen Mikrofone störende Geräusche
aufnehmen, ein Computerchip die Tonsignale berechnen und möglichst schnell an
entsprechend ausgerichtete Lautsprecher schicken. Die senden dann den
Gegenschall aus.
"Ziel des Forschungsprojektes ist es, eine möglichst standardisierbare Anordnung der Technik am Fenster für beliebige Raumgeometrien zu entwickeln, die Geräusche von draußen auf etwa ein Zehntel der ursprünglichen Lautstärke verringert", erklärt DBU-Experte Dr. Jörg Lefèvre.
In einem zweiten Schritt wollten die Wissenschaftler dann gemeinsam mit einem Hersteller das Produkt entwickeln. Keine einfache Aufgabe: Denn je lauter die Lärmquelle und je größer der zu schützende Bereich - desto schwieriger sei der Lärmschutz. "Verkehrslärm soll draußen bleiben, aber den Wecker soll der schlafende Mensch ja trotzdem hören", erwähnt Lefèvre weitere Herausforderungen. "Genauso soll eine Unterhaltung an beliebiger Stelle im Raum ungestört bleiben von Einflüssen der aktiven Schalltilgung." Um die Probleme zu lösen, wollen die Hamburger Forscher etwa zusätzliche Mikrofone am Bett einsetzen. In vorhergegangenen Versuchen bewiesen sie, dass die Technik funktioniert. Jetzt geht es darum, eine aktive Lärmminderung großflächig umzusetzen. "Wo, welche Technik aufgebaut werden muss - darauf richtet sich bei diesem Projekt das Hauptaugenmerk", bestätigt Sachau.
"Lärm gehört zu den ungelösten Umweltproblemen ersten Ranges", betont DBU-Generalsekretär Dr. Fritz Brickwedde, und ist nach Aussage des Umweltbundesamtes in den vergangenen Jahrzehnten zu einer ernsten Belastung der Bevölkerung geworden. Die rasche Zunahme der Lärmquellen wirke sich besonders gravierend aus, weil die Bundesrepublik dicht besiedelt sei und große hochverdichtete Siedlungs- und Wirtschaftsräume aufweise. Noch werden etwa in Kraftwerken platzraubende, umweltbelastende und oft energiefressende, konventionelle Passiv-Schalldämpfer eingesetzt. Die Entwicklung "aktiver Gegenschallanlagen" könne helfen, den Lärm einzudämmen und dabei vor allem Energie und Bauraum zu sparen. Seit über zehn Jahren unterstützt die DBU deshalb entsprechende Forschungsvorhaben. Mit guten Erfolgen: "Bei Industrieschornsteinen, Kompressoren, Lüftungsanlagen und Auspuffanlagen zählen Aktivschalldämpfer inzwischen zum Stand der Technik", meint Lefèvre. Jetzt erreicht die Methode das Schlafzimmer. Mit finanzieller Hilfe der Deutschen Bundesstiftung Umwelt von 95.000 Euro arbeitet das Forscherteam um Sachau an einer "Insel der Ruhe".
siehe auch für weitere Informationen:
- Institut für Mechanik der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg
- Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
jüngere Beiträge, die auf diesen verweisen:
- Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung von Straßenlärm betroffen (8.1.2012)
- Städtelärmranking 2011 (12.10.2011)
- Leicht und luftig anstatt schwer und samtig: Neue Leichtvorhänge, die Lärm schlucken (2.9.2011)
- Forschungs- und Entwicklungscluster untersucht Störfaktor "Lärm" im Büro (27.4.2011)
- Normgerechter Schallschutz mit Trockenbau weiterhin möglich (27.4.2011)
- weitere Details...
ausgewählte weitere Meldungen:
- Raumakustik in modernen Arbeitswelten (31.10.2006)
- Neue Akustikdeckenplatten von Rigips mit sechseckigem Lochbild (19.10.2006)
- Rockfon engagiert sich im Projekt "Zukunftsschulen" (21.9.2006)
- Akustische Probleme auf ansehnliche Weise lösen (20.7.2006)
- Effektiver Schallschutz auch bei geringen Raumhöhen (16.6.2006)
- Deckensegel verbessert Raumakustik und -beleuchtung (19.5.2006)
- PhoneSTOP-Schallabsorption innen und außen - auch zum Nachrüsten (17.3.2006)
- Konzepte, die den Schall / die Raumakustik beherrschen (25.1.2006)
- McDonald's setzt auf raumluftverbessernde Akustikdecke von Knauf (8.10.2005)
- Broschüre: Schalloptimierte Klassenzimmer gestalten (6.10.2005)
- Breitband-Kompaktabsorber für Wand, Decke und Systemwände (11.2.2005)
- Dröhnende Altbaudecke adé (6.1.2005)
- schalltechnische Sanierung von Bestandsdecken (1.9.2004)
- Akustikdecke mit Wellenschlag: Stilvoller Schallschutz mit StoSilent Panel (2.4.2004)
siehe zudem:
- Literatur / Bücher zum Themen Büro, Möbel, Trockenbau, Innenausbau bei Amazon.de
- Schreiben Sie Ihre Erfahrungen / Meinung dazu: Planen und Bauen-Forum
- Dämmen, Deckenverkleidung und Wandverkleidung auf Baulinks

