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Konzertsaal von Danmarks Radio als akustische Herausforderung

(28.4.2008) Nach Plänen des französischen Stararchitekten Jean Nouvel entsteht in Kopenhagen derzeit das 4. Segment von DR Byen, der neuen Sendestadt des öffentlich-rechtlichen Danmarks Radio (DR) - siehe Bing-Maps und/oder Google-Maps. Herzstück des 4. Segments ist ein großer Konzertsaal mit 1.800 Sitzplätzen. Seine expressive Innenarchitektur und das ausgefeilte raumakustische Konzept werden mit einer außergewöhnlichen Konstruktion aus Fermacell Gipsfaser-Platten realisiert: Schallschluckende Elemente aus bis zu fünf Plattenlagen sollen im Zusammenspiel mit einer schallentkoppelten Unterkonstruktion aus Gipsfaser-Spanten für optimalen Musikgenuss sorgen. Gleichzeitig haben sie jede akustische Störung zwischen dem Konzertsaal und den anderen Proberäumen und Tonstudios im Gebäude zu verhindern.

Konzertsaal von Danmarks Radio, DR Byen, Kopenhagen
Computermodell: So soll der Konzertsaal von Danmarks Radio mal aussehen ... (Bild vergrößern)

1999 fiel der Startschuss für den Umzug von Danmarks Radio, sozusagen der ARD Dänemarks, in den Kopenhagener Stadtteil Ørestad. Das dänische Architekturbüro VLA Vilhelm Lauritzen Arkitekter, Kopenhagen, hatte den Wettbewerb zum Generalplan der neuen Medienstadt gewonnen und übernahm selbst die Gestaltung des ersten Bauabschnitts. Die Planung der weiteren drei Segmente wurde anderen Büros übertragen, um innerhalb von DR Byen unterschiedliche Handschriften zu verwirklichen. Denn "Byen" steht für "Stadt" und damit für architektonische Vielfalt auf den etwa 130.000 m² Gesamtfläche des Projekts - siehe Foto vom 17.4.2008 mit dem ersten Segment (rechts) und vierten Segment, der im Bau befindlichen Konzerthalle (links).

Architekt Jean NouvelDen Wettbewerb für das 4. Segment entschied 2002 der französische Architekt Jean Nouvel für sich (Bild rechts). Es handelt sich um die Konzerthalle, deren Kern der große Orchestersaal mit 1.800 Publikumsplätzen bildet. Außerdem enthält das Gebäude verschiedene weitere Proben- und Aufnahmestudios sowie Büroräume und das großzügige Eingangsfoyer.

Auf seiner Homepage beschreibt Nouvel, welche spannungsvolle Herausforderung es für ihn war, im noch weitgehend unbebauten Umfeld der Medienstadt ein markantes und für den Ort Identität stiftendes Bauwerk zu planen. Er fand die adäquate Antwort mit einem kompakten Kubus, dessen transparente Fassaden am Tag eine intensive Beziehung zwischen dem Innern und der künftigen Nachbarschaft erlauben soll. Bei Dunkelheit werde sich das Gebäude mit seinen Farben und Lichtern als ein anziehender und lebendiger Ort präsentieren.

Die komplexe und vielfältige Innengestaltung schafft eine Welt der Gegensätze und Überraschungen. Die Musiker und Konzertbesucher können jeden einzelnen Raum und jedes architektonische Detail als Entdeckung erleben. Seinen Höhepunkt findet dieses Konzept im großen Konzertsaal mit etwa 28.000 m³ Raumvolumen:


... und so sieht/sah der Konzertsaal als Baustelle aus. (Bild vergrößern)

Der Konzertsaal wird durch die fast vollständige Abwesenheit glatter gerader Flächen geprägt. Stattdessen stellen die auf- und absteigenden Linien, die fließenden Wölbungen und Rundungen einen unmittelbaren Bezug zur Bewegung der Musik her. Das Auge des Konzertbesuchers gleitet über dynamisch-weiche Konturen, was den Sinneseindruck der Ohren unterstreicht, ohne jedoch abzulenken.

