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Grün auf das Dach - Kosten in den Keller? Eine beispielhafte Kosten-Nutzen-Analyse liefert Argumente

(29.11.2001) Die ästhetischen und ökologischen Vorteile begrünter Dächer sind sowohl in Fachkreisen als auch in der interessierten Öffentlichkeit mittlerweile erkannt und unbestritten. Trotzdem bleibt ein "Makel" der Dachbegrünung, der gewerbliche, kommunale und private Bauherren häufig von der Realisierung abhält: Eine Dachbegrünung verursacht Herstellungskosten, die über denen nicht begrünter - z.B. kiesbedeckter - Dächer liegen.

Mit der nachfolgenden beispielhaften Kosten-Nutzen-Analyse soll der Versuch unternommen werden, die Frage zu beantworten, ob es Kostensenkungspotentiale gibt, die die Kosten einer Dachbegrünungen mittelfristig nicht nur reduzieren, sondern langfristig sogar eine positive Wertschöpfung erbringen.

Die Herstellungskosten im Vergleich

Der dieser Analyse zugrunde gelegte Betrachtungszeitraum beträgt 40 Jahre. Im Interesse einer einfacheren Darstellung sind die für diesen Zeitraum anfallenden Abschreibungen und Kapitalverzinsungen hier nicht berücksichtigt. Basis der Untersuchung bildet eine 1000 qm große Dachfläche. Der Bauherr steht vor der Alternative, das Dach entweder als klassisches Kiesdach oder als extensiv begrünte Dachfläche auszubilden. Die Kosten für eine Kiesabdeckung in 5 cm Aufbauhöhe werden mit DM 10,-/qm angesetzt. Bei der Ermittlung der Gründachkosten müssen neben den eigentlichen Herstellungskosten der Dachbegrünung auch die Mehrkosten für die tragende Konstruktion berücksichtigt werden, die aus der zusätzlichen Flächenlast resultieren. Bauherr und Planer müssen sich insofern rechtzeitig über die Art der Begrünung einigen, um die Tragwerksplanung entsprechend vornehmen zu können.
Bei dem hier untersuchten Gründach soll eine Aufbauhöhe von 12 cm in optima-Mehrschichtbauweise (mineralische Dränschicht + Vegetationstragschicht) erreicht werden. Inklusive der Pflanzung von Flachballen und abschließender Fertigstellungs-pflege durch einen speziell geschulten optima-Fachbetrieb betragen die Herstellungskosten des Gründaches in diesem Beispiel DM 40,-/qm. Die aus diesem Schichtaufbau resultierenden Mehraufwendungen für die Statik belaufen sich auf DM 20,-/qm.

Der Vergleich der Herstellungskosten von Kies- und Gründach zeigt - erwartungsgemäß - einen deutlichen Kostenvorteil für das klassische Kiesdach. In unserem Beispiel müsste der Bauherr bereit sein, DM 50.000,- mehr dafür auszugeben, daß es auf einem Dach zukünftig grünt und blüht.

Dachbegrünung als Schadensverhütungsmaßnahme

Der Vergleich der zum Erstellungstermin entstehenden Kosten als alleiniges Entscheidungskriterium des Bauherren oder Investors greift jedoch möglicherweise zu kurz. An jedem Dach nagt der "Zahn der Zeit", früher oder später sind Reparatur- und Sanierungsarbeiten notwendig. Vor allem bei Flachdächern entstehen häufig Schäden durch thermische, physikalische und mechanische Beanspruchungen. Nur durch eine Schicht Grobkies geschützt ist das konventionelle Flachdach starken Temperaturschwankungen ausgesetzt, die zu Rissen in der Dachabdichtung führen können. UV-Strahlen lassen den Werkstoff altern und bedingen Versprödung. Pfützenbildung auf dem Dach mit anschließender Austrocknung oder Vereisung schaden der Abdichtung durch die auftretenden Schwindspannungen. Aufgrund dieser äußeren Einflüsse wird daher davon ausgegangen, daß ein unbegrüntes Flachdach etwa nach 20 Jahren durch Erneuerung der Dachabdichtung und Schutzlage zumindest teilsaniert werden muß. Als voraussichtlichen Aufwand dafür läßt sich als "Faustformel" der hälftige Betrag der bei der Erstellung verursachten Dachabdichtungskosten (in unserem Beispiel DM 55.000,-) ansetzen. Für die laufende Wartung (z.B. Überholung der An- und Abschlüsse) und Reparatur des unbegrünten Daches muß für den gewählten Betrachtungszeitraum ein Betrag von ca. DM 8.000,- kalkuliert werden.

