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Doppelt gekrümmtes Betondach schmückt Mariendom in Linz

(2.3.2026) Der Bau von Betonschalen zählt zu den komplexeren Aufgaben im konstruktiven Ingenieurbau. Geometrie, Tragwerk und Lichtführung sind eng aufeinander abgestimmt und prägen sowohl die statische Funktion als auch die räumliche Wirkung. Doppelt gekrümmte Betonschalen, darunter hyperbolische Paraboloidschalen (Hyparschalen), gelten als technisch anspruchsvolle Konstruktionen der Moderne. Prominente Beispiele sind die Kathedrale St. Mary’s von Kenzō Tange in Tokio (1966), die Hyparschale von Ulrich Müther in Magdeburg von 1969 (siehe dazu Baulinks-Beitrag vom 4.11.2025), das Opernhaus von Jørn Utzon in Sydney (1973) sowie das Auditorio de Tenerife von Santiago Calatrava (2011). Mit dem Domcenter Linz findet diese Bauweise nun auch in Oberösterreich Anwendung.

Das Domcenter Linz zeichnet sich durch eine markante, moderne Architektur aus, die bewusst einen Kontrast zum historischen Mariendom setzt. (Foto: Edward Beierle/ Haimerl Architektur/ IZB) 

Innovative digitale und fertigungstechnische Verfahren

Frei geformte Betonschalen erfordern aufwendige Planungs- und Schalungstechniken und wurden daher in den vergangenen Jahren nur selten umgesetzt. Digitale Planungswerkzeuge und weiterentwickelte Fertigungsverfahren ermöglichen inzwischen wieder wirtschaftliche Realisierungen. Ein aktuelles Beispiel ist der Zubau zum Mariendom in Linz. Entworfen wurde das Domcenter von Peter Haimerl (Architektur) und Clemens Bauder (Ausstellungsplanung).

Der Mariendom in Linz und das Konzept des Zubaus

Der Mariendom, die größte Kirche Österreichs, entstand zwischen 1862 und 1924 im neogotischen Stil und prägt das Stadtbild von Linz. Wie viele Sakralbauten ist auch dieser von gesellschaftlichen Veränderungen betroffen, die zu einer veränderten Nutzung und geringeren Bedeutung als sozialer Treffpunkt führten.

Im Vorfeld des 100-jährigen Weihejubiläums im Jahr 2024 initiierte die Diözese Linz 2022 einen Workshop mit dem Ziel, neue Nutzungskonzepte zu entwickeln und den Dom für zusätzliche Zielgruppen zu öffnen. Aus der ursprünglichen Idee, Ausstellungsflächen und einen Bookshop im Bestand zu integrieren, entstand das Konzept eines eigenständigen Zubaus. Das Domcenter fungiert als vorgelagerter Empfangsbereich mit Café sowie Info- und Book-Point. Von dort führt eine neue Raumabfolge zu den Ausstellungen und zum historischen nördlichen Eingang. Das Raumangebot ist flexibel nutzbar und verbindet touristische, kulturelle und kirchliche Funktionen.

Für den Zugang, mit dem sich der historische Kirchenbau auf seiner östlichen Seite zur Stadt hin als Schnittstelle zwischen sakralem Raum und urbanem Leben neu öffnet, sagte Peter Haimerl, „verfolgten wir damals zwei Grundideen. Zum einen planten wir eine zeltartige Struktur von außen vor die Kirche zu bauen. Zum anderen sollte diese der Umkehrung der Spitzgewölbe in den Seitenschiffen des historischen Doms entsprechen.” Für diese Idee, so berichtet der Architekt, ließ er sich auch vom dem katalanischen Architekten Antoni Gaudi inspirieren. Gaudi, bekannt für seine Kirche Sagrada Familia in Barcelona, versuchte ebenfalls, Jochgewölbe durch Hängekonstruktionen zu simulieren. „Was übrigens nicht funktioniert. Auch das habe ich hier lernen müssen,” ergänzt Peter Haimerl.  

