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Villa Tugendhat von Mies van der Rohe mit reproduzierten, kalibrierten Rako-Fliesen wiedereröffnet

(12.10.2012) Berühmte Bauwerke sind ihrer Zeit oft voraus. Aber es gibt wohl kaum ein Bauwerk, das seiner Zeit so weit voraus war wie die “Villa Tugendhat” im tsche­chischen Brno (ehemals Brünn; siehe auch Google-Maps):

Nach den Plänen von Ludwig Mies van der Rohe errichtet und inzwischen detailgenau saniert, beeindruckt das luxuriöse, 1930 fertiggestellte Wohnhaus noch heute durch seine klare Großzügigkeit und visionäre Gebäudetechnik. Nach einer aufwändigen, zwei Jahre dauernden Renovierung konnte die Ikone moderner Architektur im Frühjahr 2012 wiedereröffnet werden.

Lichtdurchflutet und variabel in der Raumgestaltung, ebenso funktional wie hochwertig in der Einrichtung und visionär in seinen technischen Möglichkeiten - eine faszinierende Kombi­nation aus zukunftsweisenden Gestaltungsideen zeichnet die „Villa Tugendhat“ aus - ein Einfamilienhaus mit 1.250 m² Nutzfläche. Gebaut für die Brünner Textilfabrikanten Fritz und Grete Tugenthat für einen damals horrenden Betrag (es galt damals als das teuerste Einfamilienhaus weltweit), aber auch mit bemerkenswertem Mut zu einem seinerzeit völlig neuen Architekturkonzept.

Allerdings meinte es die Geschichte nicht gut mit diesem Schmuckstück beispielhafter Baukunst: Nur acht Jahre lang war es seinen Besitzern vergönnt, ihr edles Domizil zu nutzen. Als das Sudetenland 1938 vom Deutschen Reich annektiert wurde floh die jüdische Familie und für die Villa folgten Jahrzehnte der Zweckentfremdung und des stetigen Verfalls.

Gelistet als UNESCO-Weltkulturerbe

Erst in jüngster Vergangenheit fand das Haus zur verdienten Beachtung zurück: 1995 wurde die Villa zum Nationalen Kultur­denkmal erklärt, 2001 gar als eines der wenigen modernen Ge­bäude in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Aber erst 2010 standen die nötigen finanziellen Mittel (knapp sieben Millionen Euro) für eine umfassende Sanierung der Villa bereit. Eine Arbeitsgemeinschaft aus drei Architekturbüros wurde damit beauftragt, das Objekt so weit wie möglich in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Auch die traditionsreiche tschechische Fliesenmarke Rako, die schon die Originalfliesen für das Haus gefertigt hatte, beteilig­te sich an den zwei Jahre dauernden Instandsetzungsmaßnah­men. Das Tochterunternehmen der österreichischen Lassels­berger-Gruppe nahm die Herausforderung an und stellte Repliken für die im Haus all­gegenwärtigen Rako-Fliesen her, für Bäder und Küche, für Esszimmer und Kesselraum - und zwar insgesamt rund 600 m² weiße Wandfliesen und 250 Quadratmeter weiße Bo­denfliesen im Format 15 x 15 cm. Lediglich im Tresorraum für Pelzmäntel gab es keinen Renovierungsbedarf: Hier waren die ursprünglichen keramischen Wandbeläge komplett herhalten geblieben.

