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49. Rosenheimer Fenstertage: volle Säle, Wiedersehensfreude und Bekenntnis zum Klimaschutz

(23.10.2022) Die lebhaften Gespräche in den Pausen und auf dem bayerischen Fest­abend - die Freude am persönlichen Austausch war mit den Händen zu greifen. Aber auch das Vortragsprogramm scheint die 522 Teilnehmer überzeugt zu haben, denn die Vortragssäle waren stets gut gefüllt. Die vielen Vorträge zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit beleuchteten das Thema aus strategischer, wirtschaftlicher, ordnungspolitischer und praktischer Sicht. Alle Referenten waren sich einig, dass die Zeit drängt und eine Steigerung der energetischen Sanierungsquote notwendig und auch machbar ist. „Wir schaffen das“ war der einstimmige Tenor - passend zum diesjährigen Motto „Aufbruch in die neue Klimazeit“.

alle Fotos © ift Rosenheim 

Nachdem die Corona-Pandemie ein wenig ihren Schrecken verloren hat, gab es mit den 49. Rosenheimer Fenstertagen die lang erwartete Rückkehr des größten Fachkongresses der Fenster- und Fassadenbranche. Deshalb eröffnete Dr. Jochen Peichl (CEO ift Rosenheim) die Fenstertage auch in Anlehnung an eines der bekanntesten Filmzitate „We are back“. Hinter dem erfolgreichen Neustart der Rosenheimer Fenstertage standen aber auch hunderte Stunden intensiver Arbeit, um ein hochklassiges Programm mit kompetenten Referenten und einen umfassenden Service zu entwickeln, damit sich die 522 Teilnehmer rundum wohl fühlen konnten.

Kenndaten und Bewertungen

ift-Institutsleiter Prof. Jörn P. Lass
ift-Institutsleiter Prof. Jörn P. Lass
  

Den Auftakt zum „Aufbruch in die neue Klimazeit“ machte der Institutsleiter Prof. Jörn P. Lass (Bild rechts), der in seinem Vortrag „Nachhaltig Bauen - Fenster, Türen und Fassaden als Bausteine der Energie- und Ressourcenwende“ die zu erwartenden Anforderungen und Nachweise beschrieb, mit denen die Hersteller und Zulieferer rechnen müssen. Als Basis seien zwar die Daten einer Umweltproduktdeklaration (EPD) vorhanden, aber für eine praktisch brauchbare Bewertung der Nachhaltigkeit und Klimasicherheit von Bauelementen brauche es weitere Kenndaten und Bewertungen. Diese würden aber durch die bestehenden Normen nur sehr unvollständig abgedeckt. Deshalb werde das ift Rosenheim bis zur nächsten BAU im April 2023 ein entsprechendes Bewertungssystem entwickeln, das gemäß der Saalumfrage von 88% der Teilnehmer als notwendig erachtet wurde. Mit den Worten „Fenster und Fassaden sind die einzigen Bauprodukte, die Energie gewinnen können“ spornte er die Branche zu Optimismus und mehr Engagement an.

Kipp-Punkte

In die gleiche Richtung argumentierte der renommierte Klimaexperte Prof. Dr. Stefan Rahmstorf (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, PIK), der eindringlich mahnte, dass die Zeit für eine Verringerung des Klimawandels sehr knapp geworden sei und bis 2030 die CO₂-Emissionen drastisch reduziert werden müssten, bevor Kipp-Punkte dies extrem erschweren. Positiv stimme, dass die Technik für den Wandel vorhanden sei, denn die Photovoltaik und Windenergie seien bereits jetzt die günstigsten Arten, Strom zu erzeugen - selbst in Deutschland. Zudem räumte er das häufige Missverständnis aus, dass eine Temperaturerhöhung von 1,5 bis 2,0°C in Deutschland und Europa ja nicht so schlimm wäre. Bereits jetzt sei diese in Deutschland mit 2,0°C doppelt so hoch wie im Durchschnitt und führe in Europa zu regelmäßigen Hitzewellen, zunehmender Dürre, Bränden und Waldsterben. Bei der Hitzewelle in 2003 habe es in Europa immerhin ca. 70.000 Hitzetote gegeben und für 2022 würden über 100.000 Opfer geschätzt.

