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Kreislaufgerecht bauen mit Urban Mining und Gebäudeausweis


  

(5.12.2021) Mit rund der Hälfte des Rohstoffverbrauchs ist der Bau- und Immobiliensektor die ressourcenintensivste Branche weltweit. Jährlich werden Milliarden Tonnen von Kalk, Sand und Stahl teuer in Gebäuden verbaut – nur um nach dem Abriss als Abfall oder minderwertiges Füllmaterial im Straßen- und Erdbau verschwendet zu werden. Dass die Klimaziele mit der gängigen linearen Wirtschaftsweise nicht erreicht werden können, versteht sich da von selbst. Es muss ein Umdenken her: Kreislauffähiges Bauen und Wirtschaften nach dem Urban Mining-Prinzip bietet eine umweltverträgliche und längst überfällige Alternative.

Das gigantische Rohstofflager, das sich in Gebäuden und Infrastruktur angesammelt hat, kann durch Urban Mining gezielt bewirtschaftet werden. Wichtig ist dabei, dass Altschadstoffe ausgeschleust werden, um diese nicht im Kreislauf weiterzuführen, und keine neuen Schadstoffe einzubringen.

Fotos © baulinks/AO 

Um Ressourcen sinnvoll zu nutzen und Abfallberge zu vermeiden, müssen Gebäude als Rohstofflager konzipiert und betrachtet werden, in dem hochwertige Materialien bis zum Rückbau temporär lagern. Die Konstruktionen und eingesetzten Produkte sollten schon in der Planung oder beim Design so gestaltet werden, dass sie gesund sind und entweder vollständig abbaubar in der Biosphäre oder – wie meist in der Baubranche – wieder als Nährstoff in technische Kreisläufe zurückgeführt werden. Dieses Designprinzip heißt Cradle to Cradle, mit dessen Hilfe Ressourcen effektiv genutzt werden und das zukünftige Abfallaufkommen am besten komplett vermieden wird. Potenziell ermöglicht dieses Kreislaufsystem eine unendliche Zirkulation von Materialien und Nährstoffen.

Ein Gebäudeausweis sorgt für Klarheit

Um verbaute Materialien sowie ganze Bauteile wiederzuverwenden und in eine Neubauplanung einbeziehen zu können, müssen diese zuerst erfasst und analysiert werden. Wichtige Faktoren sind hier etwa Trennbarkeit, Rezyklierbarkeit und nicht zuletzt der Schadstoffgehalt der vorhandenen Baustoffe. Mit dem „Building Circularity Passport“ von EPEA lässt sich die riesige Datenmenge verbauter Materialien und Produkte im Gebäude erfassen. Dieses Instrument ermöglicht eine Bewertung der Materialien in Bauten hinsichtlich Kreislauffähigkeit, CO₂-Fußabdruck und Gesundheit und ermöglicht so die Optimierung dieser Kriterien in der Neubauplanung. Jede Tür und jeder Balken können in dem Gebäudeausweis erfasst werden. Nach Ende der Nutzungszeit eines Gebäudes müssen Rückbaukonzept und Logistik ineinandergreifen, damit Abnehmer möglichst viele der Materialien wieder- und weiterverwenden können. Des Weiteren ist die Erstellung von flächendeckenden Gebäuderohstoffkatastern auf Ebene der Städte und Gemeinden wichtig. Nur so können Kreislauf-Strategien entwickelt werden und Aussagen getroffen werden, wann und wo welche Rohstoffe in welcher Qualität aus dem Gebäudebestand freigesetzt werden.

Recycling in großem Stil rechnet sich

Auch wenn die Investitionen in kreislauffähige Gebäude zunächst höher ausfallen als bei konventionellen Immobilien: Auf lange Sicht rechnen sich die Mehrkosten und werden zum Beispiel durch den Verkauf des Altmaterials und die Einsparungen bei der Weiterverwendung sowie bei den steigenden Entsorgungskosten kompensiert. Aber auch schon bei den ersten Umbau- oder Sanierungsarbeiten zahlen sich die Vorteile einer gesunden, kreislauffähigen und flexibel umnutzbaren Bauweise aus. Dazu profitieren Eigentümer von kontinuierlich steigenden Rohstoffpreisentwicklungen - ohne in die Lagerung von Rohstoffen investieren zu müssen. Das an Baustoffe gebundene Kapital geht dadurch nicht verloren, sondern wird ähnlich einer mittel- bis langfristigen Wertanlage mit der Wiederverwertung freigegeben. Das alles macht einen Ertragswert von bis zu zehn Prozent über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes möglich.



  

Der aktuelle Rohrstoffwert eines Gebäudes lässt sich über Tools wie das digitale Materialkataster „Madaster“ erfahren. Dieses stellt Informationen über die Herkunft und Qualität von Bauprodukten zur Verfügung und bietet eine Grundlage für die Ermittlung von material- und gebäudespezifischen Kennzahlen. Die Rohstoffwerte werden dadurch transparent und die Gebäude mit internationalen Rohstoffbörsen und Verkaufsplattformen vernetzt. Eigentümer und Wirtschaftsprüfer erkennen auf einen Blick, wie sich der verfügbare Rohstoff-Restwert eines Gebäudes entwickelt. Dieses Wissen kann in die Bewertung einer Immobilie einfließen. Die Vorteile von Urban Mining und Cradle to Cradle sind somit nicht rein ideeller Form in Hinblick auf die Umwelt, sondern auch wirtschaftlich handfest.

Das richtige Mindset als Basis

Neben den rein wirtschaftlichen Vorteilen ist es vor allem die Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft, das Urban Mining nach dem Cradle to Cradle-Prinzip vorantreibt. Cradle to Cradle inspirierte Gebäude bieten einen echten Mehrwert, anstatt nur weniger Schaden in der Umwelt anzurichten. Geschlossene Materialkreisläufe mittels Fokus auf hohe Rezyklierbarkeit sowie der Einsatz von erneuerbaren Energien und CO₂-positiven Materialien werden in der Bau- und Immobilienwirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Gerade auch in Hinblick auf den Green Deal und die damit verbundenen ESG-Anforderungen an die Branche. Diese bieten zwar ein wichtiges Rahmenwerk, für ambitionierte Klimaziele muss die öffentliche Hand jedoch die Chance erkennen, die Urban Mining und zukunftsorientiertes Bauen bietet, und entsprechende Projekte gezielt fördern.

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