Konzertsaal als Haus im Haus

Neben der ungewöhnlichen Architektur stellten die schalltechnischen Bedingungen des großen Konzertsaals eine große Herausforderung dar. Und dies gleich in zweifacher Hinsicht:

  • Zum einen sollte die innere Akustik ein gutes räumliches Hörerlebnis auf allen Plätzen gewährleisten. Die Planung hierfür übernahm mit Nagata Acoustics, ein international führendes Spezialbüro mit Sitz in Tokio und Los Angeles, das zum Beispiel auch die Akustik der Elbphilharmonie in Hamburg verantwortet (zur Erinnerung Bild aus dem Beitrag "HafenCity Hamburg - Modell einer europäischen Stadt des 21. Jahrhunderts" vom 12.10.2005).
  • Zum anderen musste der Konzertsaal akustisch vollständig von allen anderen Teilen des Gebäudes entkoppelt werden, damit Aufführungen im Saal nicht die Arbeit in den anderen Tonstudios und Proberäumen stören.

Obwohl es sich beim Segment 4 baulich um eine einheitliche Stahlbetonkonstruktion handelt, bildet die Innenauskleidung des großen Saals nach seiner Fertigstellung ein schalltechnisch völlig eigenständiges Haus im Haus.

Alternative auf europäischer Grundlage

Die erste Idee sah eine Stahlunterkonstruktion für den Saal vor, an der die Wand- und Deckenbekleidung befestigt werden sollte. Wegen der eigenwilligen Raumgeometrie hätte dabei jedes Stahlteil als einzelnes Unikat angefertigt und noch dazu schalltechnisch entkoppelt werden müssen. Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit.

Der ausgeführte Alternativvorschlag verwendet eine mehrlagige Wand- und Deckenbekleidung aus Fermacell Gipsfaser-Platten. Ihre Besonderheit ist die Unterkonstruktion, die nicht wie gewöhnlich aus Holz oder Metall besteht, sondern mit wiederum mehrlagigen Spanten aus zugeschnittenen Gipsfaser-Platten ausgebildet wird. Die schon für sich allein sehr gut schalldämmende Bekleidung ist durch die Befestigung auf den weich gelagerten Gipsfaser-Spanten akustisch komplett vom übrigen Gebäude abgekoppelt - siehe zudem Foto, das Fermacell-"Träger" zeigt, die hochkant auf der Stahlkonstruktion aufliegen und an denen wegen Brandschutzes verkleidete Gewindestangen hängen, an denen wiederum die Decken- und Wandelemente befestigt sind, und die Schnittzeichnung dazu.

Diese Lösung ist gegenüber Stahl nicht nur in der Ausführung praktikabler, sondern durch die Europäische Technische Zulassung von Fermacell (ETA Nr. 03-0050) auch in qualitativer und baurechtlicher Hinsicht abgesichert. Die ETA beschreibt EU-weit gültige Parameter für die Planung und den Einsatz von Fermacell, so dass der französische Architekt mit deutschen Firmen das Projekt in Dänemark ohne Verständigungsschwierigkeiten abwickeln konnte - wenn man so will also ein Stück gelebtes Europa.

Planung und Vorfertigung in Deutschland

Der Alternativvorschlag der Saalgestaltung mit Gipsfaser-Platten wurde von der Voringer Gewölbe und Ausbautechnik GmbH aus Töging ausgearbeitet. Grundlage war der architektonische Entwurf von Nouvel, der als computergeneriertes Modell vorlag. Darauf aufbauend entwickelte Voringer die komplette Fertigungs- sowie Montageplanung und stellte die Bekleidungselemente auch selbst in Vorfertigung her.


