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TÜV SÜD plädiert für bessere Qualitätssicherung im Baubereich

(12.5.2006) Nach dem tragischen Unglück von Bad Reichenhall und der Serie von Halleneinstürzen in diesem Winter hat TÜV SÜD grundlegende Ursachenforschung betrieben. Die systematische Auswertung von eigenen Gutachten und der einschlägigen Fachliteratur brachten zum Teil überraschende Ergebnisse: Mehr als die Hälfte der untersuchten Hallen wies Mängel auf, das Einsturzrisiko war fast über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes hinweg gleich hoch. Das zentrale Problem ist nach Ansicht der TÜV SÜD-Experten nicht die Schneelast, sondern die Qualitätssicherung bei Planung, Bau und Betrieb.

"Wir können eine zunehmende Häufung von schweren Schäden bei Hallen und Gebäuden beobachten", sagt Dr. Manfred Bayerlein, Geschäftsführer der TÜV SÜD Industrie Service GmbH. "Diese Entwicklung gipfelte - sicher verstärkt durch die extreme Wetterlage - in der Einsturzserie dieses Winters." Das Wetter war aber nach Ansicht der TÜV SÜD-Experten nur der Auslöser für die Einstürze, die wirklichen Ursachen reichen wesentlich tiefer und betreffen sowohl Konstruktionsfehler als auch Mängel bei Material, Ausführung sowie Wartung und Instandhaltung. Mit der Entwicklung eines TÜV SÜD-Prüfstandards für die umfassende Bestandsaufnahme und systematische Auswertung von eigenen Gutachten und mit einer Literaturrecherche zu Halleneinstürzen betrieben die Experten grundlegende Ursachenforschung.

Die markante Häufung von Halleneinstürzen schon kurz nach der Errichtung war eines der auffälligsten Ergebnisse der Recherche. Über 100 Berichte von Einstürzen hatten die Sachverständigen von TÜV SÜD in der Datenbank des Fraunhofer-Informationszentrums Raum und Bau, in Fachzeitschriften, Fachbüchern und im Internet gefunden, in 65 Fällen hatten die Informationen eine genauere Bewertung ermöglicht. "Fast noch wichtiger ist die Tatsache, dass die Zahl der Einstürze - mit Ausnahme der Anfangsphase - unabhängig vom Alter der Hallen ist", erklärt Dr. Bayerlein. Auch wenn eine Halle die erste, kritische Phase hinter sich habe, biete das noch keine Gewähr für die zukünftige Standsicherheit.

Als problematisch bewerten die Sachverständigen von TÜV SÜD vor allem die Tatsache, dass ein hoher Anteil der Einstürze den Berichten zufolge nicht auf Überlast durch Schnee oder Eis, sondern auf andere Ursachen zurückzuführen ist. So entfielen beispielsweise bei Holzhallen immerhin ...

  • 24 Prozent der Einstürze auf Konstruktionsfehler,
  • 29 Prozent auf Mängel beim Material und in der Ausführung sowie
  • 37 Prozent auf Probleme im Betrieb und in der Instandhaltung.

Von den letztgenannten betrafen lediglich 16 Prozent die Überlast durch Schnee oder Eis. "Auch wenn unsere Recherche keinen repräsentativen Charakter hat, ist eine Tatsache klar hervorgetreten", so Dr. Bayerlein. "Wir haben ein erhebliches Qualitätsproblem, das den gesamten Prozess - von der Planung über den Bau bis zum Betrieb von Gebäuden - umfasst."

Aktuelle Datensammlung aus TÜV SÜD-Gutachten

Die Recherche in der Fachliteratur haben die Bautechnik-Experten von TÜV SÜD durch die systematische Auswertung ihrer eigenen, aktuellen Hallengutachten deutlich erweitert und vertieft. "Nach den spektakulären Einstürzen in diesem Winter hat sich die Nachfrage nach sicherheitstechnischen Untersuchungen von bestehenden Hallen stark erhöht", berichtet Herbert Gottschalk, Leiter des Geschäftsfelds Bautechnik der TÜV SÜD Industrie Service GmbH. "Um unseren Kunden eine verlässliche Bewertung ihrer Hallen geben zu können und um eine aussagekräftige Auswertung zu ermöglichen, haben wir einen eigenen Prüfstandard entwickelt, unsere Gutachten neu strukturiert und eine spezielle Datenbank aufgebaut." Inzwischen haben die Bausachverständigen weit über 200 Hallen in ganz Deutschland untersucht und 100 aktuelle Gutachten abschließend bewertet.

"Über 50 Prozent der von uns untersuchten Hallen wiesen relevante Mängel auf", berichtet Gottschalk. Besonders hoch war der Mängelanteil ...

  • bei Holzhallen mit 75 Prozent,
  • gefolgt von Stahlhallen mit 55 Prozent und
  • Betonhallen mit 45 Prozent.

Während bei Stahl- und Betonkonstruktionen in keinem Fall eine akute Einsturzgefahr drohte, war bei 11 Prozent der Holzkonstruktionen zum Zeitpunkt der Untersuchung durch TÜV SÜD die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet und die Hallen mussten sofort geschlossen werden. "Holz ist als Werkstoff auf keinen Fall schlechter als Stahl oder Beton", warnt der Bauexperte vor einer falschen Deutung dieser Zahlen. "Aber Holz wird häufig bei kleineren Hallen eingesetzt, die mit wesentlich geringerem Planungs- und Berechungsaufwand als größere Projekte umgesetzt werden."

