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Brennpunkt Industrietor: unklare Dämmwertangaben und Fehlverhalten

(25.2.2011; BAU-Bericht) Dickere Wände, gedämmte und isolierte Dachstühle, Spezialfenster - spätestens seit der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 ist die Dämmung auch im Industriebau zum großen Thema geworden. Nur der Schwachpunkt Tor steht immer noch offen. Lange Zeit wurden Industrietore in der energetischen Planung nur als Verlustfaktor betrachtet und mit anderen Maßnahmen ausgeglichen. Inzwischen gibt es aber Torkonstruktionen und Materialien, mit denen auch Tore gute bis sehr gute Dämmwerte erreichen können, allerdings werden diese Werte uneinheitlich angegeben. Pauschalwerte etwa auf 25 m² sind nicht aussagekräftig, da die Dämmwirkung vom Verhältnis Fläche zu Rahmen abhängt. Was die moderne Tortechnik tatsächlich leistet, lässt sich jeweils nur am konkreten Fall festmachen.

Industrietor, verglaste Tore, U-Wert, Verglasung

Um 30 Prozent hat die EnEV 2009 die zulässige Obergrenze für den Jahres-Primärenergiebedarf von Neubauten gesenkt. "Die Wärmedämmung der Gebäudehülle muss somit durchschnittlich 15 Prozent mehr leisten", erklärt Dr. Meinolf Gringel, Leiter der Prüfstelle Kälte-, Klima- und Wärmetechnik bei der DMT GmbH & Co. KG, einer Tochter der TÜV Nord AG. "Dadurch steigen die Anforderungen an die Tore und der messtechnische Nachweis der U-Werte rückt weiter in den Fokus." Grund dafür ist, dass jetzt einzelne Gebäudeteile hinsichtlich ihres Dämmwerts berechnet werden, während früher nur die Richtvorgaben eines Referenzgebäudes eingehalten werden mussten. Schlechte Dämmung konnte etwa durch effizientere Gebäudetechnik aufgewogen werden. Inzwischen liegen aber konkrete Vorgaben für Außentüren vor:

  • bei einer Solltemperatur von über 19°C im Raum ist ein U-Wert von 1,8 W/m²K gefordert,
  • bei Temperaturen zwischen 12 und 19°C ein Wert von 2,9 W/m²K.

"Der Wärmewiderstand eines vollständigen Tores muss nach Anhang B der DIN EN 12428 geprüft oder berechnet werden", so Gringel. "Die Angaben der Hersteller dazu erhalten im Kontext der EnEV auch eine juristische Dimension, wenn der Energieverbrauch nicht mit den rechnerisch ermittelten Daten übereinstimmt und das Tor als Schwachstelle ausgemacht wird."

Unsichere Bewertungsgrundlage für den Dämmwert

Eben in diesen U-Wert-Angaben liegt aber die große Problematik der Hersteller, denn die Dämmleistung eines Tores hängt entscheidend von der jeweiligen Konstruktion und Gestaltung ab. Der Energieverlust setzt sich zusammen aus dem Wärmestrom durch das Torblatt und der Wärme, die durch Führungen, Rahmen und Dichtungen entweicht. Da der U-Wert des Rahmens in der Regel schlechter ist als der Wert der Füllung, fällt dieses Verhältnis bei kleineren Toren negativer aus:

  • Bei einem 3 x 3 m Tor etwa stehen 9 m² Fläche 12 m Dichtung gegenüber,
  • bei einem 5 x 5 m Tor sind es dagegen 25 m² Fläche und nur 20 m Dichtung.

"In Prospekten wird deshalb oft mit einem Wärmewiderstand geworben, wie er sich bei einem 25 m² großen Tor ergibt. Bei einem kleineren Tor gleicher Bauart sähen die Werte jedoch ganz anders aus", warnt Michael Janssen, Geschäftsführer der auf Industrietore spezialisierten Bothe-Hild GmbH. Um diesen Unsicherheitsfaktor für die Planer zu beseitigen, gibt das Torbauunternehmen Dämmwerte immer genau für das jeweilige Tor an, wie Janssen erklärt: "Zuerst muss daher die exakte Spezifikation des Tores stehen, also die Größe und das Verhältnis der Verglasung zu anderer Füllung und zum Profil. Dann kann anhand der U-Werte der einzelnen Materialien der gesamte Dämmwert errechnet werden."

