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Architektur und Technik der Neuen Messe Stuttgart


Prof. Dipl.-Ing. Kai Bierich


Dipl.-Ing./Architekt Ulrich Bauer (Bild vergrößern)
  

(3.6.2007) Im Rahmen einer Pressekonferenz der Projekt­ge­sell­schaft Neue Messe am 31.5. haben Prof. Dipl.-Ing. Kai Bierich vom Architekturbüro wulf & partner sowie Ulrich Bauer, Geschäftsführer der Projektgesellschaft Neue Messe, das Konzept und die stadtplanerische Einbindung des neuen Stuttgarter Messegeländes sowie die Architektur der Gebäude und Hallen vorgestellt - siehe auch Google-Maps und/oder Bing-Maps.

Tragende Entwurfsidee ist die Orientierung der Neuen Messe Stuttgart in Ost/ West-Richtung, die Überbauung der Autobahn mit der Landschaftsbrücke sowie die Staffelung der Hallen in drei Höhenstufen (Bild). Zusammen mit dem Flughafen entsteht ein zusammenhängendes städtebauliches Areal mit hervorragenden Verkehrsanbindungen (Bild). Basierend auf dem Grundprinzip der kammartigen Erschließung sind zwischen den beiden Eingängen die Funktionsbereiche angeordnet:

  • Standardhallen (Bild),
  • Veranstaltungshalle "Hochhalle" (Bild),
  • Kongresszentrum,
  • Parkhaus und Tiefgarage.

Mit der Einbettung in die bestehende Topografie werden Erdaushub und Erdbewegung wesentlich minimiert - das natürlichen Geländegefälle von fast zwanzig Metern wurde in zwei Höhenstufen übersetzt. Durch diese Höhensprünge kann der Messebeschickungsverkehr die Messe in Nord-Süd-Richtung durchfahren, was wesentliche logistische Vorteile hat. Architektonisch vermittelt dieser topologische, spezifisch "süddeutsche" Ansatz das ökologisch ausgerichtete Konzept.

Das Parkhaus wird als "grüne Welle" über Autobahn und geplante ICE-Trasse geführt und setzt als Landschaftsbrücke den Grünraum des keilförmigen Messeparks fort und schlägt die Grünbrücke über die mit der Autobahn zerschnittene Filderlandschaft.


Computervisualisierung (Bild vergrößern)

Der Reiz der Gesamtanlage besteht aus der Überlagerung der klaren, rationalen Formensprache mit freien bewegten Linienführungen. Organisch geformte Einzelelemente und Linienführungen tauchen auf dem gewölbten Vorplatz, in der "grünen Welle" und insbesondere in dem einer "Kettenlinie" folgenden Hängedach der Messehallen auf.

Transparenz und Offenheit charakterisieren die Fassaden wie auch die Grundhaltung der Architektur. Die konstruktiv geprägte Grundstimmung wird unverkleidet offenbart und soll bewusst die Formensprache der Architektur bestimmen. In ihrer Ästhetik materialbezogen werden die Architekturelemente natürlich und authentisch behandelt.

Der Entwurf stellt regionale Bezüge her, indem Topographie und Kontext einbezogen sowie typische Landschaftselemente integriert werden. Die Expressivität der Architektur steht für architektonische und inhaltliche Identität und vermittelt gegenüber der Formensprache des Flughafens Eigenständigkeit und Individualität.

Den streng funktionalen Prinzipien von Grundriss und Funktion werden organische und freiere Elemente entgegengehalten. Aus gegebenem Grund sind Großprojekte durch ihre starke funktionale Grammatik bestimmt - hier gegenzusteuern ist ein Ziel der Architektur; Erkennbar ist dies duale Prinzip in der Verschwenkung der Gesamtanlage, in der Organik der Dächer und in der Dynamik des geschwungenen Weges, die alle das stereotype Ordnungsprinzip durchbrechen.