Durch die Veränderungen des Jetstreams komme es zudem regelmäßig zu lokalen Starkregen und Überschwemmungen. Da die Welt bei den jetzigen Maßnahmen auf eine Temperaturerhöhung von ca. 3,2 °C zusteuere, sei konsequentes Handeln ge­fragt - gerade auch im Gebäudebereich, der sehr überproportional fossile Brennstoffe verbrauche und sich durch die dezentrale Energieversorgung nur sehr langsam ändern lasse. Prof. Rahmstorf erwartet daher auch eine „Zeitenwende“ bei den politischen Vorgaben zur energetischen Sanierung des Gebäudebestands.

Bauwirtschaft / Baupolitik

In die gleiche Richtung argumentierte auch Martin Langen (B+L Marktdaten), der folgende Kernbotschaften präsentierte, die auf aktuellen Analysen und langjährigen fundierten Erfahrungen beruhen:

  • Die Bauindustrie ist nicht mehr zyklisch, folgt auch nicht zwingend der allgemeinen Wirtschaft und wird von der Politik als systemrelevanter volkswirtschaftlicher Zweig auch in Krisen von der Politik gestützt.
  • Die Politik wird sich bei den Förderungen auf die energetische Sanierung und den Neubau des Sozialen Wohnungsbau (MFH) fokussieren. Das Einfamilienhaus (EFH) wird deutlich an Förder-Relevanz verlieren, auch wenn es das Wunschziel vieler Menschen ist.
  • Die (notwendige) massive Zuwanderung erzeugt Umzüge, die meistens als Sanierungsanlass dienen und damit auch die energetische Sanierung fördern.
  • Die höheren Baukosten werden die Bautätigkeiten nur vorübergehend bremsen und führen nicht zu einem dauerhaften Rückgang.
  • Solange höhere Hypothekenzinsen deutlich unter der Inflation liegen, führen diese nicht zu einem Einbruch der Bautätigkeiten, insbesondere im Mehrfamilien-Wohnungsbau.
  • Höhere Energiekosten führen zur energetischen Sanierung.
  • Die Auftragslage bleibt mittelfristig positiv, weil es einen Überhang von ca. 800.000 genehmigten Wohneinheiten gibt, die mehrheitlich aus 2020-2022 stammen.

Der Großteil des starken Einbruchs der Bauwirtschaft im Sommer 2022 sieht Herr Langen als vorübergehendes Phänomen an, weil er als Ursache die stark reduzierten Kapazitäten durch coronabedingten Krankenstand und Quarantäne sowie die Urlaubswelle (Betriebsschließungen) sieht.

Lieferschwierigkeiten

Prof. Christian Niemöller gab im vierten Plenumsvortrag eine sehr detaillierte Anleitung, wie insbesondere Fenster- und Fassadenhersteller die aktuellen Lieferschwierigkeiten von Material und Bauelementen als Behinderung anzeigen können, wenn diese auf den Krieg in der Ukraine als „unabwendbare Umstände“ zurückgeführt werden können. Die VOB/B bietet hier gegenüber einem BGB-Bauvertrag deutliche Vorteile, denn der §6 beinhaltet Regeln wie die Auswirkungen „unabwendbarer Umstände“ Fristen, Vergütung und Leistung auch vor der Abnahme geltend gemacht werden können. Bei einem BGB-Vertrag trägt der Auftragnehmer bis zur Abnahme hingegen das volle Risiko.

Sanierungsbooster

Am Donnerstag berichteten Thomas Drinkuth (Repräsentanz Transparente Gebäudehülle) und Frank Lange (Verband Fenster + Fassaden, VFF) über die neuesten Entwicklungen zu den möglichen Ordnungs- und förderpolitischen Maßnahmen der Regierung. Auch wenn alles noch im Fluss sei, seien doch einige Eckpunkte klar erkennbar. Die aktuelle Energiekrise habe vielen Politikern klargemacht, dass neben einer Förderung der regenerativen Energien eine Verbesserung der Energieeffizienz zwingend nötig sei. Das Paradebeispiel sei die Wärmepumpe, denn es sei deutlich geworden, dass diese nur in einem gut gedämmten Gebäude energieeffizient ist. Deshalb rechnen beide Referenten mit einer deutlichen Förderung für die energetische Sanierung und sprachen sogar von einem „Sanierungsbooster“.

