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Mehr Wandel: Kirchenumbau und Kirchenumnutzung

(1.6.2008) Kirchen sind ein Zeichen unserer abendländischen Kultur, hunderte von ihnen sind jedoch aktuell aufgrund der stetig sinkenden Zahl von Kirchgängern in Deutschland von einer Säkularisierung oder sogar einem Abriss bedroht. Über die Probleme und Chancen, die dieser Wandel mit sich bringt, sowie mögliche Lösungsansätze diskutierten die Teilnehmer der Tagung "Mehr Wandel: Kirchenumbau und Kirchenumnutzung" am 29. Mai 2008 in Kaiserslautern. Ein Fazit war das gar nicht triviale Plädoyer, die Kirche im Dorf zu lassen. Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz und die Atlantische Akademie hatten zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Das Thema liege gewissermaßen in der Luft, betonte Dr. Werner Kremp, Direktor der Atlantischen Akademie, zu Beginn der Tagung - besonders in Kaiserslautern, wo es momentan eine lebhafte Diskussionen um die Desakralisierung und den Verkauf der Christkönigskirche gab und noch gebe. Mit dem interdisziplinären Dialog zwischen Architekten, Wissenschaftlern, Kirchenvertretern unterschiedlicher Konfessionen und vieler am Thema interessierter Menschen wolle man zur Lösungsfindung dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung beitragen.

"Architekten sind keine Seelsorger für den Raum, aber sie können die Seele eines Bauwerks erfassen und den Betroffenen viele Sorgen nehmen," so der Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, Stefan Musil (Bild rechts), in seinem Beitrag. Musil verdeutlichte anhand bereits umgenutzter Kirchen in Rheinland-Pfalz, dass verträgliche Umwandlungen möglich sind. Als hervorragende Beispiele nannte er St. Maxim in Trier, wo heute eine Schulturnhalle untergebracht ist, und den St. Wolfgangschor in Bad Kreuznach, der seit der Mitte der 90er Jahre als Bibliothek genutzt wird.

Bernhard Nacke, Leiter des Katholischen Büros in Mainz, wies darauf hin, dass die Problematik der Kirchenumnutzung regional sehr unterschiedlich ausgeprägt sei. So zögen viele Menschen aus den Stadtzentren, in denen es viele alte, große Kirchen gebe, an den Stadtrand. "Vor allem aber auch in der Fläche eines Landes wie Rheinland-Pfalz gibt es Sorgen und Bemühungen um die Entwicklung in den Dörfern. Wie kann dort der Erhalt von Kultur und sozialen Einrichtungen gesichert werden?", fragte Nacke. Kirche und Glaube sei dabei ein Teil der Kultur. Sinngemäß zitierte er Professor Johann Baptist Metz: "Das Christentum sei nicht nackt zu haben." Der Erhalt der Kirchen, als Orte der Identität, der Kunst und Geschichte liege zudem auch im öffentlichen Interesse. Kirchen sollten aufgrund ihrer architektonischen und historischen Bedeutung als kulturelles Erbe erhalten bleiben. Somit betreffe der Umgang mit Kirchengebäuden auch den Bund, die Länder und die Kommunen.

Für die Grundprämisse, "dass das, was wie Kirche aussieht, auch in Zukunft Kirche enthalten soll", sprach sich Antje Hieronimus, Rechtsdirektorin der Evangelischen Kirche im Rheinland, aus. Sie zitierte zahlreiche Vorbilder, bei denen Gemeindefunktionen in das Kirchengebäude hineinverlagert wurden, beispielsweise durch die Umwandlung von Friedhofskapellen in Kolumbarien. Kirchenbaudirektor der Evangelischen Kirche der Pfalz, Ralf Gaul, wies darauf hin, dass die Landeskirche jährlich durchschnittlich rund 10 Millionen Euro Baumittel ausgebe. Gemeinsam mit dem Diplom-Theologen Matthias Ludwig plädierte er für die Erhaltung einer kirchlichen Nutzung, so lange dies möglich ist. Prof. Dr. Winfried Haunerland von der Katholisch-Theologischen Fakultät in München regte an, Kirchen, die nicht mehr gottesdienstlich genutzt werden, weiterhin als "steinerne Zeugen des Glaubens" zu bewahren und für Betende offen zu lassen.

Neue, interessante Anregungen gab Professor Bryan Froehle von der Dominican University Illionois. In den USA habe die Umwandlung von Kirchen Tradition. Sie wurden schon immer abhängig von der Entwicklung der Gemeinde und der Umgebung ge- und verkauft. Grundstückspreise spielen dabei durchaus eine Rolle. Immer häufiger mieten Gemeinden in den USA auch Warenhäuser oder andere gewerbliche Bauten an, die sie dann gegebenenfalls auch einfach wieder verlassen könnten. Trotz dieses sehr pragmatischen Ansatzes steht aber auch für Froehle fest: "Ein Kirchengebäude ist mehr als ein Raum." Er kann nicht so einfach in eine säkulare Nutzung überführt werden, ohne bei den Mitgliedern der Gemeinde ein Verlustgefühl zu hinterlassen. Der beste Weg, eine solche Entfremdung zu vermeiden, bestehe in einer Beteiligung der einzelnen Mitglieder am Entscheidungsprozess und einer ritualisierten Säkularisierung.

Dass die Umnutzung von Kirchen vor allem auch Chancen birgt, bewiesen die Vorträge von Claus Staniek, er ist Mitinhaber des Architekturbüros es+ architekten + ingenieure in Darmstadt und stellte den Umbau von St. Peter in Frankfurt in eine Jugendkirche vor, und des Juniorprofessors Dirk Bayer, der mit seinen Studenten die Umgestaltung der Matthäuskirche in Stuttgart bearbeitete. "Die knappen Finanzen der Kirchengemeinden regen zwar das Nachdenken an, aber weder die Analyse der Unterhaltungs- und Renovierungskosten noch die Nutzungswünsche einer Kirchengemeinde führen unmittelbar zu intelligenten Lösungen", so Bayer. Die Erfahrungen der Studenten mit der Matthäuskirche zeigten, dass es Umwege sind, die zum Ziel führten. "So als ob Architekten, Theologen, Pfarrer und Gemeindemitglieder den Kirchenraum aus seinen Kontexten erst neu entdecken müssen, bevor sie über seine Zukunft entscheiden können."

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