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re!source Stiftung e.V. resümiert: Klimaschutz braucht Ressourcenwende


  

(29.11.2020) Digital planen, ressourceneffizient bauen und betreiben, nachhaltig investieren: Auf ihrer 3. Jahreskonferenz am 3. November 2020, die ausschließlich online stattfand, präsentierte die re!source Stiftung ein breites Spektrum an Konzepten zur Bewältigung der komplexen Herausforderungen für die Umsetzung der Ressourcenwende in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Rund 200 Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verfolgten die Vorträge und brachten sich per Chat in die Diskussionen ein.

Eines wurde auf der Jahreskonferenz überdeutlich: Klima- und Umweltschutz brauchen die Ressourcenwende in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Ein schonender Umgang mit Rohstoffen, Materialien und Energie ist unabdingbar. Echte zirkuläre Wertschöpfung ist sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich von hoher Relevanz. Zwar gelangt die Notwendigkeit einer Ressourcenwende immer mehr in das Bewusstsein der Akteure, bis zur praktischen Umsetzung ist es allerdings noch ein langer Weg. Zumal klare Rahmenbedingungen dafür weiterhin fehlen, auch wenn Ressourcenschonung mittlerweile eine zentrale Forderung in Positionspapieren der Parteien, in EU-Fahrplänen und im Green Deal der europäischen Kommission ist.

Öffentliche Hand sollte mit guten Beispiel vorangehen

In seiner Keynote stellte Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, fest, dass Klimaschutz in Kombination mit Ressourceneffizienz bislang noch nicht hinreichend betrachtet wird. In Foren und in Fachgesprächen sei Ressourcenschonung wohl immer wieder ein Thema. Die Kernproblematik, dass Gebäude nicht wirklich für die Ewigkeit gebaut werden und der Gedanke, was am Ende des Lebenszyklus mit ihnen passiert, bleibe in der Planung jedoch unterrepräsentiert.

Ein weiteres Hindernis sei die nach wie vor dominierende Sektorbetrachtung beim Klimaschutz. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass weder die öffentliche Hand noch private Investoren derzeit Ausschreibungen so gestalten, dass rezyklierbare und recycelte Materialien zum Einsatz kommen.

Dringenden Handlungsbedarf sieht der Politiker in der Einführung der Mantelverordnung und der Ersatzbaustoffverordnung, die es vereinfachen sollen, wiederaufbereitete Materialien im Baubereich einzusetzen - siehe auch Beitrag „Bundesrat stimmt Mantelverordnung zur Verwertung mineralischer Abfälle mit Änderungen zu“ vom 8.11.2020. Er plädierte dafür, dass die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangeht und in ihren Ausschreibungen klar vorgibt, Recycling-Baustoffe einzusetzen. Nur dann schaffe man einen entsprechenden Nachfragemarkt.

Bild aus dem Beitrag „Blauer Engel für Webers recyclingfähiges Zero Waste WDVS“ vom 8.6.2020

Wissenschaft macht Ressourceneffizienz messbar

Wegweisend für eine ressourcenschonende Baupraxis seien die Ergebnisse aus der Forschung zur zirkulären Wirtschaft für Bauwerke: So wurden im Rahmen des Forschungskollegs Verbund.NRW, das seit 2016 Wissenschaftler und Doktoranden aus 11 Disziplinen der RWTH Aachen University und der FH Münster vereinigt, verschiedene Bewertungssysteme zur Messbarkeit von Ressourceneffizienz entwickelt: Mit dem Ansatz, die Recyclingfähigkeit von Baukonstruktionen zu kategorisieren, fand Matthias Schiewerling heraus, dass es stets die gleichen Elemente sind, die zu Problemen führen, etwa ...

  • Beschichtungen wie Putze und
  • Abdichtungsbahnen.

Dabei kann schon eine leicht veränderte Konstruktion zu einer deutlichen Verbesserung beitragen. Was geschieht, wenn Baukonstruktionen wie Holz-Beton-Hybrid-Decken Teil des alltäglichen Baugeschehens werden, hat beispielsweise Sebastian Halfmann untersucht. Er empfiehlt zudem, die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Gewerken unbedingt zeitlich und kostentechnisch mit einzuplanen, um Schäden zu vermeiden, die höhere Kosten verursachen und womöglich zum Misserfolg des Bauprojektes führen.

