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Bericht vom 13. Brillux Architektenforum in Berlin: Zukunftstrends – Zukunftsfragen

(18.11.2012) Profilierte Referenten, engagierte Moderation, voll besetztes Haus, ak­tuelle Themen, interessante Exkursionen: Das 13. Brillux Architektenforum fand in Berlin in der Akademie der Künste statt. Die Location hätte nicht passender sein kön­nen für das Thema: „Zukunftstrends und Zukunftsfragen“.


Die Brillux Architektenforen sind für Architekten und Planer inzwischen ein fester Ter­min. In einer gelungenen Mischung aus Exkursionen und Vorträgen stellen sie in wech­selnden Städten - fernab jeglicher Produkt- und Unternehmensinformation - regionale zeitgenössische Architekturprojekte vor, greifen aktuelle Architekturdebatten auf, be­trachten gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und beleuchten so, was urbane Kulturlandschaften oder Gebäude ausmacht. „Wir reden nicht über Farben. Wir reden über Architektur“, brachte Burkhard Fröhlich, Chefredakteur der Architektur- und Planertitel beim Bauverlag in Gütersloh, das Erfolgskonzept der Veranstaltung auf den Punkt, die in Folge zum 13. Mal komplett ausgebucht war.

Über 250 Architekten und Planer waren der Einladung von Brillux nach Berlin gefolgt, um in der sich ständig wandelnden Stadt mit ihrer lebhaften Gegenwart und bewegten Vergangenheit zu diskutieren, welche neuen Fragestellungen uns beim Nachdenken über die Zukunft beschäftigen werden. Die Location am Pariser Platz, direkt neben dem Adlon und in unmittelbarer Nachbarschaft der französischen und der amerikani­schen Botschaft und des Brandenburger Tores, war gut gewählt. Burkhard Fröhlich moderierte am Nachmittag das Vortragsprogramm, das erstmals mit dem Münchener Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi einen „Nicht-Architekten“ zum Referenten hatte. Als einer der profiliertesten Redner über Zukunftsforschung stimmte er mit seinen sie­ben Fragestellungen mitreißend auf das Thema ein, was zukünftig auch die Ansprüche an Architektur verändern wird. Diese Thematik griffen die Architekten Kilian Kada und Prof. Michael Schumacher auf und lieferten anhand eigener Projekte interessante An­sätze, welche verantwortungsvolle Aufgaben Architekturbüros beim Entwurf, der Pla­nung oder Sanierung von Gebäuden zukünftig obliegen.

Führungen, Fakten und Praxisberichte

Zum Auftakt der Veranstaltung standen am Vormittag traditionsgemäß geführte Archi­tekturexkursionen auf dem Programm. Sie bieten den Teilenehmern den Zugang zu Orten und Gebäuden, die sonst nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind. Sieben Thementouren, alle am Pariser Platz beginnend, standen zur Auswahl, um sich in knapp drei Stunden ein architektonisches Bild von einer der aktuell wohl spannendsten Metropolen der Gegenwart zu verschaffen: 3,4 Millionen Einwohner, Straßenzüge in Friedrichshain, Mitte oder Kreuzberg, die ihr Aussehen oft binnen Monaten so sehr verändern, dass sie kaum wiederzuerkennen sind. Preisgekrönte Sanierungen, sensibel angefügte Neubauelemente; Architektur, die die Spuren der Vergangenheit nicht ver­wischt, eindrucksvoller Ort des Gedenkens; gigantische innerstädtische Neubaupro­jekte, ein neues Gesicht der politischen Macht. Andererseits enorme Probleme, von denen manche typisch sind für Kommunen dieser Größe: etwa die alternde Infrastruk­tur, die wenig nachhaltige Energieversorgung, der nervende Verkehr. Manche sind aber auch Berlin-spezifisch: So merkt man noch immer, dass die Stadt aus zwei Hälf­ten entstanden ist, die sich ein halbes Jahrhundert lang unabhängig voneinander ent­wickelt haben. All das ist Berlin. Und es wird weiter gebaut.


Soziologie trifft Architektur

Mit einem hochkarätig besetzten Podium ging es am Nachmittag weiter. Prof. Dr. Ar­min Nassehi gab mit sieben Fragen einen Exkurs in die Zukunft. Entscheidend für den Münchener Soziologen ist, dass unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen die Kul­turen und die Logiken anderer Bereiche verstehen. Das beschrieb er mit einem Beispiel über die Versorgung schwerkranker Patienten, die von Medizinern aus einer völlig an­deren Perspektive betrachtet wird als von Seelsorgern, und von diesen wiederum ganz anders als von der Krankenhausverwaltung: „Wann sprechen wir von Therapie-Verän­derung und wann hören wir auf, medizinisch zu versorgen?“ Keine Perspektive sei „richtiger“ als die andere. Letztlich könne die Krise nur gemeinsam gemeistert werden: „Wahrheiten entstehen zwischen Köpfen und nicht in Köpfen“, so Prof. Nassehi.

