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Negativ-Preis „Plagiarius“: Interstuhl und Hansgrohe unter den Betroffenen

(12.2.2017) Globalisierung, digitale Kommunikation, Internet und leichtgläubige(?) Schnäppchenjäger - das sind die Haupttreiber für die explosionsartige Ausbreitung von Produkt- und Markenpiraterie. Dabei sind Plagiate und Fälschungen weder Komplimente noch Kavaliersdelikte! Aber für Fälscher ist es ein extrem lukratives Geschäftsmodell. Die (Image-)Schäden für die Originalhersteller und die Sicherheitsrisiken für Verbraucher hingegen sind beträchtlich. Solange Nachfrage für kopierte Waren besteht, wird diese bedient werden. Eine praxisnahe Aufklärung der Verbraucher ist wichtig.

1977 bis 2017: 40 Jahre Negativ-Preis „Plagiarius“ gegen dreisten Ideenklau

Der vom Designer Prof. Rido Busse ins Leben gerufene Negativ-Preis „Plagiarius“ wurde am 10. Februar 2017 auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz zum inzwischen 41. Mal verliehen. Seit 1977 vergibt die Aktion Plagiarius e.V. den gefürchteten Schmäh-Preis an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen. Ziel des Vereins ist es, die unfairen und teils kriminellen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten aus aller Welt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, um Industrie, Politik und auch Verbraucher für die Problematik zu sensibilisieren. Trophäe ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase - als Symbol für die exorbitanten Gewinne, die die Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten kreativer Designer und innovativer Hersteller erwirtschaften.


Bürostuhl „Silver“ (2. Preis): links das Original von der Interstuhl Büromöbel GmbH & Co. KG; rechts das Plagiat von der Shenzhen Chunshan Trading Co. Ltd. aus China (Bild incl. Rückansicht vergrößern)

Vierzig Jahre „Plagiarius“ bedeuten rund 400 Preisträger-Produkte und mehr als 1.600 eingereichte Plagiatsfälle. Erfreulich ist der Umstand, dass der hohe Bekanntheitsgrad des „Plagiarius“ regelmäßig - auch dieses Jahr - erfolgreich seine abschreckende Wirkung zeigte: Bevor die jährlich wechselnde Plagiarius-Jury aus allen Einsendungen die Preisträger wählt, werden die vermeintlichen Plagiatoren schriftlich auf ihre Nominierung hingewiesen und erhalten die Möglichkeit zur Stellungnahme. Neben allgemeinen fallbezogenen Informationen fließen auch diese Reaktionen - sofern genutzt - mit in die Bewertung ein. Aus Angst vor öffentlicher Blamage wurden über die Jahre hinweg noch vor der Jurysitzung ...

  • Einigungen mit dem Originalhersteller gesucht,
  • Restbestände der Plagiate und Fälschungen vom Markt genommen,
  • Unterlassungserklärungen unterschrieben oder aber
  • Lieferanten preisgegeben.

Gesetz versus Moral: „Nachahmungsfreiheit“ steht für Fortschritt , nicht für plumpe 1:1 Plagiate

Natürlich sagt die Auszeichnung mit dem „Plagiarius“ nichts darüber aus, ob das jeweilige nachgemachte Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder aber rechtswidrig ist. Das hängt von vielen Faktoren ab, wie z.B. von ...

  • eingetragenen gewerblichen Schutzrechten für das Originalprodukt oder
  • unlauterem Wettbewerbsverhalten seitens des Nachahmers.

Druckmessgerät (3. Preis): links das Original von der Alexander Wiegand SE & Co. KG, rechts die Fälschungen von der Ma Anshan Exact Instrument Co. Ltd. aus China: 2015 wurden bei einer Razzia „WIKA”-Fälschungen beschlagnahmt; 2016 fand man bei einer 2. Razzia die „VIKA“-Fälschungen, bei denen teils nur der vordere Teil vom „W“ weggekratzt wurde.

Die Aktion Plagiarius kann und will kein Recht sprechen. Sie darf aber auf die Schäden betroffener Firmen und die Risiken für Verbraucher aufmerksam machen. Und sie darf die Meinung äußern, dass plumpe 1:1 Plagiate einfallslos und moralisch verwerflich sind und zu Stillstand führen. Denn selbst der Gesetzgeber formuliert beim sogenannten Prinzip der „Nachahmungsfreiheit“, dass (technischer) Fortschritt nur möglich ist, wenn bereits bestehende Erfindungen „als Grundlage oder Inspiration für neue Produkte“ dienen können. Aber die Nachahmungsfreiheit legitimiert keine nahezu identischen Produkte, bei denen Verwechslungs- oder Täuschungsgefahr in Bezug auf das Original besteht. In diesem Zusammenhang betont die Aktion Plagiarius, dass legale Wettbewerbsprodukte - die einem Trend folgen, sich aber optisch und technisch ausreichend vom Original unterscheiden - keine Auszeichnung mit dem „Plagiarius“ fürchten müssen, sondern ausdrücklich erwünscht sind, weil sie fairen Wettbewerb beleben.