Bild aus dem Beitrag „Rückbaufähige Holz-Beton-Verbunddecke von Brü­ning­hoff“ vom 21.10.2020

Adjan Hansen-Ampah analysierte, wann ein Bauprodukt aus Sicht der beteiligten Akteure eine Innovation darstellt und stellte dabei fest, dass die für den Rückbau und die Demontage Zuständigen oftmals nicht in den Prozess zur Entwicklung eines neuen Verbundstoffes involviert sind.

Zwei weitere Vorträge befassten sich mit dem Baustoff Beton: Lia Weiler zeigte die Chancen von Carbonbeton auf, der aufgrund seiner vorteilhaften Eigenschaften als „Quantensprung in der Baugeschichte“ gilt. Gleichzeitig betonte sie jedoch die Notwendigkeit, diesen Baustoff über den Lebenszyklus zu betrachten und Lösungen für dessen Rückbau und das Recycling mit einzuplanen - siehe u.a. Beitrag „Carbonbeton C³ verspricht schlanke, korrosionsbeständige, nachhaltige Konstruktionen“ vom 10.11.2015

Warum sich Recycling- oder RC-Beton in Deutschland nur langsam durchsetzt - derzeit gibt es hierzulande lediglich 25 Hochbauprojekte - und welche Marktdurchdringung notwendig ist, untersuchte Dmytro Katerusha.

Chancen der Digitalisierung nutzen

Vielversprechend sind die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für die Ressourcenwende bietet: Das zentrale Anliegen der von Geschäftsführer Dr. Jan Tulke vorgestellten planen-bauen 4.0 GmbH ist die beschleunigte Einführung von BIM. Ebenfalls ein wertvolles Instrument ist das webbasierte Datenbanksystem des Instituts für Bauen und Umwelt (IBU) zur Erstellung, Verifizierung, Veröffentlichung und Weitergabe von Um­welt-Produktdeklarationen (EPDs). Wie Andrea Untergutsch, Leiterin Verifizierung des IBU erläuterte, sind das geprüfte, nicht wertende, sondern quantitative Informationen zu Bauprodukten und deren Lebenszyklus. Sie enthalten 31 obligatorische und sechs zusätzliche Indikatoren (ab 2023 ) zu Umweltwirkungen, Ressourceneinsatz, Abfallkategorie und Output-Flüssen sowie Toxizität und bilden die wesentliche Grundlage für die ökologische und ressourceneffiziente Planung von Bauwerken.

Bild aus dem Nachbarbeitrag „Kaltziegel: Erster Innenwand-Vollziegel aus recyceltem Ziegelbruch gepresst und luftgetrocknet“ vom 29.11.2020

„gestrandete Vermögenswerte“ vermeiden!

Wie groß der Hebel der Finanzwirtschaft ist, um die Transformation, die sich in der Realwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit vollzieht, proaktiv zu begleiten, erläuterte Kristina Jeromin, derzeit Head of Group Sustainability bei der Deutschen Börse AG und Mitglied des Club of Rome, Deutschland, die sich 2021 für ein Mandat von Bündnis 90/Die Grünen für die kommenden Bundestagswahlen bewirbt. Im Wesentlichen gehe es darum, Transparenz herzustellen, denn nachvollziehbare Daten und valide Informationen seien der Schlüssel für verantwortungsvolle Investitions- und Kreditvergabeentscheidungen.

Ergänzend zu den klassischen Finanzkennzahlen, über die Unternehmen von jeher berichten, um den unternehmerischen Erfolg zu bewerten, müssten künftig auch hochqualitative und standardisierte Daten zu sogenannten ESG-Kriterien (Environmental Social Governance) vorliegen. Auf europäischer Ebene biete der „Action Plan on Sus­tainable Finance“ mit der Taxonomie für den Bereich Klima erstmals ein Klassifikationssystem, das einheitlich definiert, was als nachhaltig gilt und in die Finanzierungsstrukturen einzubeziehen ist, so die Expertin.

Franziska Schütze, Koordinatorin der Wissenschaftsplattform „Sustainable Finance“ - ein Projekt der Universitäten Augsburg, Hamburg und Kassel sowie der Frankfurt School of Finance and Management und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) - veranschaulichte, warum ein gemeinsames Verständnis im Bezug auf Nachhaltigkeitskriterien von Gebäuden, die eine wichtige Anlageklasse für Investoren und Banken sind, im Finanzsektor der EU unerlässlich ist: Immobilienkredite im Wert von über einer Billion Euro stehen in den Bilanzen deutscher Banken, das entspricht einem durchschnittlichen Anteil von durchschnittlich 15%. Hinzu kommen Kreditlaufzeiten von bis zu 25 Jahren, bedingt durch die Lebensdauer von Gebäuden.