Zur Herstellung der Schalungen wurden speziell entwickelte Formelemente eingesetzt. (Foto: Edward Beierle/ Haimerl Architektur/ IZB). 

Planung, Materialwahl und Konstruktion

Für die Umsetzung der zeltartigen Dachstruktur wurden zunächst alternative Konstruktionen aus Holz sowie ein robotisch gefertigtes Geflecht aus Hanfseilen untersucht. Beide Varianten fanden jedoch keine Zustimmung des zuständigen Denkmalamts, das eine dauerhafte und dem Bestand angemessene Lösung forderte, die nachhaltig sei und über Jahrhunderte halten sollte.

Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten einer frei geformten Betonkonstruktion mit schlanker Profilierung. Aus denkmalpflegerischen Gründen wurde der Neubau konstruktiv vom Bestand entkoppelt. Drei ausbalancierte, baldachinartige Schalen aus Betonfertigteilen lagern jeweils auf einer zentralen Stütze und stehen vor der historischen Fassade, ohne diese zu berühren. Zusätzliche Stützen entlang der Längsfassade übernehmen in seltenen Lastfällen Zugkräfte, um ein Kippen in Richtung Bestand zu verhindern.

Die tragende Unterschale ist dreidimensional gekrümmt und prägt die Raumwirkung im Inneren. Die darüberliegende, zweidimensional gebogene Deckschale nimmt formal Bezug auf die Spitzgewölbe der Seitenschiffe.

Digitale Planung und Fertigung

Die Abstimmung mit Denkmalbehörden, Dombaumeistern und der Bauherrschaft erfolgte kontinuierlich über den gesamten Planungsprozess. Mit der Detailplanung und Produktion der Betonelemente wurde die Puracrete GmbH (Übelbach, Steiermark) beauftragt. Grundlage der Fertigung waren aus CAD-Modellen extrahierte Daten, die in der Software Rhinoceros 3D weiterverarbeitet wurden.

Aufgrund der komplexen Geometrie führten selbst geringe Formänderungen zu Anpassungen bei Bewehrung, Einbauteilen, Schalung und Statik. Auch während der Fertigung wurden Modifikationen vorgenommen, die entsprechende Aktualisierungen der Planung erforderten.

Die Architektur des Domcenter greift historische Formen auf und entwickelt diese zukunftsweisend weiter. (Foto: Gregor Graf/ IZB). 

Schalung, Betonage und Montage

Die drei Dachschalen wurden als zweischalige Fertigteilkonstruktionen ausgeführt. Die tragende Unterschale weist eine Dicke von 6 bis 36 cm auf, die 6 cm starke Deckschale besteht aus ultrahochfestem Beton (UHPC). Für die Schalung kamen speziell entwickelte Formelemente zum Einsatz, die sowohl die Schalhaut als auch tragende Segmente abbildeten. Die Segmente hatten eine Regelgröße von etwa 90 × 200 cm und wurden nach dem Einsatz recycelt.

Die Betonage der Tragschalen erfolgte mit Weißzement-SCC C50/60. Einzelne Segmente wogen bis zu 14 Tonnen bei Abmessungen von bis zu 7,20 m Länge und 4,20 m Höhe. Der Transport erfolgte per Tieflader. Die Montage wurde auf temporären Lehrgerüsten durchgeführt. Nach dem Ausrichten der Elemente wurden Fugenbleche verschweißt, Hohlräume mit Kunstharz verfüllt und die Oberflächen angepasst. Die abschließende Verbindung erfolgte über verschweißte Verbindungselemente.

Architektonische Einordnung

Das Domcenter Linz interpretiert historische Gewölbeformen konstruktiv neu und überträgt sie in eine eigenständige, zeitgemäße Dachstruktur. Die Kombination aus digitaler Planung, präziser Fertigung und innovativer Schalungstechnik zeigt aktuelle Möglichkeiten im Bau frei geformter Betonschalen auf und knüpft an die Tradition hyperbolischer Paraboloidschalen an.

Bautafel

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