Es sei auch zu erwarten, dass in der nächsten Novelle des Gebäudenergiegesetzes (GEG) die solaren Gewinne angerechnet und die Anforderungen an den U-Wert der Gebäudehülle relativiert werden könnten. Das führte auch Dr.-Ing. Stephan Schlitzberger (IB Hauser GmbH) in seinem Vortrag detailliert aus. Interessant war ebenso der Einblick in die Mechanik der Regierung und die Motivation der Politiker, die nicht nur Probleme lösen wollten, sondern immer auch die Wähler und die nächste Wahl im Blick hätten. Erwähnt wurde auch der Druck aus Europa in Form der „Minimized Energy Performance Standards (MEPS), in der bis 2030 ein klimaneutraler Gebäudebestand gefordert wird.

Die weiteren Vorträge ergänzten die Plenumsvorträge durch wichtige Details. Hierzu zählen Informationen zum ...

  • aktuellen Stand der Recyclingmöglichkeiten via Rewindo GmbH und Walter Lonsinger (A|U|F e.V.), Jochen Grönegräs (Bundesverband Flachglas e.V.) und Gerald Feigenbutz (QKE e.V.),
  • aktuellen Stand und Ausblick auf die Überarbeitung des GEG von Dr.-Ing. Stephan Schlitzberger (IB Hauser) mit den zu erwartenden Anforderungen an Glas, Fenster und Fassaden,
  • aktuellen Stand der Technik der schwierigen Schnittstelle der Bauwerksabdichtung von Wolfgang Jehl (ift Rosenheim),
  • zur thermischen Sanierung von Kastenfenstern mit Vakuum-Isolierglas (VIG) Dr. techn. Ulrich Pont (TU Wien),
  • zum innovativen Einsatz von Vakuumglas und weiteren kreativen Ideen im studentischen Projekt „Solar Decathlon“ von Prof. Dr. Jochen Stopper (TH Rosenheim) und
  • praktische und strategische Hinweise zur Entwicklung von Fenstern und Fassaden im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung von Prof. Dr.-Ing. Winfried Heusler (Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Schüco) sowie
  • Lösungen zur sehr schwierigen Vereinbarung von Klimaschutz und Denkmalschutz am Beispiel der neuen Nationalgalerie von Jürgen Einck (Drees & Sommer).

Ergänzt wurde das Hauptthema „Klimaschutz“ durch Vorträge zum Brexit und dem britischen Konformitätszeichen „UKCA“ (Roland Fischer, ift Rosenheim), zur Dauerhaftigkeit von antimikrobiellen Oberflächen (Norbert Sack, ift Rosenheim und Christian Scherer (Fraunhofer IBP) und zur fachgerechten Befestigung und zum Nachweis von absturzsichernden Bauelementen (Prof. Dr. Benno Eierle, TH Rosenheim).

Auch der Power-Workshop am Dienstagnachmittag war mit fast 100 Teilnehmern gut besucht, denn er vermittelte wertvolle Tipps zur „Vereinfachung der Fenstermontage mit Kosten- und Zeitersparnissen durch digitale Helfer“ (Marc Schütt, ö.b.u.v. Sachverständiger im Tischlerhandwerk) und zur „Montage von absturzsichernden Elementen“ (Martin Heßler, ift Rosenheim). Dazu kamen ein Praxisbericht zur energetischen Sanierung mit Fenstern aus Sicht eines Energieberaters“ (Dieter Tausch, Ingenieurbüro für Gebäudeenergie und Fenstertechnik) und Praxistipps für die richtige Planung, Auftragsvorbereitung und Montage von Profilverbreiterungen (Ingo Leuschner, ift Rosenheim).

Prof. Jörn Peter Lass übernahm als Institutsleiter traditionell den Bieranstich auf den Rosenheimer Fenstertagen (Foto © ift Rosenheim/Anton Zaharkov, Knipser Photography) 

Einer der Höhepunkte war wieder einmal der bayerische Abend mit „Oktoberfestflair“ und der Überraschungsparty mit Zirkusatmosphäre und einer Liveband, die mit populären Rock- und Popsongs zum Mittanzen und Mitsingen motivierte.

Am Donnerstagnachmittag besuchten außerdem über 50 Fenster- und Fassadenexperten die Prüfmöglichkeiten der neuen ift-Labore Bauakustik und Fassaden sowie des Technologiezentrums.

Das ift-Führungstrio, bestehend aus Dr. Jochen Peichl (CEO), Michael Breckl-Stock (CTO) und Prof. Jörn Peter Lass (Institutsleiter), war über das sehr positive Feedback der Teilnehmer erfreut und ist nun gespannt auf das Wiedersehen zu den 50. Fenstertagen am 11. und 12. Oktober 2023.

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