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Ingenieurskunst: Der Schiefe Turm von Pisa ist gerettet

(4.6.2000) Nach einer spektakulären Rettungsaktion soll der Schiefe Turm von Pisa in einem Jahr wieder für Touristen geöffnet werden. Was zunächst wie ein Schildbürgerstreich anmutete, war von Erfolg gekrönt: Den Ingenieuren gelang es, durch Abtragen der Erde und „Geradeziehen“ mit Gewichten das Wahrzeichen Italiens vor einer Katastrophe zu bewahren. Zur Erinnerung: Bereits seit 10 Jahren ist es aus Furcht vor einem Einsturz verboten, den 58 Meter hohen Campanile zu besteigen - siehe Bing-Maps und/oder Google-Maps:

Laut dem Leiter der Rettungstruppe, Michele Jamiolkowski, konnte die Schieflage um zwölf Zentimeter verringert werden: „Zwar sei das noch lange nicht genug, und die Arbeiten müssten noch im nächsten Jahr weitergehen. Aber der Marmorturm aus dem 12. Jahrhundert hat sich immerhin soweit erholt, dass schon am 16. und 17. Juni dieses Jahres ausgewählte Schulklassen erstmals wieder auf den Turm dürfen.“

Mindestens 50 Millionen Mark soll die Rettungsaktion kosten, und zeitweise drohte das Geld auch auszugehen.

Im ersten Schritt legten die Ingenieure dem Turm mächtige Stahlseile zu Sicherung an. Ganz Italien spottete damals über die „Hosenträger“. Anschließend folgte der riskante Teil: Mit aller Vorsicht gruben die Experten sich unter den Turm und hoben im großen Maße Erdreich aus. Gegraben wurde an der Seite, die der Schräglage gegenüber liegt. Tonnenschwere Gegengewichte halfen dann, den Turm geradezuziehen. „Wir geben der Welt eines der wertvollsten Kunstwerke zurück“, resümiert Retter Jamiolkowski.

In den 1990er Jahren maß die Neigung fast fünf Meter. Insgesamt soll die Schieflage um 40 cm verringert werden. Das erklärte Ziel ist, die Besucher der Anlage die 293 Stufen wieder hinaufsteigen lassen zu können, denn „dieser Turm ist die Seele der Stadt“, urteilt der Historiker Rodolfo Bernadini.

Schief war der berühmteste Turm der Welt übrigens immer schon: Bereits 1174 - also ein Jahr nach Baubeginn - sackte er unter dem Gewicht des ersten Stockwerks ab. Das Schwemmland konnte die Last nicht tragen. Um die Schräglage zu korrigieren, bauten die Architekten den Turm damals senkrecht weiter. Daher ist er auch in sich selbst krumm. Der erste Architekt, Bonanus von Pisa, wurde sofort entlassen, als man die rätselhafte Neigung entdeckte. Doch zum Alptraum wurde das Problem erst im 19. und 20. Jahrhundert - wohl nicht zuletzt wegen der vielen Touristen. Findige Ingenieure (und Phantsasten) hatten schon immer Rettungspläne: Einige wollten das Bauwerk mit Hilfe riesiger Ballons aufrichten, andere ganz demontieren und neu aufbauen; russische Experten empfahlen ein hydraulisches Stützsystem.

Wenn jetzt alles weiter so klappt wie kalkuliert, dann sei der Turm „erst einnmal für 250 bis 300 Jahre gerettet“. Um aber kein Risiko einzugehen, soll die Zahl der Touristen beschränkt werden. In den „schlimmsten“ Zeiten setzten jährlich 800.000 Besucher dem Schiefen Turm zu.

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