Mehrfachverglasung senkt Heizkosten

Um einen möglichst guten U-Wert zu erhalten, spielt vor allem die Verglasung eine wichtige Rolle. Mit Blick auf die derzeitige Torbaupraxis liegen etwa 80% der Energiesparmöglichkeit im Glas und nur 20% im Profil des Tores. "Im modernen Industriebau haben isolierte Wand- und Dachfläche heute U-Werte von 0,2 bis 0,3 W/m²K. Gut gedämmte Fenster liegen bei 1 bis 1,5 W/m²K", erklärt Marcus Cremer, Vertriebsleiter der Torglas GmbH. "Ein vollverglastes Tor in einer Größe von 5 x 5 Metern weist dagegen einen U-Wert von 4,2 W/m²K auf. Alleine durch die Fläche dieses Tores gehen in einem Winter mit 200 Heiztagen bei einer mittleren Temperaturdifferenz von 20°C 10.800 kW Heizenergie im Gegenwert von 1000 l Heizöl verloren." Das entspricht einer CO₂ Emission von 2,8 t in jedem Winter. Ein Tor verliert damit fast ebenso viel Energie wie 500 m² einer herkömmlichen Wandfläche. Häufig geht durch die Fläche der geschlossenen Tore doppelt soviel Heizenergie verloren wie durch die gesamte Gebäudehülle.

Das Team der Torglas GmbH entwickelt seit 18 Jahren moderne Verglasungen für Industrietore und bietet inzwischen eine spezielle "Clima"-Serie an. Mit diesen Produkten lassen sich ohne weitere konstruktive Maßnahmen die U-Werte solcher Tore nahezu halbieren: Der U-Wert eines 5 x 5 m großen Tores verringere sich etwa durch den Einsatz der neuen "climatop"-Verglasung von 4,2 W/m²K auf 2,2 W/m²K, erläutert Cremer. Das spart in einem Winter die Heizleistung von fast 500 l Heizöl ein. Je nach Gebäudekonfiguration kann der Gesamtenergiebedarf so um bis zu 30% gesenkt werden. Der Mehraufwand für diese Verglasung soll sich schon nach etwa drei Jahren amortisiert haben. "Die mögliche Einsparung ist deutlich höher als etwa beim Einsatz der nächst besseren Wandverkleidung, wo es beispielsweise nur um Unterschiede von 0,06 W/m²K geht."

Ungewolltes Dauerlüften am Fabriktor

Abgesehen vom verwendeten Material und dessen U-Wert stellt auch die verwendete Technik einen entscheidenden Faktor für die Energieeinsparung an Industrietoren dar. Stichwort hierbei ist der automatische Schließmechanismus. "Tore, die von Hand bedient werden, bleiben in der Praxis oft offen stehen", erläutert Torbauspezialist Janssen von Bothe-Hild. "Jedes Mal aus dem Stapler aus- und einzusteigen dauert vielen Arbeitern zu lang. Ein offenes Tor allerdings dämmt überhaupt nicht." Schon ein normales, weit geöffnetes Fenster führt zu einer Luftaustauschrate von etwa 20/h, was bedeutet, dass in drei Minuten die gesamte Raumluft durch Außenluft ersetzt wird. Die Austauschraten von geöffneten Industrietoren sind entsprechend höher und ziehen hohe Heizkosten nach sich, denn die kalte Luft muss immer wieder erwärmt werden. "Bei manueller Schließung stehen Tore im Durchschnitt zwei bis zehn Minuten offen. Mit einem automatischen Schließmechanismus dauerte die Offenhaltezeit nur 30 Sekunden oder weniger."

Bothe-Hild beispielsweise verwendet dazu ein Schnelllauf-Antriebssystem in Verbindung mit einer Frequenzumrichtersteuerung. Ein 4 m hohes Tor öffnet sich damit ferngesteuert innerhalb von 4 Sekunden und schließt sich innerhalb von 4 bis 6 Sekunden. Um bei diesen Geschwindigkeiten Unfälle zu vermeiden, wird das System mit einem Scanner an der Unterkante und einer Torabschaltung gekoppelt. Die optischen Sensoren überwachen voreilend die Gefahrenstelle. "Inzwischen stellen wir fest, dass die Planer immer mehr auf Energieverluste achten", so Janssen. "Rund 70% der Bestellungen, die bei uns eingehen, enthalten auch die Öffnungs- und Schließautomatik. Gleichzeitig sind die Ansprüche an den U-Wert höher geworden. Die EnEV und die staatliche Förderung für Nachhaltiges Bauen haben in diesem Bereich viel Bewusstsein geschaffen."

Weitere Informationen zum Brennpunkt Industrietor können per E-Mail an Bothe-Hild angefordert werden.

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