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Jahreskonferenz der re!source Stiftung: Ressourcenwende sektorübergreifend vorantreiben


  

(19.5.2019) Gebäude ressourcenschonend gestalten, als Rohstofflager nutzen, Wirtschaften ohne Abfall: Die re!source Stiftung e.V. identifiziert ein enormes Potenzial in der Ressourcenwende. Auf ihrer 2. Jahreskonferenz am 8. Mai 2019 in Berlin wurde mit rund 200 Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Gesellschaft und Politik bereits Erreichtes und noch Umzusetzendes auf dem Weg zur einer echten zirkulären Wertschöpfung in der Bauwirtschaft diskutiert.

  • Schwindende Rohstoffe,
  • knapper werdende Deponieräume,
  • Umwelt- und Klimaschutz

... machen eine Ressourcenwende unabdingbar - in diesen Punkten waren sich alle einig. Gelingen könne diese Wende jedoch nur, wenn Rahmenbedingungen geschaffen würden, die der Bauwirtschaft ein koordiniertes und innovatives Handeln ermöglichten. Zumal es in einzelnen Industrien bereits technische Lösungen gebe und eine rege Forschungstätigkeit im Bereich des ressourcenschonenden Bauens existiere. Allerdings fehle oftmals die Breitenwirkung und auch der politische Wille, klare Rahmenbedingungen zu schaffen.

Der Schutz für Klima und Umwelt braucht Strategie

Deutschland ist Entwicklungsland, was die Ressourcenpolitik betrifft, stellte Dr. Klaus Jacob, Leiter des Forschungszentrums für Umweltpolitik am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, zu Beginn der Konferenz fest. Zwar sei die Rohstoffproduktivität zwischen 1994 und 2004 um rund 50% gestiegen. Der Rohstoffkonsum stagniere in Deutschland jedoch bei rund 15 Tonnen pro Kopf und Jahr; weltweit liege er bei etwa 10 Tonnen. Damit sei die Materialnutzung der Treiber für Treibhausgasemissionen und umgekehrt der Schlüssel, um den Klimawandel zu begrenzen.

Ein aufeinander abgestimmter Politikmix sei notwendig, um die Sektorziele miteinander zu verzahnen, so der Wissenschaftler.

Christian Noll, Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) forderte, graue Energie und Nutzenergie bei der Ökobilanzierung von Gebäuden nicht miteinander zu verrechnen. Außerdem sprach er sich dafür aus, den Gebäudelebenszyklus produktseitig und planerisch mitzudenken.

Für einen intensiveren Austausch auf europäischer Ebene warb Dr. Manfred Fuchs, Europäische Kommission, Generaldirektion Unternehmen und Industrie, Abteilung für Baugewerbe, denn gerade die Herangehensweise anderer Länder, würde dazu zwingen, den eigenen Standpunkt zu überdenken und Vorgehensweisen zu hinterfragen.

Aus der Nische in den Markt

Die präsentierten Beispiele zeigten auf, dass sich Recycling-Prozesse in der Bauwirtschaft in Teilbereichen etabliert haben: Über das von Geschäftsführer Stephan Riemann vorgestellte Rücknahmesystem der Lightcycle GmbH wurden in Deutschland in den letzten Jahren mehr als 60 Millionen Altlampen, teils direkt von der Anfallstelle, dem fachgerechten Recycling zugeführt - wodurch Rohstoffe in der Wertschöpfung verbleiben.

Von den hierzulande pro Jahr anfallenden rund 8 Mio. t Altholz wurden 2016 knapp 26% einer stofflichen Verwertung zugeführt, wie Anemon Strohmeyer, Geschäftsführerin des Verbandes der deutschen Holzwerkstoffindustrie (VHI), berichtete. Das Potenzial liege jedoch deutlich höher.

Darüber hinaus wies Walter Lonsinger, Vorstandsvorsitzender des A|U|F Aluminium Wertstoffkreislauf, auf die hohe Recyclingrate der deutschen Aluminiumindustrie von 98% hin. Mit über 700.000 Tonnen Sekundäraluminium gehört Deutschland in Europa zu den Spitzenreitern beim Recycling.

Für Investoren und Projektentwickler war die Vorstellung des Bauvorhabens „Rathaus Korbach“ interessant, an dem Anja Rosen M.A., Architektin, Sachverständige für Nachhaltiges Bauen und DGNB-Auditorin bei der energum GmbH, federführend arbeitet. Das Projekt demonstriere modellhaft, wie beim Gebäudeabbruch anfallendes Material als sogenannte „urbane Mine“ vor Ort aufbereitet und ressourcenschonend in den Neubau integriert werden kann.

Von der Theorie zur Praxis

Die Vortragenden aus der Wissenschaft plädierten entschieden für eine umfassendere Perspektive auf die Ressourcewende im Bauwesen.

Prof. Dr. Natalie Eßig, Architektin, vom Lehrstuhl für Baukonstruktion und Bauklimatik der Hochschule München, sprach sich u.a. für die Weiterentwicklung ausgewählter Kriterien aus, etwa im Bereich der Schadstoffemissionen und im Hinblick auf die Rückbaufreundlichkeit.