Offenheit und Vielfalt beim Entwurf bis hin zu den Details: das Projekt soll sich aus seiner inneren Logik - nicht aus formalen "Gruppenzwängen" heraus - entwickeln: Dazu gehört einerseits eine disziplinierte Kleiderordnung für die vielen unterschiedlichen Bauteile, zum anderen aber das Individuelle und Eigene innerhalb dieses Rahmens.

Spürbar wurde der regionale Kontext einbezogen; die ständige Präsenz der Natur - insbesondere im inneren Messepark - soll das Natürliche der Messe herausstreichen und zugleich die räumliche Qualität erhöhen. An vielen Stellen wird die Grenze zwischen Gebäude und Natur aufgelöst; die Farben der Gräser und Bäume des Messeparks oder der ansteigende Hügel des Parkhauses sind zu sehen. Man vergisst die Grenze zwischen Innen und Außen und fühlt sich als Teil der umliegenden Natur.


Blick vom Eingang Ost auf den noch im Endspurt befindlichen, inneren Messepark (Bild vergrößern)

Die Öffnung des Raumes sowie die Einbeziehung von natürlichem Licht in die Planung wurden konsequent verfolgt. Dafür sorgen die transluzenten und transparenten Fassaden und die zahlreichen Oberlichter , welche das zenitale Licht - das Licht von oben - hereinschaufeln. Eine freundliche, ermüdungsfreie Atmosphäre entsteht im Inneren, die fast den Charakter eines Außenraums aufweist.

Bei dieser Architektur der großen Spannweiten und Höhen steht die Konstruktion im Vordergrund. Das Brückenbauwerk des Parkhauses, die Hängedachkonstruktion der Hallen sowie die weitgespannten Stahlträger des Kongresszentrums bringen die formale Präsenz des Tragwerks zum Ausdruck und werden als technische Konstruktionen zu Taktgebern der Architektur. Der Mensch muss diese Prinzipien von Tragen und Lasten verstehen, um sich hier wohl zu fühlen; daher sind die Konstruktionen offen und nachvollziehbar. Kontrapunktisch dagegen gesetzt ist eine rohe, offene Architektur, die ihre Materialen offen zeigt. Mit ihrer sinnvollen Materialgebung, ihren Oberflächen und Texturen will / soll sie Sinnlichkeit suggerieren.

Messe der kurzen Wege

Die Neue Messe Stuttgart verfügt über eine umfassende verkehrliche Infrastruktur. Ein engmaschiges Straßennetz aus Bundesstraße (B27) und Autobahn (A8) umschließt das Gelände und soll die Anfahrtszeit ampellos auf ein Minimum reduzieren.


Computervisualisierung (Bild vergrößern)

Die Messepiazza im Osten des Geländes ermöglicht als Schnittstelle mit dem angrenzenden Flughafen Stuttgart und der S-Bahn-Station einen schnellen Zugang sowohl zu Parkhaus und Tiefgarage, als auch zu den Messehallen und dem Internationalen Congresscenter (ICS). Zusätzlich ist direkt unter dem Messegelände ein Nah- und ICE-Fernbahnhof (Filderbahnhof) eingeplant, der irgendwann einmal die Neue Messe Stuttgart im Rahmen des Projekts "Stuttgart 21" an das ICE-Hochgeschwindigkeitsnetz der Deutschen Bahn anschließen soll.

Ökologie

Das Gelände der Neuen Messe Stuttgart ist landschaftlich eng mit den angrenzenden Fildern verzahnt. So kann man topographische Gegebenheiten und typische Landschaftselemente an vielen Stellen in der Architektur wiederfinden. Bestes Beispiel dafür ist das Parkhaus, das als "grüne Welle" über die Autobahn führt und so den Messepark in Richtung Osten verlängert. Ein wichtiges Kriterium beim Bau des Messegeländes war es, Störungen der Natur so gering wie möglich zu halten. Die Projektgesellschaft Neue Messe (ProNM) hat deswegen intensive Schutz-, Gestaltungs- und Ausgleichsmaßnahmen realisiert, um die Belastungen für die Umwelt zu mindern. Dazu zählen unter anderem die Rekultivierung bauzeitlich genutzter Flächen, das Anlegen von Streuobstwiesen, der Rückbau versiegelter Flächen sowie eine finanzielle Beteiligung am Umbau der Körschmündung.