Übersetzer zwischen den unterschiedlichen Logiken muss nach seinem Verständnis eine neue Elite werden, die zwischen kulturellen Selbstverständlichkeiten vermittelt. „Alles was geschieht, geschieht in der Gegenwart“, so Prof. Nassehi. Das trifft auf die Planung der Zukunft genauso zu, wie auf die von Gebäuden. An früheren Zukunfts­erwartungen lässt sich für ihn sehr gut ablesen, dass Zukunft (wie auch Architektur) stets mit Mitteln gebildet werde, die einer konkreten Gegenwart zur Verfügung ste­hen. „Zukunftstrends stimmen fast nie. Doch wir haben uns daran gewöhnt, dass un­sere geplanten Utopien nicht eingetroffen sind.“ Wer das weiß, wird nach Meinung des Soziologen anders mit der Zukunft umgehen! Als wichtige Ressource für das Leben in der Stadt bezeichnet er 'Fremdheit': „In Städten kommt das zusammen, was nicht zusammen gehört. Und nicht obwohl, sondern weil wir uns fremd sind, können wir mit­einander umgehen.“ Nassehi selbst will keine Zukunftsprognosen abgeben, sondern le­diglich Hilfestellungen, indem er aufzeigt, in welchem Kontext wir über Zukunft nach­denken.

Kilian Kada, kadawittfeldarchitektur in Aachen, griff in seinem Vortrag das „interdiszi­plinäre Miteinander“ auf und gab einen Einblick in die eigene Arbeitsweise: „In unserem als 'open space' gestalteten Aachener Büro arbeiten wir als Team mit über 70 Mitar­beitern eng mit Künstlern, Designern und anderen Architekten zusammen. Die drei Ks bestimmen dabei die Arbeitseinstellung: Kommunikation, Konzeption, Kooperation. Die Bandbreite ihres kreativen Schaffens und des interdisziplinären Ansatzes spiegelt sich für Kilian Kada „in der Verknüpfung von Architektur, Innenarchitektur und Design zum einen und an der Schnittstelle von städtebaulichen Planungen und urbanen Projekten zum anderen.“ „Unser junges Team schafft eine Mehrwert-Architektur als Lebensraum, Kommunikationsraum, Wohnraum und Arbeitsraum.“ Dazu gehört im Büro kadawitt­feldarchitektur auch das intensive Miteinander mit Auftraggebern und Bauherren. Dass dies in Aachen nachhaltig erfolgreich ist, belegte er mit Projekten, wie der Fachhoch­schule und der Konzernzentrale der Pappas Gruppe in Salzburg, dem Direktionsgebäu­de der AachenMünchener Versicherung in Aachen sowie dem Research, Design und Marketing Headquarter für die adidas Group in Herzogenaurach, deren Corporate Ar­chitektur er näher erläuterte.

Humorvoll und engagiert ging auch Michael Schumacher, schneider+schumacher Ar­chitekten, Frankfurt, an das Thema Zukunft heran. In Erinnerung bleiben wird das Bild von seinem Lotus Sportwagen in Elektro-Ausführung, das er nutzte, um zu verdeut­lichen, dass wir zukünftig Dinge neu belegen und uns von herkömmlichen Bildern ver­abschieden müssen. Die Frankfurter Architekten entwarfen inspiriert von einem Auto­bahnkirchen-Schild ihre „Piktrogramm-Autobahnkirche Siegerland“ als direktes Abbild. „Autohöfe sind kleine Städte, aber ohne jede Urbanität: Um sich in diesem Umfeld zu behaupten, bedarf es einer unmissverständlichen Direktheit: ich bin eine Kirche“, so der Architekt. Visionäre Denkanstöße gab es anhand weiterer aktueller Architekturpro­jekte des Büros. So das „Städel Museum Frankfurt“ oder das „Forschungs- und Ent­wicklungszentrum Fronius“ in Österreich. Ihre Botschaft: Klarheit und Einfachheit, of­fene und flexible Strukturen mit sehr guter Orientierung. Mit diesem Konzept haben die Städelschüler den Zuschlag für eine Vielzahl anspruchsvoller Architekturprojekte erhal­ten.

Zum Abschluss fasst Burkard Fröhlich zusammen: „Beide Architekten tun das, was Prof. Dr. Armin Nassehi eingangs gesagt hat: Sie gehen neuen Fragestellungen nach. Was wir jetzt noch tun müssen, ist die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, um daraus paradoxe Lösungen zu machen.“

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