Da sollte Transparenz zur Bewertung heutiger und zukünftiger Klimarisiken selbstverständlich sein. „Ist sie aber nicht“, konstatiert Stefan Baumbach, Leiter der Arbeitsgruppe Sustainable Finance der re!source Stiftung. Vor allem bei mittelgroßen Privatinvestoren spiele die Nachhaltigkeit von Gebäuden bei der Investitionsentscheidung so gut wie keine Rolle. Dabei lehre die jüngste Vergangenheit, dass es plötzlich zu bewertungsrelevanten Ereignissen kommen könne, mahnte der Finanzexperte, wie die Nuklearkatastrophe von Fukushima, die zum Atomausstieg und damit zu Stranded Assets (gestrandete Vermögenswerte) in der deutschen Energiewirtschaft geführt habe.

Drei Minuten vor Zwölf für Immobilieninvestoren

Deutlich umsichtiger müssten institutionelle Immobilieninvestoren agieren, wobei der erwähnte „Action Plan on Sustainable Finance“ nur ein Baustein von vielen sei, so Jan von Mallinckrodt, Head of Sustainability bei der Union Investment Real Estate GmbH, einer der in Europa führenden Investmentmanager für Immobilien. Viel entscheidender sei für ihn die Umsetzung regulatorischer Anforderungen, wie...

  • die ab dem 10. März 2021 geltende Offenlegungsverordnung (verpflichtet Finanzmarktteilnehmer, über den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken zu berichten) und
  • die voraussichtlich ab Ende 2021 durchzuführende Nachhaltigkeitspräferenzabfrage (verpflichtet Finanzmarktteilnehmer dazu, Kunden danach zu fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig anlegen wollen).

Überdies sei das jeweilige nationale Risiko maßgeblich, das nicht CO₂-konforme Gebäude für die Wirtschaftlichkeit bedeuten. Zudem limitieren Anlagegrenzen die Zahl der Projekte, die sich pro Jahr in einem Immobilienfonds befinden dürfen, was die umfassende Modernisierung mehrere Gebäude limitiert. Angesichts einer derart komplexen Gemengelage, sei es für institutionelle Immobilieninvestoren nicht fünf, sondern schon drei Minuten vor Zwölf, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen und so das Risiko „gestrandeter Vermögenswerte“ abzuwenden.

Ethik in der Klima- und Ressourcenpolitik!?

Nicht minder anspruchsvoll sind die Herausforderungen einer sozialgerechten Energie- und Ressourcenwende. Im Gegenteil. Vielfältige Zielkonflikte erfordern integrierte Lösungen, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen berück­sich­ti­gen - was einer Quadratur des Kreises gleichkommt.

Für Gloria Amoruso, Doktorandin am Lehrstuhl für Umwelt- und Klimapolitik an der Technischen Universität München, bedeutet eine sozialgerechte Ressourcen-/Ener­gie­wen­de im Gebäudesektor, dass ...

  • Eigentümer genügend Anreize zum Beispiel für die energetische Modernisierung haben,
  • die Miete bezahlbar bleibt und Mieter wohnen bleiben können.

Unter bestimmten Faktoren sind ressourcenschonende, klimafreundliche Gebäude und sozialgerechtes Wohnen auch kein Widerspruch, so die Wissenschaftlerin. Zum Selbstverständnis von Wohnungsgenossenschaften und landeseigenen Wohnungsgesellschaften beispielsweise gehöre, die Sozialverträglichkeit in der Planung energetischer Modernisierungsmaßnahmen mit zu berücksichtigen.

Prof. Dr. Felix Creutzig, Leiter des Fachgebiets Sustainability Economics of Human Settlements an der Technischen Universität Berlin, gab zu bedenken, dass die Einführung eines CO₂-Preises zur Stärkung des Klimaschutzes zwar ein guter Weg sei, dass die preisliche Anhebung jedoch zu Belastungen führe, die gerade ärmere Haushalte treffen. Zentral bei solchen Klimaschutzinstrumente sei deshalb das Design.

Nach Ansicht von Dr. Lukas Köhler, MdB, Philosoph und Sprecher für Klimapolitik der FDP-Bundestagsfraktion, muss in der Klimapolitik viel mehr über Funktionen gesprochen werden. Dann wären Instrumente wie die Preissteuerung effizienter, als der Eingriff in konkrete Technologien. Überdies gelte es, das Vermieter-Mieter-Dilemma dahingehend aufzulösen, dass die CO₂-Ersparnis beiden Parteien zugute kommt.

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