Außerdem beschlossen die Architekten die Hängedachkonstruktion der Hallen teilweise zu begrünen, was sich durch die Größenordnung der verschiedenen Gebäude erheblich auszahlt: Addiert man die begrünten Dachflächen, kommt man auf eine Gesamtfläche von rund 7,2 ha. Mit den restlichen "grünen Flächen" sowie den Bereichen mit Ausgleichsfunktion, zum Beispiel den drei Retentionsbecken, werden sogar 45 ha erreicht.

Zusätzlich zu diesen ökologischen Maßnahmen ist das Dach des ICS mit Photovoltaik-Modulen ausgestattet. Mit 2.500 m² Fläche wird dies eine der größten Anlagen in Baden-Württemberg sein und voraussichtlich eine Strommenge von rund 275 MWh/a (Megawattstunden pro Jahr) produzieren. Im Bereich Grundwasserschutz hat sich die ProNM für drei Retentionsbecken entschieden, die im Norden und Osten der Neuen Messe Stuttgart zu finden sind. Ein eigenes Leitungssystem sammelt das auf dem Messegelände anfallende Oberflächenwasser und leitet es an die Retentionsbecken weiter. Dort wird es auf umweltschonende Weise von Schweb- und Schwimmstoffen gesäubert und kann so aufbereitet wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zufließen.

Logistik

Um Erdaushub und Erdbewegung möglichst gering zu halten, sind die beiden Höhenstufen der Messe in den natürlichen Verlauf des Geländes eingefügt. Durch diese Höhenunterschiede von fünf Metern können Anlieferer das Messegelände in Nord-Süd-Richtung unterirdisch durchqueren, was den logistischen Aufwand rund um den Messebetrieb reduziert. Auch können LKW durch die seitlichen Tore direkt ins Innere der Messehallen einfahren und so den Auf- und Abbau der Messestände enorm vereinfachen und beschleunigen.

Ähnlich dem Kongress-Saal, in dem dank seiner räumlichen und technischen Voraussetzungen bis zu vier große Veranstaltungen zeitgleich stattfinden können, ist auch das Messegelände "multifunktionsfähig". Durch den östlichen und westlichen Eingangsbereich sowie die unterirdischen Zulieferwege kann man mehrere Messen gleichzeitig veranstalten, ohne die jeweils anderen Besucher und Aussteller einzuschränken.

Besondere Bautechniken

Zu den prägendsten architektonischen Merkmalen der Neuen Messe Stuttgart gehören ohne Zweifel die geschwungenen Dächer der Messehallen sowie das Parkhaus. So beeindruckend die Bauten, so ungewöhnlich auch die Art und Weise, wie sie entstanden sind.

Beim Messeparkhaus entschieden sich die Brückenbauspezialisten für das so genannte "Taktschiebeverfahren": Dabei wurden die sechs einzelnen Abschnitte der Fachwerkträger - zusammen gut 16.000 Tonnen schwer - von hydraulisch steuerbaren Stahlseilzuganlagen im Laufe eines Tages zentimeterweise vorwärts bewegt. Auf mehreren Pfeilern unterstützten Teflonplatten den Vorschubvorgang über die achtspurige Autobahn A8, bis die beiden Finger letztendlich an den westlichen Zufahrtsspindeln auflagen. Die Fachwerkträger sind damit die weltweit größten Gebäudeteile, welche mit dem Taktschiebeverfahren transportiert wurden.