Prinzip „Plagiat / Fälschung“: Minimaler Input - Maximaler Profit und kein unternehmerisches Risiko

Was einst als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich in Zeiten von Internet und Globalisierung zu einer weltweit vernetzten und professionell agierenden Fälschungsindustrie entwickelt. Die Erscheinungsformen von Produkt- und Markenpiraterie sind dabei sehr vielfältig:

  • von Markenfälschungen
  • über Designplagiate und Technologieklau
  • bis hin zu Raubkopien.

Beim Plagiat kopiert der Nachahmer das Design und/oder die Technik eines erfolgreichen Produktes und verkauft dies dann unter seinem eigenen Namen. Er schmückt sich also mit fremden Federn. Bei der Fälschung übernimmt der Nachahmer zusätzlich den renommierten Markennamen des Originalherstellers. In diesem Fall beutet er dessen guten Ruf aus und (ent-)täuscht die Käufer, weil seine Fälschung nicht das Qualitätsversprechen des bekannten Markenprodukts hält. Erhebliche Reputationsschäden für den Markenhersteller sind die Folge.

Erhältlich sind nachgemachte Waren mittlerweile in allen Preis- und Qualitätsabstufungen, von gefährlichen Billigfälschungen bis hin zu qualitativ hochwertigen Plagiaten, die dann aber auch kaum günstiger als das Originalprodukt sind.


Waschtischmischer „AXOR Starck V“ (Auszeichnung): links das Original von der Hansgrohe SE; rechts das Plagiat von der Taizhou Ranbo Sanitary Ware Co. Ltd. aus China (siehe auch Beitrag „Axor Starck V neu mit Glasschliff oder aus Porzellan“ vom 14.4.2015)

Gleich welche Form, Plagiate und Fälschungen passieren nicht „aus Versehen“. Die Nachahmer handeln vorsätzlich, skrupellos und rein aus Profitgier. Sie kopieren das fertige, am Markt erfolgreich etablierte Endprodukt und minimieren ihr eigenes unternehmerisches Risiko. Und oftmals auch ihre unternehmerische Verantwortung. Denn größtenteils ...

  • verwenden sie nach wie vor minderwertige Materialien,
  • verzichten auf Qualitäts- und Sicherheitskontrollen,
  • produzieren unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und
  • setzen billigend die Gesundheit der Fabrikarbeiter sowie der Verbraucher aufs Spiel.

De facto sind die Geschäftsmodelle „Plagiat“ bzw. „Fälschung“ äußerst lukrativ, bei gleichzeitig geringem Risiko rechtlich belangt zu werden. Die Täterstruktur der Nachahmer reicht dementsprechend vom einfallslosen Mitbewerber, über Kleinkriminelle bis hin zur organisierten Kriminalität und jüngst nachweislich auch hin zu Terrorgruppierungen. Letztere nutzen u.a. Zigarettenschmuggel und den Handel mit Fälschungen für die Finanzierung ihrer terroristischen Aktivitäten. Für den weltweiten Vertrieb der illegalen Waren greifen Fälscherbanden meist auf vorhandene Strukturen aus Waffen-, Drogen- oder Menschenhandel zurück.

Globalisierung, digitale Kommunikation, Internet

Das Internet und digitale Kommunikation sind aktuell hauptverantwortlich für die rasante Zunahme von Produkt- und Markenpiraterie. Obwohl internationale Polizeibehörden jährlich zehntausende Websites wegen Handels mit gefälschten Produkten erfolgreich schließen lassen, ist das Angebot rechtswidriger Marken- und Designprodukte ungebrochen hoch. Meist setzen die Betrüger ihr Geschäft binnen kürzester Zeit unter neuem Firmen- und Domainnamen erfolgreich fort. Und genau diese bequeme Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit großer Mengen vermeintlicher Markenprodukte zum Spottpreis aus aller Welt verführen zum Kauf. Getäuscht werden die Kunden u.a. mit Fotos der Originalprodukte sowie gefälschten Kundenbewertungen und Qualitätssiegeln.

Leichtgläubige(?) Schnäppchenjäger folgen zudem oftmals Empfehlungen aus sozialen Netzwerken und klicken allzu schnell und kritiklos auf „Kaufen“, ohne Impressum, Zahlungsbedingungen, Widerrufmöglichkeiten und die allgemeine Seriosität des Anbieters sorgfältig zu prüfen. Dabei ist es gerade beim Kauf im Internet wichtig, genau hinzusehen und auf seinen gesunden Menschenverstand zu hören.


Waschtischmischer„Metris Classic“ (Auszeichnung): links das Original von der Hansgrohe SE; rechts das Plagiat von der Heshan Khone Sanitary Ware Technology Co. Ltd. aus China (siehe auch Beitrag „Classic Armaturen und Brausen auf der Höhe der Zeit“ vom 21.4.2009)

Experten der Verbraucherzentralen warnen z.B. bei auffallend fehlerhaften Texten und insbesondere bei „Vorkasse“ als einziger Zahlungsmöglichkeit vor dem Kaufabschluss. Denn die Erfahrung geprellter Käufer zeigt, dass eine Rückabwicklung des Geschäfts bei unseriösen Anbietern in der Regel nicht möglich ist. Die Betreiber von Fake-Shops verstecken sich erfolgreich hinter der Anonymität des World Wide Web und auch Anbieter auf großen Online-Marktplätzen benutzen häufig Scheinidentitäten und wechseln teils täglich ihre Accounts. Viele Markenhersteller stellen auf ihrer Website zum Schutz der Verbraucher vor Betrügern eine Übersicht autorisierter Händler zur Verfügung.

