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Blick auf die (europäische) Bauwirtschaft im Vorfeld der BAU 2011

(1.11.2010; BAU-Vorbericht) Am 28. und 29.10. fanden die traditionellen BAU Informationsgespräche statt, die so genannten "BAU-Tische" 80 Tage vor der "Weltleitmesse für Architektur, Materialien, Systeme": 153 Fachjournalisten und Redakteure aus 20 Ländern trafen dabei auf 170 Firmenvertreter aus 10 Ländern (wir haben davon via Bautweet mit dem Hashtag "#bau11" getwittert).


Im Vorfeld der individuellen Informationsgespräche gab es eine Pressekonferenz, in deren Rahmen Dieter Schäfer, Vorsitzender des Ausstellerbeirats der BAU und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Steinzeug Cremer & Breuer AG, sowie Erich Gluch vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung ihre Einschätzungen zur aktuellen Bauwirtschaft in Deutschland und Europa abgegeben haben.

Dieter Schäfer: Aussteller sehen der BAU 2011 mit sehr viel Optimismus entgegen

Nach Überwindung der Wirtschaftskrise stehen die Zeichen gesamtwirtschaftlich laut Schäfer "klar auf Aufschwung". Dies gelte mit Einschränkungen auch für die Baustoffindustrie. So habe die Produktion über alle Einzelbranchen von Januar bis August um 3,6 Prozent zugelegt. Während noch deutliche Rückgänge das erste Quartal  prägten, seien seit April im Branchendurchschnitt stabile Zuwächse zu verzeichnen. Man dürfe dabei aber nicht vergessen, dass 2009 ein Produktionseinbruch von 11 Prozent verkraftet werden musste, der auf eine geringere Nachfrage aus dem Wohnungsneubau und dem gewerblichen Bau sowie die stark rückläufigen Auslandsorders zurückzuführen war.

Derzeit ziehe insbesondere die Wohnungsbaukonjunktur an, wenn auch von niedrigem Niveau. Erfreulich sei darüber hinaus, dass der Erholungsprozess beim gewerblichen Bau erheblich schneller eingesetzt habe als zunächst erwartet. Im öffentlichen Bau sei das Auslaufen der Konjunkturpakete hingegen schon spürbar, so soll etwa der Auftragseingang im Straßenbau rückläufig sein.

Insgesamt hätten sich die Aussichten insbesondere für hochbaunahe Zweige der Baustoffindustrie aber aufgehellt. Für Wirtschaftsbereiche, die primär in den Tiefbau liefern, seien die konjunkturellen Aussichten hingegen eher verhalten, zumal sich die Konsolidierungsbemühungen der öffentlichen Hand zunehmend im Bereich der Investitionen bemerkbar machen dürften. In Bezug auf die Auslandsnachfrage sei davon auszugehen, dass der massive Einbruch der Bauwirtschaft in vielen Exportmärkten auch 2011 noch nicht überstanden sein wird. Damit ist für die exportstärkeren Bereiche unseres Wirtschaftszweigs, etwa die Fliesen- oder die Gipsindustrie, allenfalls ein leichter Anstieg der Ausfuhren zu erwarten.


Alle Grafiken stammen aus dem Vortrag von Erich Gluch vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung. (Grafik vergrößern)

Wie werden die künftigen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gesehen?

In der kurzfristigen Betrachtung sieht Schäfer für die konjunkturelle Entwicklung Licht und Schatten. Aus der Sicht der Industrie sei eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen dringend erforderlich, um gesamtwirtschaftliche Wachstumsimpulse zu setzen und künftige Herausforderungen etwa in puncto Klimaschutz meistern zu können. Hier habe die Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept einen höchst ambitionierten Fahrplan aufgestellt. Eine wesentliche Rolle spiele der Gebäudesektor, auf den in Deutschland 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und ein Drittel der CO₂-Emissionen zurückgehen. Das im Energiekonzept formulierte Ziel, die Energieeffizienz im Gebäudesektor durch die Steigerung der Sanierungsquote von derzeit 1 auf 2 Prozent pro Jahr zu verbessern, sei ausdrücklich zu begrüßen. Zu begrüßen sei zudem, dass es jetzt mehr um Investitionsanreize als um ordnungspolitische Vorschriften gehen soll. Hierfür werde allerdings eine deutliche Aufstockung der Förderprogramme erforderlich sein.