Die zunächst ebenen Fermacell Platten wurden dafür auf die vorgesehenen Radien gebogen und dann zu mehrlagigen Elementen verschraubt und verklebt. Die Anzahl der Lagen ergab sich dabei aus den vom Akustiker vorgegebenen Flächengewichten für jeden Wand- bzw. Deckenabschnitt. Die schwersten Bereiche mussten 100 kg/m² auf die Waage bringen, was eine bis zu fünffache Beplankung mit Fermacell verlangte. Für die Südwand des Saals waren außerdem Elemente mit akustisch wirksamem Lochbild anzufertigen, bei dem Öffnungen mit vier verschiedenen Durchmessern aufsteigend angeordnet sind.

Die Größe jedes Spantenabschnitts und jedes Flächenelements wurde so gewählt, dass sich die Teile gut transportieren und in der Regel ohne Kran oder andere Hilfsmittel versetzen ließen. Jedes der Bauteile für rund 20.000 m² Wand- und Deckenfläche erhielt eine Bezeichnung nach Montageplan und wurde dann auf Paletten nach Kopenhagen gebracht.

Verfahrbares, doppelt gekrümmtes Deckensegel

Dort übernahm die Arnstorfer Lindner Group den gesamten Innenausbau des Segments 4 von DR Byen und führte damit auch die Montage im großen Konzertsaal aus. Nach den Plänen von Voringer wurden die Wände in schallentkoppelte Schuhe oder auf Gummiprofile gestellt und die einzelnen Elemente auf den Gipsfaser-Spanten befestigt. Eine besondere Herausforderung waren frei auskragende Wandabschnitte, wie sie sich oberhalb des letzten Zuschauerrangs erheben. Die Spanten ruhen hier schallentkoppelt auf einem nur 140 mm starken Stahlprofil.

Die Decke des Saals wird von einem verfahrbaren rund 225 m² großen Deckensegel beherrscht. 14 unterschiedlich und in beide Raumrichtungen gekrümmte Fermacell-Elemente sind hierfür auf eine Stahl-Unterkonstruktion montiert. Je nach akustischen und technischen Anforderungen kann das insgesamt rund 75 t schwere Segel über Seilzüge und Umlenkrollen gehoben oder gesenkt werden. Darüber erhebt sich die (feste) Hauptdecke, ebenfalls mit Gipsfaserbeplankung und einer Sichtseite aus gefrästem Holz.


Holz ist auch an den Brüstungen der Ränge (Bild oben) und am Boden des Saals das prägende Material. Unter dem Parkett des Fußbodens befinden sich Fermacell Estrichelemente, die von einem Schwerlastkinoboden der Lindner Group getragen werden. Die Gipsfaserelemente der Wände erhielten als Oberflächenfinish eine 6 mm Gipsplattenauflage, die gespachtelt, mit einem Malervlies belegt und schließlich gestrichen wurden.

Sicherheit bei Schall- und Brandschutz

Durch den Aufbau von Boden, Decke und Wänden ist der Konzertsaal allseitig von schallentkoppelt gelagerten Fermacell Gipsfaser-Platten eingeschlossen.

Er bildet damit akustisch eine selbstständige Einheit innerhalb des Gesamtgebäudes. Kein Geräusch und keine Schwingung wird bei den Aufführungen aus dem Saal dringen, so dass die anderen, ebenfalls akustisch als Raum-im-Raum ausgeführten Studio-, Chor- und Konzerträume im Gebäude ohne Einschränkungen parallel genutzt werden können.

Gleichzeitig erfüllt die Konstruktion die bei öffentlichen Gebäuden besonders strengen brandschutztechnischen Auflagen. Fermacell Gipsfaser-Platten entsprechen den Brandschutzanforderungen der Klasse A2-s1, d0 nach DIN EN 13501-1.

In DR Byen entsteht also nicht nur ein architektonisch und akustisch außergewöhnlicher, sondern zugleich ein besonders sicherer moderner Konzertsaal. Voraussichtlich im Januar 2009 werden sich die Kopenhagener zur Einweihung davon selbst überzeugen können.

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