Ein Gründach schützt die Dachabdichtung vor den oben beschriebenen äußeren Belastungen. Beispielsweise werden Temperaturschwankungen auf der Dachabdichtung durch den zusätzlichen Schichtaufbau sowohl im Sommer als auch im Winter weitestgehend ausgeglichen. Derzeitige Erkenntnisse lassen den Schluß zu, daß sich die Lebensdauer der Dachabdichtung dadurch mindestens von 20 auf 40 Jahre verdoppelt. Empirische Beweise fehlen noch, da die ältesten in Deutschland erstellten Dachbegrünungen knapp über 25 Jahre alt sind. Ein kürzlich in Berlin aufgenommenes optima-Gründach aus den frühen 70er Jahren unterstützt jedoch diese Annahme: Bei einer anschließenden Untersuchung der eingebauten Schichten und Lagen zeigte sich die Dachabdichtung in einem tadellosen Zustand. Für den in unserem Kosten-Nutzen-Modell untersuchten Betrachtungszeitraum von 40 Jahren ergibt sich daraus für das Gründach eine Ersparnis in Höhe der beim Kiesdach anfallenden Kosten für Teilsanierung und laufende Reparaturen von DM 63.000,-. Relativiert werden muß dieser Betrag jedoch durch die für das Gründach anfallenden laufenden Pflegekosten. Nichts gedeiht ohne Pflege; dieser alte Lehrsatz hat nach wie vor seine Berechtigung und findet seine Anwendung auch bei der als pflegearm geltenden extensiven Dachbegrünung. Für das Entfernen von Fremdbewuchs, das Freihalten der Zu- und Ablaufeinrichtungen sowie anderer im Rahmen regelmäßiger Pflegegänge notwendiger Arbeiten müssen Aufwendungen von DM 1,-/qm/Jahr veranschlagt werden.

Beim Vergleich der laufenden Betriebskosten "schlägt" das Gründach somit das herkömmliche Kiesdach nur noch um DM 23.000,-.

Die höheren Herstellungskosten der Dachbegrünung zum Zeitpunkt der Erstellung wären dadurch - würde man die Betrachtung an dieser Stelle beenden - zwar reduziert jedoch noch nicht ausgeglichen.

Auf der reinen Kostenseite gelingt es der Dachbegrünung in diesem Modell (und in der Regel auch in der Praxis) nicht, gegenüber dem Kiesdach Vorteile zu realisieren. Die Kosten-Nutzen-Waage wippt erst dann zugunsten der Dachbegrünung nach unten, wenn versucht wird, vorhandene Vorteile bzw. Nutzen, die einem Kiesdach nicht zu Eigen sind, durch einen entsprechenden finanziellen Gegenwert zu bemessen.

Senkung der Abwassergebühren

Die Entsorgung des von versiegelten Flächen abfließenden Niederschlagswassers verursacht immense Kosten. Im Sinne einer verursachergerechten Gebührenerhebung haben immer mehr Städte und Kommunen (z.B. Berlin, Köln, Stuttgart) daher gespaltene Abwassersatzungen eingeführt, die neben dem verbrauchten Frischwasser auch die Flächenversiegelung als Bemessungsgrundlage der Abwassergebühren heranziehen. Wissenschaftlich von Prof. Dr. Liesecke, Uni Hannover, begleitete Langzeituntersuchungen auf der Versuchsanlage der optima-Zentrale haben u.a. ergeben, daß bereits sehr dünnschichtige extensive Dachbegrünungen ca. 50% des Regenwassers zurückhalten (intensive Begrünungen bis zu 95%). Viele Gemeinden räumen daher Gebührenerlässe von 50 und mehr Prozent ein, wenn Dächer begrünt werden. Eine Versiegelungsabgabe von DM 1,80,-/qm/Jahr ist zur Zeit durchaus als realistisch einzusetzen. Da die Gemeinden bislang sehr uneinheitlich Gebühren und Nachlässe festsetzen, sind allgemein gültige Aussagen jedoch schwierig zu treffen. In unserer Beispielrechnung sei angenommen, daß die Dachbegrünung einen 2/3-Nachlaß in Höhe von DM 1,20,-/qm/Jahr erhält. Auf 40 Jahre hochgerechnet ergibt sich daraus aufgrund der regenwasserrückhaltenden Wirkung eine Gebühreneinsparung von DM 48.000,-.