Vor diesem Hintergrund war die im Rahmen des Sparpakets der Bundesregierung beschlossene Kürzung des CO₂-Gebäudesanierungsprogramms für 2011 das falsche Signal. Immerhin sollen nun im kommenden Jahr auch aus dem künftigen Energie- und Klimafonds zusätzlich 500 Mio. Euro für die Gebäudesanierung bereitgestellt werden, so dass der Rückgang wenigstens teilweise ausgeglichen werde und so insgesamt ein Mittelansatz von rund 1 Mrd. Euro erreicht werden könnte.

Wenn das Ziel der umfassenden Bestandssanierung konsequent verfolgt werden soll, sei ab 2012 jedoch ein erheblich höheres Fördervolumen erforderlich. Die Deutsche Energieagentur (DENA) schätzt den Bedarf auf etwa 5 Mrd. Euro pro Jahr. Ohne die entsprechende finanzielle Ausstattung der Förderprogramme würden die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht zu realisieren zu sein.

Ersatzneubau wieder im Spiel

Positiv sei auf jeden Fall zu werten, dass das Energiekonzept auf technologieoffene Maßnahmen setzt. Dies schließe die Eingliederung des Ersatzneubaus in die bestehenden Gebäudesanierungsprogramme ein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es soll und darf laut Schäfer nicht um eine flächendeckende Abrissprämie gehen, die sofort die Frage nach Mitnahmeeffekten und Subventionen aufwerfen würde. Vielmehr gehe es darum, in den Fällen, in denen die Sanierung eines bestehenden Gebäudes zu suboptimalen Ergebnissen führen würde, den Ersatzneubau an derselben Stelle als bessere Option gleichberechtigt in die Förderung einzubeziehen.


Neben dem Klimaschutz sieht Schäfer zahlreiche weitere Herausforderungen für die Bauwirtschaft, etwa ...

  • die Schaffung bezahlbaren Wohnraums in stark wachsenden Ballungszentren oder
  • den Erhalt einer wettbewerbsfähigen Verkehrsinfrastruktur.

Um diese Aufgaben zu meistern, seien stärkere Investitionsanreize notwendig. Hinzu komme: Bauinvestitionen generieren durch ihre binnenwirtschaftliche Ausrichtung langfristig Wachstum: Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) führe eine Erhöhung der Bauinvestitionen um 1 Mrd. Euro zu einem gesamtwirtschaftlichen Produktionswachstum von 2,2 Mrd. Euro. Das damit verbundene zusätzliche Aufkommen an Steuern und Sozialabgaben legt nahe, dass eine wirksame Konsolidierung der öffentlichen Haushalte auf solche gezielten Wachstumsimpulse setzen sollte.

Produktionsrelevante Rahmenbedingungen

Hier stehen aus Sicht der Unternehmen vor allem die staatlich induzierten Energiekosten im Mittelpunkt. Die Belastungsaddition durch ...

  • Emissionshandel,
  • Förderung der erneuerbaren Energien und
  • Energie- bzw. Stromsteuern

drohe sich zu einem echten Standorthandicap für die Industrieproduktion zu verfestigen. Gleichwohl gehe das Energiekonzept der Bundesregierung auf diese Problematik so gut wie gar nicht ein. Hier erwartet die Industrie deutlich mehr Klarheit und Wahrheit.


Zunächst zu den Energie- und Stromsteuern: Es gehe nicht an, dass die energieintensive Industrieproduktion und mit ihr weite Teile der Baustoffindustrie aus verkürzten fiskalischen Motiven mit einer handfesten Steuererhöhung beim Energieverbrauch belastet würden. Das widerspreche der Klimavereinbarung zwischen Bundesregierung und Wirtschaft, mit der sich die deutsche Industrie - als Gegenleistung für eine wirtschaftsverträgliche Besteuerung - zu einer überproportional hohen Minderung der klimarelevanten Emissionen bis 2012 (Basis:1990) um insgesamt 35 Prozent verpflichtet habe. Wären die ursprünglichen Pläne des Bundes umgesetzt worden, hätte sich die Steuerbelastung für stromintensive Betriebe in der Baubranche - etwa im Bereich Zement - verfünffacht. Immerhin habe die Politik erkannt, dass diese Belastung in jeder Hinsicht kontraproduktiv ist. Nach wie vor stehe aber die Frage im Raum, was nach 2012 geschieht, wenn die Klimavereinbarung zwischen Bund und Wirtschaft ausläuft. Hier würden schnell Planungs- und Investitionssicherheit gebraucht.

