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Wo der Aufschwung herkam - sechs Hypothesen

(18.11.2007) Nach dem Urteil der Wirtschaftsforschungsinstitute bleibt der deutsche Aufschwung im nächsten Jahr noch erhalten, schwächt sich aber deutlich ab. Die Flaute der amerikanischen Wirtschaft wirft ihre Schatten voraus. Die Abschwächung des deutschen Aufschwungs wirft die Frage auf, woher dieser Aufschwung überhaupt kam. Wenn man die Ursache weiß, kann man die Aufschwungkräfte vielleicht etwas länger bewahren. Sechs Hypothesen lassen sich unterscheiden.

Hypothese 1: Der Aufschwung gehört Frau Merkel

Diese Hypothese ist offenkundig falsch, denn die Regierung hat ja das Budgetdefizit des Staates völlig abgebaut, und Angebotspolitik hat sie nicht gemacht. Während das Defizit im Jahr des Amtsantritts bei 3,4% des BIP lag, erwartet man in diesem Jahr sogar einen kleinen Überschuss von 0,1%. Die Regierung hat den Aufschwung also gebremst. Das war aber genau das Richtige, antizyklische Politik wie im Lehrbuch. Die Lasten für zukünftige Generationen wurden nicht vergrößert, und für den nächsten Abschwung hat man sein Pulver trocken behalten.

Hypothese 2: Die Gewerkschaften haben sich zurück gehalten, was neue Arbeitsplätze geschaffen hat.

In der Tat sind die nominalen Lohnstückkosten in den letzten Jahren deutlich hinter der Entwicklung anderer Länder zurückgeblieben. Während die deutschen Lohnstückkosten von 1999 bis 2006 nur um 0,6% stiegen, nahmen die Lohnstückkosten der anderen Euro-Länder im Durchschnitt um 15,9% zu, was für Deutschland eine relative Lohnkostensenkung von 13,2% bedeutete. Das hat die Wettbewerbsfähigkeit der immer noch sehr teuren deutschen Arbeitnehmer wieder etwas verbessert. Allerdings gebührt das Lob hierfür weniger den Gewerkschaften als der allgemeinen Preiszurückhaltung in Deutschland und der Agenda 2010. Dies begründet die beiden nächsten Hypothesen.

Hypothese 3: Deutschland hat langsamer inflationiert als die anderen Euroländer und ist damit insgesamt wettbewerbsfähiger geworden.

Ökonomen nennen das reale Abwertung. Tatsächlich hat Deutschland gemessen am Preisindex für das BIP von 1999 bis 2006 im Euroraum um 11,4% (handelsgewichtet um 10,9%) abgewertet. Dies ist der Hauptgrund für das Zurückbleiben der deutschen Lohnstückkosten. Von dem Vorteil bei der Verminderung der Lohnstückkosten gegenüber den anderen Euroländern (13,2%) werden deshalb also nur etwa 2 Prozentpunkte durch eine reale Lohnzurückhaltung erklärt.

Hypothese 4: Die Agenda 2010 wirkt.

Schröder hatte einer Million Menschen im Westen und einer Million Menschen im Osten die Arbeitslosenhilfe gestrichen und sie mit dem Arbeitslosengeld II faktisch zu Sozialhilfeempfängern gemacht. Außerdem hat er die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für ältere Arbeitnehmer von 32 auf 18 Monate gesenkt. Das alles hat die impliziten Lohnansprüche, die durch den Lohnersatz definiert waren, gesenkt und ein wenig Bewegung in die Lohnfront gebracht, was auch ein Beitrag zum Jobwunder der letzten zwei Jahre war. Man kann die Effekte zwar noch nicht quantifizieren. Ein Indiz für die Richtigkeit der Hypothese ist aber, dass die Beschäftigung der über-fünfzigjährigen Arbeitnehmer im Verlauf des Jahres 2006 um 4,9% zunahm, während im Durchschnitt über alle Altersklassen nur ein Plus von 1,6% zu verzeichnen war.

Hypothese 5: Die Konjunktur wird vom Ersatzzyklus der Investitionen getragen.

Diese These ist, wie ein Blick auf die Trendzerlegung der Nachfragekomponenten des Sozialprodukts zeigt, unabweisbar. Investitionen sind die Cycle Makers. Sie schwanken viel stärker als andere Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und erzeugen dadurch das Auf und Ab, das man Konjunktur nennt. Der deutsche Investitionszyklus war bislang etwa zehn Jahre lang, scheint sich nun aber etwas verkürzt zu haben. Die Konjunktur wird jedenfalls maßgeblich davon erklärt. Dass die Investitionen die Konjunktur machen, gilt freilich nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt. Das bringt uns zur letzten Hypothese...

Hypothese 6: Die deutsche Konjunktur folgt der Weltkonjunktur, weil wir viel exportieren.

Auch diese Hypothese stimmt ohne Zweifel, denn die Weltkonjunktur brummt wie schon lang nicht mehr. In diesem Jahr wächst die Weltwirtschaft zum vierten Mal hintereinander mit einer Rate von etwa 5%. Das hat es seit 1950 noch nicht gegeben. Bestenfalls verzeichnete man Wachstumsraten von 5% oder mehr immer nur für maximal drei Jahre.

Zwischen der Hypothese 6 und der Hypothese 5 gibt es keinen Widerspruch, denn die Weltkonjunktur wird ebenfalls durch den Investitionszyklus erklärt. Die Hypothesen ergänzen sich sogar gerade im deutschen Fall in besonderer Weise, weil sich Deutschland beim Export auf Investitionsgüter spezialisiert hat. Das Land profitierte deshalb vom Aufschwung der Weltwirtschaft relativ mehr als die anderen Euro-Länder und konnte sich aus der Schlusslichtposition beim Wachstum bis zum Durchschnitt vorrobben. Es könnte aber später aus dem gleichen Grunde vom Abschwung stärker betroffen sein.

Dass man Jahrzehnte lang alle Kräfte auf den Aufbau des Exports gesetzt und dabei die Binnensektoren vernachlässigt hat, führte zu einer besonders hohen Konjunkturabhängigkeit des Landes. Im Boom wird Deutschland zwar stärker als die anderen Euroländer hochgehoben, dafür sackt es in der Flaute umso stärker nach unten. Deshalb ist es wichtig, die Kräfte, die gemäß Hypothese 4 von der Agenda 2010 ausgehen, weiter zu stärken. Sie werden langfristig zum Aufbau dienstleistungsintensiver Binnensektoren beitragen und so die Konjunkturabhängigkeit der deutschen Wirtschaft verringern.

Autor:

  • Hans-Werner Sinn
    Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
    Präsident des ifo Instituts

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