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Holzweg Bioenergie? „Großflächiger Anbau von Energiepflanzen schädlich wie der Klimawandel“

(11.12.2018) Lange Zeit galt Bioenergie als wichtige Option für den Klimaschutz. Eine Studie von Forschern des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums, der TU München (TUM) und der Durham University kommt jedoch zu dem Schluss, dass eine massive Ausweitung der Anbauflächen für Energiepflanzen die Lebensräume von Wirbeltieren ähnlich negativ beeinflusst wie der Klimawandel.

Um das 1,5°-Ziel zu erreichen, müssten auf bis zu 4,3% der globalen Landflächen Energiepflanzen angebaut werden (im Bild ein Maisfeld; Foto © Dr. Christian Hof) 

Ernst zu nehmende Wissenschaftler und Laien mit gesundem Menschenverstand sind sich sicher: Um überhaupt noch eine Chance zu haben, dass die Globaltemperatur bis zum Jahr 2100 um nicht mehr als 1,5° gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum steigt, muss die Menge an CO₂, die rund um den Globus in die Atmosphäre geblasen wird, massiv sinken. Eine Begrenzung des Klimawandels nützt auch der Natur, denn er ist eine der Ursachen für das Artensterben. Ein aktuell verbreiteter Ansatz dazu ist es, mehr Energie aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Raps, Ölpalme und Co. statt aus fossilen Rohstoffen zu gewinnen.

Doch damit ersetzt man möglicherweise ein Übel durch ein anderes: „Um den Klimawandel mit Energiepflanzen wirksam zu begrenzen, müssen sie bis 2100 auf circa 4,3 Prozent der globalen Landflächen angebaut werden – das entspricht fast der 1,5-fa­chen Fläche aller EU-Länder zusammen. Damit schaden wir der biologischen Vielfalt, die in diesen Gebieten bisher zuhause ist, gravierend. Die negativen Auswirkungen des Klimawandels, die mit maximaler Bioenergie-Nutzung verhindert werden könnten, werden diese Verluste nicht wettmachen", so Dr. Christian Hof, der die Studie am Sen­cken­berg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt durchführte und jetzt an der TU München forscht.

Um der Nachfrage nach Palmöl (nicht nur) aus Deutschland nachkommen zu können, muss in Südostasien immer mehr Urwald neuen Palmölplantagen weichen - siehe Beitrag „Klimakiller Palmöl - das schmutzige Geschäft mit erneuerbarer Energie“ vom 20.3.2007.

Globale Auswirkungen auf die Artenvielfalt

In der Wissenschaft ist Bioenergie schon länger umstritten und war bisher Gegenstand von diversen Einzelstudien. Dr. Hof und sein Team haben erstmals global untersucht, wie Amphibien, Vögel und Säugetiere den Klima- und den Landnutzungswandel bis 2100 zu spüren bekommen. Dabei haben sie zwei Szenarien miteinander verglichen:

  • das erste Szenario mit maximaler Bioenergie-Nutzung, welches einer Begrenzung der Erwärmung um circa 1,5° entspricht, und
  • das zweite Szenario mit minimaler Bioenergie-Nutzung und einem Temperaturanstieg um etwa 3° gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum bis 2100.

Die Ergebnisse überraschen: „Ob sich die Temperatur bis 2100 um 1,5 oder 3 Grad erhöht: Rund 36% der Lebensräume von Wirbeltieren sind entweder durch den Klimawandel oder die neue Landnutzung infolge des Anbaus von Bioenergie-Pflanzen massiv gefährdet. Die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sind also vergleichbar. Unterschiedlich ist nur, auf wessen Konto sie gehen", erklärt Dr. Alke Voskamp vom Sen­cken­berg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.

Doppelbelastung

Darüber hinaus gibt es Gebiete, in denen Wirbeltieren von Energiepflanzen-Plantagen der Platz streitig gemacht wird und ihnen gleichzeitig die höhere Temperatur zu schaffen machen wird. „Bei einem geringeren Temperaturanstieg bis 1,5 Grad, den wir durch die maximale Nutzung von Bioenergie erkaufen, könnten sogar größere Flächen unter dieser Doppelbelastung leiden. Unter diesem 1,5 Grad-Szenario wird insgesamt ein größerer Anteil der Verbreitungsräume von Wirbeltieren durch Klimawandel, Landnutzung oder beides beeinträchtigt“, erklärt Dr. Voskamp.

Das Abbremsen des Klimawandels durch den Einsatz von Bioenergie-Pflanzen schadet zudem wahrscheinlich deutlich mehr Wirbeltierarten mit kleinem Verbreitungsgebiet, als ein Temperaturanstieg um 3 Grad. Solche Wirbeltierarten - vor allem Amphibien - leben mehrheitlich in den Tropen und Neotropen. An diesen Orten jedoch werden Plantagen für Bioenergie-Pflanzen am meisten zunehmen.

„Massiver Ausbau von Bioenergie ist der falsche Weg!“

Für Dr. Hof und sein Team lässt die Studie nur einen Schluss zu: „Der Klimawandel ist nach wie vor eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt und muss möglichst auf 1,5 Grad Temperaturerhöhung begrenzt werden. Wie unsere Studie zeigt, ist die Bioenergie und die massive Ausweitung der Anbauflächen hierfür aber der falsche Weg. Wir müssen stattdessen stärker daran arbeiten, Energie einzusparen.“

Original-Publikation:

  • „Bioenergy cropland expansion may offset positive effects of climate change mitigation for global vertebrate diversity“
  • Christian Hof, Alke Voskamp, Matthias Biber, Katrin Böhning-Gaese, Eva Engelhardt, Aidin Niamir, Stephen Willis, Thomas Hickler
  • PNAS, Woche vom 10. Dezember 2018 - DOI:10.1073

Die Studie ist Teil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes BioSzen1punkt5 im Programm „Förderung erweiterter und verbesserter wissenschaftlicher Grundlagen für den IPCC-Sonderbericht zu 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5)“.

siehe auch für zusätzliche Informationen:

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