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100 m²-Baulückenschluss mit einem 11-Parteien-Wohnhaus in Holz-Hybrid-Bauweise


alle Fotos © Gui Rebelo architeture photography (Bild vergrößern)
  

(15.5.2020) Eine kleine Baulücke in Berlin-Moabit haben Rundzwei Architekten mit einem Wohnhaus in Holz-Hybrid-Bauweise geschlossen (siehe Google-Maps). Zur Straße hin zeigt sich der „Eisberg“ mit seiner hellen Aluminium-Fassade städtisch und kühl. Die nach Süden ausgerichtete Hofseite mit außen liegender Erschließung ist dagegen mit großzügigen Balkonen offen gestaltet und bietet viel Licht. Das Niedrigenergiehaus wurde größtenteils aus wiederverwertbaren Materialien gebaut und nutzt das kleine Grundstück bemerkenswert gut aus: Auf lediglich 100 m² Grundfläche entstanden 11 barrierearme Mietwohnungen - inkl. Aufstockung des sanierten Nachbargebäudes sind es 20 Wohneinheiten

Kreative Flächenmaximierung

Sowohl die unterschiedlichen Fassaden als auch die planerischen Eingriffe zur Flächenmaximierung prägen das Erscheinungsbild des Wohngebäudes: Straßenseitig vergrößert ein Erker die Wohnungen.

Hofseitig haben Marc Dufour-Feronce und Andreas Reeg den Treppenkern und den Fahrstuhl in den Hof ausgelagert. So konnten die Architekten auf dem relativ kleinen Grundstück die maximal mögliche Nutzfläche generieren. Dieser pragmatische Umgang mit dem größten baurechtlich machbaren Gebäudevolumen findet sich auch in den Grundrissen und Fassaden wieder.

Vom Erdgeschoss bis zum 4. Obergeschoss ermöglicht die ungewöhnliche Geometrie komfortable Grundrisse für neun 2-Zimmer-Mietwohnungen mit jeweils ca. 55 m² Nutzfläche. Die loftartigen Koch-, Ess- und Wohnbereiche verbinden Nord- und Südfassade. Querlüftung und Ausblicke in beide Richtungen sind dadurch möglich. Alle Wohnungen verfügen über direkt an die Schlafzimmer anschließende Bäder und einen Hauswirtschaftsraum.

Im fünften und sechsten Obergeschoss liegen zwei Maisonette-Mietwohnungen mit jeweils 96 m² Nutzfläche. Hier hat der zum Hof hin orientierte Koch-, Ess- und Wohnbereich eine doppelte Raumhöhe.

Über den Fahrstuhl sind alle Wohnungen stufenlos erreichbar. Auch im Inneren sind alle Wohneinheiten (bis auf die Maisonette-Wohnungen) komplett altersgerecht schwellenfrei ausgeführt.

Flächenbündige Außenhaut versus offene Gerüststruktur

Die symmetrisch und streng gerastert angelegte Straßenseite ist mit einer nahezu flächenbündigen Außenhaut aus gewelltem Aluminiumblech überzogen. Sie zieht sich als natürliche, fließende Form über den zurückspringenden Eingangsbereich im Erdgeschoss und den aus der Fassade Erker darüber.

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Alle Fenster zur Straße hin können mit Klappläden verschlossen werden - wodurch die Fassade beinahe wie ein potemkinscher Platzhalter für die Baulücke und/oder wie ein Mockup mit der Bildsprache einer modernen Graphic Novel wirkt. Das Aluminiumblech ist allerdings echt, und die Klappläden sind perforiert, so dass das Tageslicht auch im geschlossen Zustand durch die Fenster fällt und der Blick nach draußen weiterhin möglich ist.

Nach Süden zeigt der „Eisberg“ ein ganz anderes Gesicht: Eine offene Gerüststruktur trägt und umschließt den in den Hof geschobenen Treppenkern und den Fahrstuhl sowie die langgestreckten Balkone vor allen Wohnungen. Durch bodentiefe Fenster dringt die Sonne im Winter weit in die Räume ein, im Sommer schützen die durchgehenden Balkonflächen vor zu viel Sonneneinstrahlung, ohne die Blickverbindung zum hellen Innenhof mit altem Baumbestand zu beeinträchtigen. Im Dachgeschoss sorgt das extensive Gründach für einen Kühlungseffekt während der heißen Monate des Jahres.

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Beschleunigter Bauprozess dank Holzfertigteilen

Der "Eisberg" ist als Holzskelettbau mit tragenden Vollholzdecken, Fassadenelementen in Holztafelbauweise, Kalksandstein- und Stahlbetonwänden sowie Stahl- und Holzstützen realisiert. Soweit wie möglich wurden Holzfertigteile verwendet, um den Bauablauf zu beschleunigen und die Ausbauarbeiten so gering wie möglich zu halten. Durch die statischen Aufbauten der Wände und Dächer erreicht das Gebäude den Niedrigenergie-Standard (KfW 55).

Die Holz- und Kalkputzoberflächen der Konstruktion und Innenwandbekleidungen sind offenporig und tragen so zur natürlichen Klimatisierung der Raumluft bei. Dies verringert eventuelle spätere Bauschäden durch nicht ausreichende manuelle Lüftung der Mieter. Eine Fernwärme-Heizungsanlage versorgt die Fußbodenheizungen der Wohneinheiten. Der Luftwechsel erfolgt automatisiert und geräuscharm in den Bädern und Küchen sowie durch feuchtegesteuerte Nachtstromöffnungen in den Fenstern. Dadurch kann auf eine komplexe Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung verzichtet werden.

Lokale, recycelbare Materialien

Marc Dufour-Feronce und Andreas Reeg legen großen Wert auf einfache, möglichst lokal produzierte und gleichzeitig funktionale Materialien: Anstatt mit Glas wurden die Balkonbrüstungen und Treppenläufe mit einfachen Edelstahlnetzen gesichert, der Fahrstuhl mit einer Streckmetallverkleidung versehen und leuchtend goldgelb lackiert.

Statt aufwändiger Bodenbeläge entschieden sich die Berliner Architekten für Sichtestrichböden in allen Wohnungen. Die Holzdecken aus Fichtenholz ließen die Planer ebenfalls unverkleidet, lediglich weiß geölt.

Bis auf Estrich und Putzflächen sind in dem Wohnhaus alle Baumaterialien nur mechanisch befestigt, um ein späteres Recycling zu erleichtern. Im Idealfall lassen sich Umweltfreundlichkeit und Wirtschaftlichkeit so optimal verbinden wie bei dem gewellten Aluminiumblech der weißen Nordfassade: Es ist kostengünstig, hat einen hohen Recyc­ling-Anteil und kann zu 100 % wiederverwertet werden.

siehe auch für zusätzliche Informationen:

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