Bei der Auswertung hinsichtlich des Alters zeigten sich - im Gegensatz zur den Ergebnissen der Literaturrecherche - keine besonderen Auffälligkeiten. "Wir gehen davon aus, dass Probleme kurz nach der Errichtung der Hallen noch als 'Garantiefälle' behandelt werden und deshalb nicht zu einer Beauftragung von TÜV SÜD führen", erklärt Gottschalk. "Allerdings werden wir die altersabhängige Verteilung der Baumängel bei der weiteren Auswertung unserer Gutachten und der Fortführung unserer Statistik sehr genau im Auge behalten."

Die Gutachten der TÜV SÜD-Sachverständigen beinhalten auch eine Unterlagenprüfung, die Aussagen über die Statik der untersuchten Hallen ermöglichen. "Bei sieben Prozent war die Statik nicht korrekt berechnet", so Gottschalk, "bei weiteren zwölf Prozent stimmte zwar die Statik, nicht aber die Ausführung." Zudem gibt es noch eine erhebliche Dunkelziffer, weil in 55 Prozent der untersuchten Fälle überhaupt keine Informationen vorlagen oder die vorhandenen Unterlagen nicht für eine aussagekräftige Beurteilung der Statik ausreichten.

Probleme bei der Qualitätssicherung

Der hohe Mängelanteil bei den untersuchten Hallen hat auch die erfahrenen Bautechnik-Experten von TÜV SÜD überrascht. "Um die Probleme bei der Hallen- und Gebäudesicherheit in den Griff zu bekommen, müssen wir die Prozesse bei Planung, Bau und Betrieb und ihre Umsetzung grundsätzlich überdenken", erklärt Dr. Bayerlein. Unterschiedliche Interessen der verschiedenen Beteiligten am gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes sowie die Fragmentierung bei Statik- und Prüfaufträgen würden zu Problemen bei der durchgängigen Qualitätssicherung und damit zum einem Qualitätsrisiko führen. Für eine ganzheitliche Beurteilung im Sinne einer integrierten Gebäudesicherheit fehlten in der Regel die Zeit und das Geld.

Diese Problematik wird durch mangelnde Wartungs- und Sanierungsmaßnahmen bei bestehenden Gebäuden noch verstärkt. "Wir haben in Deutschland zu lange die Tatsache ignoriert", so Dr. Bayerlein, "dass Gebäude altern und dass wir diesen Prozess systematisch begleiten müssen." Diese Tatsache werde durch die finanziellen Probleme der öffentlichen Hand noch verstärkt, durch die notwendige Sanierungsmaßnahmen häufig erschwert würden. "Wir brauchen im Baubereich einen effizienten und durchgängigen Qualitätssicherungsprozess", so die Forderung von Dr. Bayerlein. "Dieser Prozess muss eine lückenlose Nachvollziehbarkeit beim Planungsprozess und eine unabhängige Überprüfung von Bauausführung und Abnahme beinhalten und den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes umfassen."

Gefahren erkennen - Risiken minimieren

Über diese grundsätzlichen Überlegungen hinaus sehen die Bautechnik-Experten von TÜV SÜD wegen der hohen Mängelrate dringenden Handlungsbedarf. "Aufgrund unserer Erfahrungen und unserer aktuellen Erkenntnisse haben wir ein zweistufiges Konzept zur systematischen Bewertung des gesamten Gebäudebestandes entwickelt, mit dem sich die Gefahren schnell erkennen und die Risiken deutlich reduzieren lassen", sagt Herbert Gottschalk. Die erste Stufe des TÜV SÜD-Prüfstandards besteht in einer umfassenden Bestandsaufnahme von Hallen und Gebäuden, um unkritische und kritische Konstruktionen zu unterscheiden. Als "kritisch" sind beispielsweise Tragwerke mit großen Spannweiten und solche Konstruktionen einzustufen, die durch Abdeckungen nicht direkt einsehbar sind. "Mit der Bestandsaufnahme schaffen wir die Voraussetzung für ein differenziertes und gezieltes Vorgehen in der zweiten Stufe", erklärt Gottschalk. Während bei unkritischen beziehungsweise "gutmütigen" Konstruktionen in Zukunft eine regelmäßige, relativ einfache Sichtprüfung durch den Betreiber genüge, müssten kritische Konstruktionen intensiver untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen bilden die Basis für einen differenzierten, in einem "Betriebshandbuch" genau beschriebenen Wartungs- und Instandhaltungsplan, der die spezifischen Eigenschaften eines Gebäudes berücksichtigt. Das "Betriebshandbuch" liefert einen detaillierten Maßnahmenkatalog für Gebäudebetreiber. Diese sind nach den Vorgaben aller Bauordnungen der 16 deutschen Bundesländer dazu verpflichtet, die Standsicherheit der Gebäude in der Betriebsphase zu gewährleisten. "Wir halten unser zweistufiges Konzept für die beste Möglichkeit", so Gottschalk, "die Sicherheit der Gebäude und den Werterhalt der Gebäudesubstanz über die gesamte Lebensdauer hinweg zu gewährleisten und die Risiken nicht nur für die Betreiber, sondern für alle Beteiligten zu minimieren."

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