Erhöhung der Wärmedämmung

Jede Dachbegrünung hat eine wärmedämmende Wirkung. Sie verringert den Energiefluß durch das Bauteil Dach und beeinflußt damit die temperaturangrenzenden Luftschichten. Zwar darf der Begrünungsaufbau nach der Wärmeschutzverordnung nicht als zusätzliche Wärmedämmung angerechnet werden, weil sie sich als abnehmbares Element oberhalb der Dachabdichtung befindet. Der durch den Dachaufbau fließende Wärmestrom wird jedoch deutlich verringert und dadurch der Dämmwert verbessert. Rechnerische Grundlagen auf diesem Gebiet, die es ermöglichen für den Einzelfall konkrete Aussagen treffen zu können, fehlen bislang. Um dennoch einen rechnerischen Wert zu ermitteln, wird in unserem Beispiel vorsichtig angenommen, daß der 12 cm hohe Aufbau der extensiven Dachbegrünung vergleichsweise ca. 2 cm Dämmstoff entspricht. Daraus ergebe sich eine Energieeinsparung von DM 0,125/qm/Jahr und nach 40 Jahren der kummulierte Betrag von DM 5.000,-.

Schlußbetrachtung

Nach Berücksichtigung aller genannten Wirkungen des begrünten Daches ergibt sich für den Betrachtungszeitraum von 40 Jahren, daß eine Extensivbegrünung von 1000 qm für den Bauherren bzw. Investor um 26.000,- günstiger ist als ein konventionelles Kiesdach. Wie jede Modellrechnung darf selbstverständlich auch die vorgestellte beispielhafte Kosten-Nutzen-Rechnung nicht pauschalisiert werden. Zum einen beinhaltet auch dieses Modell eine Reihe von rechnerischen Vereinfachungen und hypothetischen Annahmen. Zum anderen hat jedes Gebäude, jedes Dach und jeder Standort eigene Parameter, die individuell zu bewerten sind.

Weitere Kostensenkungspotentiale einer Dachbegrünung, die sich objektbezogen z.B. aus der Wertsteigerung der Immobilie bzw. aus Mietmehrerträgen aufgrund eines höheren Wohnwertes ergeben sind nicht berücksichtigt. Ebensowenig ist die Anerkennung der Dachbegrünung als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme für Störungen des Landschaftsbildes und des Naturhaushaltes nach §8 BNatSchG in die Betrachtung eingeflossen. Insbesondere bei Großobjekten können sich hier erhebliche finanzielle Vorteile einer Dachbegrünunng ergeben, wenn z.B. die Kosten für den Kauf, die Umwandlung und Pflege von Ausgleichsflächen die Kosten eines Gründaches deutlich übertreffen.

Das vorgestellte einfache Beispiel kann daher nur als exemplarisch angesehen werden. Ziel dieser Modellrechnung ist vielmehr aufzuzeigen, daß es neben den unbestritten höheren Herstellkosten eines Gründaches durchaus eine Reihe von Nutzen und damit verbundenen Kostensenkungspotentialen gibt, die diesen "Kostenachteil" kompensieren können. In welcher Höhe diese Kostenersparnis liegt und ob ein Gründach tatsächlich im Zeitablauf günstiger als ein Kiesdach wird, muß und kann nur für den jeweiligen Einzelfall ermittelt werden. Abseits des rein finanziellen Vergleiches dürfen selbst-verständlich im Entscheidungsprozeß auch nicht die ästhetischen, ökologischen und stadtplanerischen Argumente vergessen werden.

Abschließend bleibt festzuhalten, daß dem vorgestellten Kosten-Nutzen-Modell als eines der Basisannahmen eine 40-jährige Funktionalität der Dachbegrünung zugrunde liegt. Grundlage dafür ist und bleibt - insbesondere vor dem Hintergrund der auf dem Dachbegrünungsmarkt zunehmend aktiven Billig- und Minimalbegrünungsanbieter - die fachgerechte Ausführung geschulter und erfahrener Garten- und Landschaftsbaubetriebe sowie praxiserprobte, langlebige Systemelemente.

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