Förderung der erneuerbaren Energien als Kostenproblem

Zu einem drastischen Kostenproblem entwickle sich die Förderung der erneuerbaren Energien - so Schäfer. Die EEG-Umlage werde im 2011 um mehr als 70 Prozent auf über 35 Euro je Megawattstunde steigen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Steinzeug Cremer & Breuer AG will nicht falsch verstanden werden und betont, dass ein ausgewogener Energiemix einschließlich der erneuerbaren Energien gebraucht würde. Aber es sei angesichts der höchst ambitionierten Ausbauziele der Bundesregierung nun an der Zeit, auch über die Kostenbelastung der Verbraucher im Allgemeinen und der Industrie im Besonderen nachzudenken. Ansonsten würde es an Akzeptanz für den angestrebten Umbau der Energieversorgung fehlen. Die erneuerbaren Energien müssten sich in Zukunft stärker dem Wettbewerb stellen und an den spezifischen CO₂-Vermeidungskosten messen lassen. Kosteneffizienz sei das Gebot der Stunde. Im Zweifel bräuchten wir zumindest für die Industrie eine wirksame Belastungsdeckelung. Dabei sei auch zu berücksichtigten, dass mit der Verknappung von Emissionsrechten im europäischen Emissionshandel ab 2013 ohnehin mit deutlich höheren Strompreisen zu rechnen sei. Es könne nicht gut gehen, wenn an all diesen Stellschrauben munter weiter gedreht und so getan würde, als wären wir allein auf der Welt. Schließlich nutzt es weder der Wirtschaft noch dem Klima, wenn wir die Kosten für den Produktionsfaktor "Energie" im internationalen Wettbewerb überdrehen.


Was bedeutet dies alles für die kommende BAU?

Trotz der aufgezeigten Standortprobleme mit Schwerpunkt Deutschland, trotz der Schwierigkeiten, die die Bauindustrie noch in vielen osteuropäischen Ländern hat und trotz der Sondersituation der Bauindustrie in Spanien sowie der Probleme in Großbritannien und Irland, hat der Vorsitzende des  Ausstellerbeirats der BAU den anwesenden Journalisten und Redakteuren versichert, dass die Aussteller der BAU 2011 mit sehr viel Optimismus entgegensehen.

Gerade mit der Bewältigung der schwierigen weltwirtschaftlichen Krise habe die Bauindustrie in besonderem Maße gezeigt, wie widerstands- und anpassungsfähig sie ist. Schäfer zeigte sich zuversichtlich, dass auch die Volkswirtschaften in Europa dazugelernt und festgestellt haben, dass ein konjunktureller Aufschwung ohne die Wertschöpfung der Bauindustrie nicht zu realisieren sei. Vor diesem Hintergrund gehe die Industrie mit sehr viel Selbstbewusstsein in das neue Jahr. Dieses Selbstbewusstsein werde sich manifestieren ...

  • in den Auftritten der Unternehmen in den Messehallen,
  • in den innovativen Produkten, aber auch
  • im gesamten Rahmenprogramm der Messe.

Erich Gluch über Europas Bauwirtschaft nach der Krise

Das seit über 30 Jahren existierende Forschungsnetzwerk Euroconstruct veranstaltete Mitte Juni 2010 in Dublin die diesjährige Sommerkonferenz. Die im Folgenden dargestellten Analysen und Prognosen für Europa (sowie alle Grafiken in diesem Dokument) sind zusammengefasste Ergebnisse dieser Veranstaltung.