Interessanterweise sind selbst bei führenden Marktplatzbetreibern (z.B. Amazon) keine ernsthaften Anstrengungen erkennbar, um Markenhersteller im Kampf gegen illegale Angebote zu unterstützen.

Käufer von Plagiaten und Fälschungen verantwortlich für Erfolg der Betrüger

Wenn es darum geht, Plagiate und Fälschungen zu erwerben, messen Konsumenten oftmals mit zweierlei Maß: Das vermeintliche Schnäppchen vor Augen, lösen sich alle Skrupel in Luft auf und es wird nicht mehr nach Sozialstandards in den Fälscherwerkstätten gefragt. Allgemein ist bei der Bewertung von Plagiaten und Fälschungen immer die Perspektive ausschlaggebend. Gleich ob Unternehmer oder Verbraucher, Täter spielen das Problem als harmloses Kavaliersdelikt herunter, weil sie Nutznießer der Umstände sind. Ist man aber selbst Opfer eines Betrugs und erleidet finanziellen oder gesundheitlichen Schaden, ändert sich diese Einschätzung schlagartig. Original und Plagiat sind eben nur auf den ersten Blick täuschend ähnlich. Verbraucher dürfen sich nicht blauäugig der Illusion hingeben, dass gleiches Aussehen automatisch auch die gleiche Qualität, Funktionalität, Präzision und Sicherheit bedeutet. Da Märkte sich über Angebot und Nachfrage regeln, trägt jeder Konsument eine erhebliche Verantwortung. Wer bewusst Plagiate und Fälschungen kauft, schwächt nicht nur gezielt die jeweiligen Markenhersteller, er unterstützt u.a. auch Kinderarbeit und kriminelle Machenschaften.


Roll-Hundeleine „flexi Explore L“ (1. Preis): links das Original von der flexi-Bogdahn International GmbH & Co. KG; rechts das Plagiat: Diverse anonyme Online-Anbieter, die über amazon.com (USA) mit Scheinidentitäten und täglich wechselnden Accounts agieren. Die minderwertige Qualität (z.B. die nicht funktionierende Aufrollmechanik) führte in den USA bereits zu Kundenbeschwerden und Reputationsschäden.

Zoll unterstützt Firmen und Verbraucher im Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie

Laut EU-Kommission haben die EU-Zollbehörden allein 2015 mehr als 40 Mio. rechtsverletzende Produkte im Wert von mehr als 650 Mio. Euro an den EU-Außengrenzen beschlagnahmt - ein Plus von 15% gegenüber 2014. Die Mehrheit der festgehaltenen Waren kam auch 2015 aus China und Hongkong. Zu den Herkunftsländern gehörten u.a. auch die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Indien. Die EU-Zoll-Statistiken können aber nur einen Teil des weltweiten Problems zeigen. Fakt ist, dass sich viele asiatische Firmen von der verlängerten Werkbank des Westens hin zu ernsthaften Mitbewerbern auf den Weltmärkten entwickelt haben, die selbst gewerbliche Schutzrechte anmelden und diese konsequent gegen Nachahmer durchsetzen.

Hinzu kommt, dass die Auftraggeber bzw. Importeure von Plagiaten oftmals aus westlichen Industrieländern kommen. Auch unter den Nominierten für den Negativ-Preis „Plagiarius“ befinden sich seit Jahren immer mehr europäische Firmen, häufig stammen der Originalhersteller und der vermeintliche Plagiator sogar aus demselben Land.. Und zunehmend handelt es sich bei den Nachahmern um ehemalige Produktions- oder Vertriebspartner. Sehr gezielt prüfen die Täter heutzutage bei erfolgreichen Produkten von Mitbewerbern die Existenz von gewerblichen Schutzrechten. Sind keine Schutzrechte eingetragen, werden ohne Skrupel 1:1 Plagiate hergestellt. Für eine bestmögliche Abwehr von Produkt- und Markenpiraterie sollten Firmen auf eine ganzheitliche Strategie aus juristischen, organisatorischen und technischen Maßnahmen setzen.

Praxisnahe Sensibilisierung im Museum Plagiarius in Solingen

Das Museum Plagiarius präsentiert die Sammlung der Plagiarius-Preisträger von 1977 bis heute. Die Ausstellung umfasst mehr als 350 Produkte der unterschiedlichsten Branchen und zeigt jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. Die vielen Praxis-Beispiele verdeutlichen anschaulich Ausmaß, Schäden und Gefahren von Plagiaten und tragen maßgeblich zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei. Vom Zoll beschlagnahmte Fälschungen ergänzen die Sammlung.

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