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Das zweite von vier Leitthemen der BAU 2021: Ressourcen und Recycling

(7.6.2020) Wände aus Bauschutt, Dämmung aus altem Hosenstoff und Schraubverbindungen statt Schweißnähten: Auf immer mehr Baustellen tut sich schon einiges in Sachen „Kreislaufwirtschaft“ bzw. „Circular Economy“.

Erste Pilotprojekte und Forschungsvorhaben haben bereits die vielfältigen Möglichkeiten des Recyclings am Bau bewiesen: Fassadenmaterial, Fenster, Wand- und Bodenbeläge oder auch Stromkabel können so verbaut werden, dass sie wieder komplett demontierbar und damit „kreislauffähig“ sind. Metalle, Beton, Ziegel, Gips oder auch Lehm lassen sich zu neuen Baustoffen aufbereiten.

Bild aus dem Beitrag „Das nächste recyclingfähige Wärmedämm-Verbundsystem kommt von Saint-Gobain Weber“ vom 26.3.2019

Urban Mining: Städte und Gebäude werden zum Rohstofflager von morgen

Worum geht es konkret? Der Begriff „Recycling“ ist altbekannt, doch hat sich seine Bedeutung erweitert: Er steht heute im Baubereich nicht mehr nur für simples „Downcycling“ wie die Aufbereitung von Bauschutt, um diesen als Schüttgut im Straßenbau einzusetzen, oder die Verwendung von Ziegelsplit als Vegetationssubstrat im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau.

Wird die Materialqualität dagegen erhalten oder gar verbessert, wird das Recycling zum „Upcycling“ und die Gebäude von heute zum Rohstofflager von morgen. Bestandsbauten werden nicht mehr als Abbruchmasse, sondern als Wertstoffdepot gesehen. Darum sprechen Bauingenieure, Architekten und Stadtplaner inzwischen vom „Urban Mining“. Wie das aussehen kann, ist besonders eindrucksvoll in Dübendorf bei Zürich zu besichtigen. Alle Baumaterialien, die für die Wohneinheit UMAR (Urban Mining and Recycling Unit) von Werner Sobek, Dirk E. Hebel und Felix Heisel verwendet wurden, sind zu 100 Prozent wiederverwendbar, viele Teile stammen aus Altbauten. Besonders wichtig für die Wiederverwertbarkeit ist, dass die Materialien nicht fest miteinander verbunden, sondern verschraubt, gesteckt oder geklemmt sind. Erst dadurch wird die spätere sortenreine Trennung und Wiederverwertung überhaupt möglich.

Wiederverwertung – beim „Bauen im Bestand“ und bei Neubauprojekten

Auch beim Bauen im Bestand können Baumaterialien dem Nutzungskreislauf wieder zugeführt werden, wie es der britische Architekt David Chipperfield beim Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin praktizierte. 350.000 Mauerziegel ließen die Planer aufbereiten. Das historische Baumaterial wurde als eindrucksvolles Sichtmauerwerk in einer der Ausstellungshallen einer neuen Nutzung zugeführt. Mauerziegel und Dachziegel eignen sich in der Regel bestens für die Wiederverwertung. Beim Bauen im Bestand schlagen sie mit ihrer Patina und besonderen Ästhetik eine Brücke zwischen „Alt“ und „Neu“. Inzwischen wurde die erste Europäische Technische Zulassung (ETA) für gebrauchte Mauerziegel erteilt.

Dass Beton auf wirtschaftliche Weise wiederverwendet und damit ebenfalls Teil der „Circular Economy“ sein kann, wird durch viele bereits realisierte Bauprojekte deutlich, bei denen Recycling- oder RC-Beton den herkömmlichen Beton gemäß den bisherigen Richtlinien bis zu 45 Prozent ersetzt. Forschungsprojekte sehen hier noch weiteres Potential – bis hin zum hundertprozentigen Einsatz von Recycling-Beton. So oder so werden wertvolle Baustoffe gespart, Transporte vermieden und Deponiekapazitäten geschont.

Foto aus dem Beitrag „Cemex liefert Beton mit recycelter Gesteinskörnung für Forschungs- und Laborgebäude“ vom 30.6.2015
  

  

Eine große Herausforderung bei der kreislaufgerechten Verwertung von Bauschutt stellen sogenannte „Kleinstpartikel“ dar. Teilchen von weniger als zwei Millimeter Größe, z. B. aus Kalksandstein, Beton, Ziegel oder Gips, wie sie typischerweise beim Abbruch von Gebäuden anfallen. Aber auch dafür gibt es Lösungen: Wissenschaftler verschiedener Fraunhofer-Institute haben im Projekt „BauCycle“ neue Verwertungsmethoden für feinste mineralische Abbruchmaterialien erforscht und ein optisch-pneumatisches Sortierverfahren entwickelt. So konnten feinteilige Sekundärrohstoffe für die qualitativ hochwertige Weiterverwendung gewonnen werden - siehe auch Beitrag „Fraunhofer-Projekt „BauCycle“ erfolgreich abgeschlossen“ vom 11.8.2019.

Recycling erfordert ein Umdenken aller Beteiligten

Mit Blick auf die knapper werdenden Ressourcen (Beispiel: Sand) und die begrenzten Kapazitäten von Bauschuttdeponien wird klar, dass die Kreislaufwirtschaft am Bau auch wirtschaftlich vorteilhaft ist. Neue Denkansätze wie der „Material Passport“, mit dem die verbauten Materialien dokumentiert und ihr Wert für die Wiederverwendung beziffert werden, ermöglichen in Zukunft sogar für die Finanzierung von Bauprojekten neue Möglichkeiten. Darüber hinaus trägt die im Idealfall lokale bzw. regionale Wiederverwertung von Baustoffen dazu bei, dass der hohe Energieverbrauch für Förderung und Produktion sowie für den Transport zur Baustelle erheblich reduziert werden kann.

Umdenken und neue, ressourcenschonende Lösungen finden müssen Hersteller, Architekten und Ingenieure ebenso wie die Verarbeiter aus Handwerk und Baugewerbe. Es mag nicht immer leichtfallen, doch die ersten Recycling-Projekte zeigen: Hier bieten sich für alle am Bau Beteiligten auch große Chancen und Wettbewerbsvorteile.

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