Die europäische Bauwirtschaft konnte - nach einem kontinuierlichen Anstieg über 14 Jahre hinweg - im Jahr 2007 ein Bauvolumen in Höhe von fast 1.500 Mrd. Euro realisieren. In diesem Jahr dürften es nur noch rund 1.260 Mrd. Euro werden - was einem Rückgang um gut 15% in nur drei Jahren entspricht. Überdurchschnittlich negativ sei die Entwicklung im westeuropäischen Wohnungsbau verlaufen. Der starke Rückgang in den Jahren 2008 bis 2010 werde das Wohnungsbauvolumen auf rund 535 Mrd. Euro drücken - ein Niveau, das bereits 1994 erreicht worden war. Besonders hart seien die Wohnungsmärkte in Irland und Spanien getroffen worden, in denen sich die Bauvolumina in lediglich drei Jahren mehr als halbierten. Dem gegenüber werde es in der Slowakei, der Schweiz und Deutschland zwischen 2007 und 2010 sogar zu bescheidenen Zuwächsen kommen. In Polen soll das Wohnungsbauvolumen in diesem Jahr sogar um über ein Viertel über dem Niveau des Jahres 2007 liegen.


2011 und 2012 soll sich in nahezu allen der analysierten 19 Länder die Wohnungsnachfrage wieder beleben. Lediglich in den drei bereits in den letzten Jahren stark gedrückten Märkten - Irland, Spanien und Portugal - wird die Nachfrageschwäche auch im nächsten und übernächsten Jahr anhalten. Dagegen wird erwartet, dass 2011 und 2012 das Bauvolumen in Dänemark, Schweden, Ungarn, Slowakei und Polen sogar zweistellig zulegen wird.

Besondere Probleme durchläuft Spanien, wo die Zahl der Wohnungsfertigstellungen von rund 800.000 im Jahr 2007 auf nur noch etwa 100.000 in diesem Jahr einbrechen wird - zur Erinnerung siehe auch Beitrag "Fenster-/Baumarkt in Südeuropa ... und Rotos Sicht darauf" vom 14.10.2010.

Überaus positiv sei dagegen die Entwicklung in allen Teilsegmenten in Polen. Hier war offensichtlich selbst 2008 und 2009 von Finanz- und Wirtschaftskrise kaum etwas zu spüren. 2011 und 2012 werde dort das Wohnungsbauvolumen um durchschnittlich 7½% p.a., der Nichtwohnhochbau um durchschnittlich 5% p.a. und der Tiefbau sogar um durchschnittlich 24% p.a. ansteigen.

"big five" stehen für 70% der europäischen Bauaktivitäten

Die Schwerpunkte der Bautätigkeit liegen weiterhin - trotz beträchtlichen Wachstums in den osteuropäischen Ländern - in Westeuropa und dort wiederum vor allem bei den "big five". Auf Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien entfallen nämlich rund 70% der europäischen Bauaktivitäten. Selbst die schwache Entwicklung in Spanien in den nächsten Jahren werde die schwerpunktmäßige Fokussierung auf diese fünf bevölkerungsreichen Länder nur geringfügig verringern.


Eine herausragende Rolle wird laut Gluch bis 2012 der Entwicklung in Deutschland zufallen. Dort habe sich die Gesamtwirtschaft überraschend schnell von den durch die Finanz- und Wirtschaftskrise bedingten Rückschlägen erholt. Eine anhaltend hohe Nachfrage aus den meisten Schwellenländern sowie nie gekannte niedrige Zinsen seien dabei die wesentlichen stimulierenden Faktoren. Die Unternehmen erfreuten sich darüber hinaus einer zunehmenden Nachfrage aus den konsumnahen Bereichen. Hinzu kämen Projekte, die in den letzten Jahren bereits geplant worden waren, aufgrund des Nachfrageeinbruchs 2008 und 2009 jedoch zunächst zurückgestellt wurden. Aber auch Rückverlagerungen von Produktionskapazitäten aus dem Ausland sind zu beobachten.

Im Wohnungsbau würden sich die Zunahme der Beschäftigung sowie steigende Einkommen positiv bemerkbar machen. Darüber hinaus sollen mittlerweile auch steigende Mieten und Immobilienpreise in wachstumsstarken Regionen stimulieren. Lediglich im öffentlichen Hochbau würden die Bauaktivitäten – nach dem Auslaufen der Konjunkturprogramme – 2011 und 2012 etwas schrumpfen.


Eine nicht unwesentliche Stütze wird laut ifo-Institut der europäische Hochbau auch weiterhin von umfangreichen Modernisierungs- und Renovierungsmaßnahmen erhalten. Lag der Anteil der Baumaßnahmen an bereits bestehenden Gebäuden 1992 noch bei rund 47% so sollen es 2012 bereits rund 56% sein, wobei der mit Abstand größte Teil auf den Wohnungsbau entfalle.

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