Küche „Villa Tugendhat“ von Mies van der Rohe
geflieste Küche im Untergeschoss (Bild vergrößern)

Schon damals: Kalibrierte Fliesen

„Anhand der zur Verfügung gestellten Originalmuster, die von den Wänden und Fußbö­den der Villa genommen wurden, war der Unterschied zwischen damaliger Produktions­technik und den heutigen Möglichkeiten moderner Produktionsanlagen sofort ersicht­lich“, so Ing. František Oujirí, Leiter des Bereichs Entwicklung und Technologie bei Rako und beteiligt an der Entwicklung der Fliesennachbildungen: „Die Originale waren ursprünglich im Doppelbrennverfahren aus einer als Kaolinit-Scherbe bezeichneten Rohstoffmischung hergestellt worden. Deren weiße Farbe galt als typisch und machte den besonderen Wert der damaligen tschechoslowakischen Steingutfliesen aus.“

Zweites charakteristisches und weltweit geschätztes Merkmal war die hohe Maßgenauigkeit der damals produzierten Fliesen. „Dafür gab es in unserem Werk Horní Bríza eigene, patentierte Kalibrier-Maschinen, die von uns entwickelt und hergestellt worden waren.“ Fliesenverlegungen mit sehr schmaler Fuge waren damit schon vor mehr als 80 Jahren möglich - ganz ge­nau so wie sie heute als das Nonplusultra moderner Fliesen­verlegung angesehen werden.

Wieder aktiviert: Die alte Kalibriermaschine

Die Lösung bei der Herstellung neuer „alter“ Fliesen lag schließ­lich in einer Kombination aus früheren und modernen Produktionsverfahren. Verwendet wurden Rohstoffmischungen und Glasuren, die in einem Brennvorgang verarbeitet wer­den konnten. Wert legten die Architekten und Restauratoren außerdem darauf, dass die abgerundeten Fliesenkanten für Ecken und Abschlussränder - heute nicht mehr aktuell, aber typisch für die damalige Zeit - originalgetreu übernommen wurden. Ein Anspruch, der durch die Entwicklung einer speziellen Form erfüllt wurde. Lediglich die­ser Teil der Repliken entstand im Doppelbrandverfahren.

Die Kalibrierung der reproduzierten Keramik fand schließlich ganz symbolisch in Horní Bríza statt, in dem gleichen Werk, in dem die ersten Kalibrier-Maschinen gestanden hatten, dann vergessen und jetzt wieder entdeckt und eingesetzt wurden.

Spezieller Verlegeplan für jede Fliesenwand

Zu einer anspruchsvollen Aufgabe entwickelte sich auch die Verlegung der wiederher­gestellten Wandfliesen im Format 15 x 15 cm. Aus alten Fotografien ließ sich erken­nen, wie genau der ehemalige Fugenschnitt gewesen war. Deshalb sollten bei der Er­neuerung sowohl der ursprüngliche Rhythmus als auch die Einbeziehung der Einrich­tungselemente eine Rolle spielen. Beispielsweise war es in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht üblich, kreisrunde Ausschnitte in Fliesen zu schneiden, um bei­spielsweise eine Zuleitung für den Waschtisch zu ermöglichen. Vielmehr musste die Fugenlinie so vorausgeplant werden, dass die Leitungswege in der Fuge angelegt wa­ren und die 9 mm dicken Fliesen nur durch seitliches Ausbrechen die entsprechende Öffnung ermöglichten. Sprich: Es musste für jedes Badezimmer, für jede einzelne Wand ein eigener Verlegeplan angefertigt werden.

Wie bei der gesamten Renovierungsmaßnahme lag der Wert im Detail: Betrachtet man den Wanneneinbau, den Einsatz der Ablageflächen oder auch die Anschlüsse an den Türzargen genauer, dann wird ersichtlich, mit wie viel Exaktheit und teilweise auch mit wie viel persönlichem Einfallsreichtum hier gearbeitet wurde. Bis hin zur Anfertigung einer eigens gemischten Fugenmasse reichte die sensible Wiederherstellung der kera­mischen Flächen. „Sie wurde aus mehreren Farbtönen ausgewählt und rundet den endgültigen Eindruck perfekt ab", so das zufriedene Fazit von Petr Miklícek, Keramik­restaurator mit Lizenz des tschechischen Kultusministeriums, und zuständig für die Fliesenverlegung in der Villa Tugendhat.

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