Nach den "Tatort"-Dreharbeiten im Sommer 2006 weiß mittlerweile nicht nur Kommissar Bienzle, dass hunderte so genannter "Big-Packs" die konkaven Dächer der Messehallen in die richtige Form brachten. Bei der Planung dieser Hallen entschlossen sich die Architekten für die selten anzutreffenden Hängedächer, da diese aufgrund der besseren Verteilung der Zugkräfte in den Untergrund als besonders materialsparend gelten und doch spektakulär wirken. Jedoch galt es darauf zu achten, die Dachunterkonstruktion während der Montage mit so genannten "Big-Packs" an ihr zukünftiges Gewicht zu gewöhnen. Gleichzeitig sicherten die "Big-Packs" die Hallendächer in den noch offenen Bauten vor zu starken Windböen ab.

Und die Säcke hatten einen weiteren praktischen Nebeneffekt: Nachdem man sie Stück für Stück abgenommen hatte, konnte man ihren Inhalt als Unterbau für den Boden benutzen.

Raumklima

Das Raumklimakonzept der Neuen Messe Stuttgart richtet sich an den neusten technischen Standards aus. Traditionell unterliegen Energiekonzepte von Messehallen starken zyklischen Schwankungen. Denn nicht immer benötigen alle Hallen, zum Beispiel beim Auf- und Abbau oder in der messefreien Sommer- und Winterpause, die gleiche Menge an Wärme. Die Planer der Neuen Messe Stuttgart entschieden sich deshalb für eine im Messebau einmalige Innovation: die so genannte Schichtlüftung.

Dieses Verfahren basiert auf einer im Messebetrieb bekannten Entwicklung des Raumklimas. Im Laufe eines Messetages entstehen in den Hallen stets zwei Luftschichten unterschiedlicher Qualität. Genau diese Konstellation macht sich die Schichtlüftung zunutze. Sie versorgt nämlich nur den unteren, vom Messebetrieb aufgeheizten Luftbereich ständig mit Frischluft und wälzt aus diesem Grund nur etwa halb so viel Luft um wie ein herkömmliches Lüftungssystem. In allen Messehallen gibt es 16 Quellluftauslässe - jeder circa zwei Meter hoch und mehr als fünf Meter breit (dunkelgraue Fläche im Bild oben) - dementsprechend nicht an der Decke angebracht, sondern in Bodennähe, an den Hallenlängstseiten. Aus ihnen quillt Frischluft mit geringer Geschwindigkeit in die Hallen und speist einen beständigen Luftstrom, der die Wärme des Messebetriebs nach oben steigen lässt. Und hier zeigt sich ein weiterer Vorteil des Stuttgarter Lüftungssystems: In einer Höhe von sechs Metern saugen Pumpen die verbrauchte Luft per Wärmerückgewinnung erst ab und nutzen sie dann dazu, Frischluft zu erwärmen - auch dies ein beachtlicher energie- und kostensparender Faktor. Zusätzlich gibt es Frischluftwerfer (vier Stück sind im Bild oben zu sehen), die z.B. morgens vor Messebeginn mit hoher Leistung je nach Bedarf gekühlte oder vorgewärmte Luft in die Hallen einblasen.

Weniger Umwälzung bedeutet auch weniger Verbrauch: Die Neue Messe Stuttgart benötigt eigenen Angaben zufolge im Vergleich zur Messe München rund 30 Prozent weniger Energie, um ihre Hallen zu heizen. Gleichzeitig werden pro Jahr mehr als tausend Tonnen Kohlendioxyd - das entspricht dem Schadstoffausstoß von rund 200 Einfamilienhäusern - weniger verbraucht als mit den herkömmlichen Techniken.

Erweiterbarkeit

Die Architekten der Neuen Messe Stuttgart haben bereits im Vorfeld eine mögliche Erweiterung im Norden und Westen des Messegeländes eingeplant. Betrachtet man die "wild gewachsenen" Messen in Frankfurt/Main oder Hannover, erkennt man, wie wichtig solche künftigen Entwicklungspotentiale sind. So befinden sich am Eingang West Parkflächen für rund 2.100 Fahrzeuge, auf den Ausstellerparkplätzen im Norden sogar für 2.300 PKW und LKW. Beide Areale dienen damit als potentielle Erweiterungsflächen für neue Ausstellungshallen.

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