Für eine ganzheitliche Kostenbetrachtung im Entwurf setzte sich Prof. Annette Hillebrandt, ebenfalls Architektin, vom Lehrstuhl für Baukonstruktion, Entwurf und Materialkunde der Bergischen Universität Wuppertal, ein, und schlug nachdrücklich die Rückbaupflicht für Investoren und Eigentümer nach Ablauf der Nutzungsdauer eines Gebäudes vor.

Prof. Dr. Sabine Flamme, die sich am IWARU - Institut für Infrastruktur, Wasser, Ressourcen und Umwelt der Fachschule Münster mit Stoffströmen beschäftigt, regte u.a. die Verbesserung der Datenlage über die verbauten Rohstoffe und ihre Verbindungen an, etwa durch digitale Methoden wie BIM.

Damit erfolgreich Erforschtes zügig in die Praxis gelangen kann, sehen die Wissenschaftlerinnen die Politik in der Pflicht, hierfür entsprechende Möglichkeiten zu schaffen.

Im Dickicht der "Gesetzeslyrik"

Ein Blick auf die Rechtslage, unter der die Ressourcenwende in der Bauwirtschaft stattfindet, macht den Handlungsbedarf deutlich: Aktuell besteht der baurechtliche Instrumentenkasten aus weit mehr als 20 Gesetzen und Verordnungen - was eine wirkliche Ressourcenwende wohl mehr verhindert als begünstigt - stellte Rechtsanwalt Michael Halstenberg, Partner der Kanzlei Kopp-Assenmacher & Nusser nüchtern fest.

Allgemeine Regelsätze bezüglich Produktverantwortung, Verwertungspflicht und auch produktbezogene Regelungen für Bauprodukte seien zwar vorhanden. Wer sich jedoch im Detail mit der Materie befasst, bleibe im Dickicht der „Gesetzeslyrik“ stecken, konstatierte Prof. Dr. Martin Dippel, Fachanwalt für Verwaltungsrecht, BRANDI Rechtsanwälte Partnerschaft mbB.

Außerdem gehe es gar nicht nur um das aktuelle Prioritätsthema Energie, betonte Klaus Dosch, Leiter der Faktor X-Agentur, sondern um eine kontextuelle Betrachtung von Energie, Treibhausgasen und
Rohstoffen, weshalb die Berücksichtigung des Gebäudelebenszyklus erforderlich sei. Ebenso sollten Möglichkeiten geprüft werden, für Ressourcenverbrauch in der Bauleitplanung einen gesetzlichen Rahmen zu setzen.

Heißes Thema, aber nicht ausreichend präsent

Wie die Immobilienwirtschaft und die Politik angesprochen werden können, darüber diskutierten Katrin Lang, Geschäftsführerin DETAIL Business Information GmbH, Jakob Schlandt, Redaktionsleiter des Tagesspiegel Background Energie & Klima, und Christoph Mattes, Geschäftsführer der MuP Verlag GmbH.

Ein Interesse für Energie- und Klimathemen sei sowohl bei der Fachwelt als auch bei der breiten Öffentlichkeit vorhanden, so die Erfahrung der Kommunikationsexperten. Die Abonnentenzahlen im Printbereich und für Online-Informationen würden das belegen. Um die Ressourcenwende stärker in den Fokus der Akteure zu rücken, sollte die Bauwirtschaft mehr proaktives Agenda-Setting und zielgerichtetes Storytelling betreiben. Jakob Schlandt regte ferner an, die sich bietende Gelegenheiten zur Platzierung der eigenen Position mehr zu nutzen.

Handeln statt debattieren

Als Fazit der Konferenz entwickelte sich die Forderung der Politikvertreter Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, sowie Chris Kühn, MdB, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik, Bündnis 90/Die Grünen, unmissverständlich: Die Ressourcenwende gehört auf die vorderen Plätze der politischen Agenda!

Schnellstmöglich müssten die zig Verordnungen und Gesetzen vereinfacht werden, bürokratische Hürden sind abzubauen, so dass eine echte zirkuläre Wertschöpfung in der Bauwirtschaft praktikabel wird. Allerdings verwiesen beide Politiker auf die langwierigen und komplizierten Abstimmungsprozesse, mit denen Gesetzesänderungen verbunden sind. Schließlich müssten zahlreiche Interessen berücksichtigt werden.

An die Verantwortung der Politik gegenüber der jungen Generation appellierte aber Franziska Wessel von Fridays for Future. Höchste Zeit, endlich zu handeln, statt immer nur zu reden, mahnte die Schülerin die Politiker.

Die Politik und die Bauwirtschaft zum Handeln zu bewegen, dazu ist die re!source Stiftung angetreten. „Die große Resonanz auf unser Anliegen zeigt, wie sehr das Thema den am Bau beteiligten Branchen unter den Nägeln brennt“, so Annette von Hagel, geschäftsführender Vorstand. Einer der nächsten Schritte sei, das Thema politisch auch auf europäischer Ebene zu verankern. „Mit konkreten Vorschlägen setzen wir uns dafür ein, dass Hemmnisse zügig abgebaut, Innovationen künftig gefördert und wirtschaftlich umgesetzt werden“, motivierte Vorstand Rolf Brunkhorst die Teilnehmer, die Vereinsziele zu unterstützen, Verantwortung zu übernehmen - und mitzumachen.

siehe auch für zusätzliche Informationen:

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