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Moderner Kern, barocke Schale ... und die richtige Farbe?

(10.6.2021) Am 16.12.2020 wurde der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses er­öffnet - pandemiebedingt zunächst virtuell. Als Humboldt Forum beherbergt es moderne Ausstellungsräume hinter barocken Fassaden, die als detailreiche Rekonstruktion entstanden. Bei den farbig gefassten Partien setzten die Planer auf Produkte von KEIM. Doch wie ermittelt man die historische Farbgebung eines Bauwerks, dessen letzte Reste vor 70 Jahren gesprengt worden waren? 

alle Fotos © Keimfarben / Stephan Falk

Mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses ist ein weiteres Stück Stadtreparatur im Herzen Berlins abgeschlossen. Denn das Schloss war der Ausgangspunkt für das berühmteste bauliche Ensemble der Stadt: Zeughaus, Dom, Neue Wache, Humboldt-Universität, Museumsinsel - sie alle bezogen sich städtebaulich auf das Schloss (siehe auch Google-Maps und/oder Bing-Maps). Und ausgerechnet dieser ursprüngliche Baustein hatte lange gefehlt, seit er nach schweren Kriegsschäden im Jahr 1950 gesprengt worden war.

Der Wiederaufbau schließt nun die städtebauliche Lücke. Folgerichtig beschränkt sich die Rekonstruktion des historischen Erscheinungsbilds auf die Fassaden, während das Innenleben ganz den heutigen Anforderungen eines modernen Ausstellungs- und Veranstaltungsbetriebs folgt. Der italienische Architekt Franco Stella, der 2008 den internationalen Planungswettbewerb um den Wiederaufbau für sich entscheiden konnte, hat sich entsprechende Freiheiten genommen und einige Neuerungen eingeführt. So verwirklichte er den Spree-Flügel, der für die Ensemblewirkung weniger entscheidend ist, in heutiger Formensprache. Und er entwarf eine offen zugängliche Passage, die quer durch das Schloss führt. Sie ist Ausdruck der neuen Nutzung des Gebäudes: Statt als kaiserlicher Wohn- und Regierungssitz dient es heute unter dem Namen „Humboldt Forum“ als öffentlicher Ort der Begegnung und der Bildung. Es beherbergt 43.000 m² Veranstaltungs- und Ausstellungsflächen, unter anderem für das Stadtmuseum Berlin, das Museum für Asiatische Kunst, das Ethnologische Museum, die Humboldt-Universität und für eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes der Stiftung Humboldt Forum.

Detailarbeit an den Fassaden

Die Rekonstruktion der Gebäudehülle bezieht sich auf den Zustand vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Wesentlichen zeigte das Schloss damals die Fassaden, die nach Entwürfen des Baumeisters Andreas Schlüter entstanden waren. Ab 1699 hatte er aus dem Renaissanceschloss eine prunkvolle Barockresidenz nach italienischen Vorbildern geschaffen.


  

Die Außenwände des jetzigen Wiederaufbaus kommen mit einem beachtlichen Querschnitt von mehr als 1 m daher. Auf eine tragende Betonwand im Inneren (30 - 50 cm) folgt eine Dämmschicht (12 cm) und darauf wiederum die rekonstruierte Fassadenschicht (64 cm). Sie setzt sich hauptsächlich aus Ziegeln und plastischen Steinmetzteilen aus Sandstein zusammen. Den äußeren Abschluss der Ziegelflächen bildet ein Kalk-Zementputz (2 cm). Insgesamt haben Handwerker 22.000 Sandstein-Werk­stü­cke angefertigt, 2.828 figürliche Darstellungen und 513 Fenster nach historischem Vorbild. Der verwendete Sandstein stammt aus diversen Steinbrüchen in Sachsen und Schlesien.

Auf der Suche nach dem richtigen Farbton

Doch welche Farbe sollten die rekonstruierten Putzfassaden bekommen? Originale Bausubstanz war ebenso wenig vorhanden wie die originalen Bauunterlagen. Welche Quellen sollte man also stattdessen befragen? Als frühe bildliche Darstellungen kamen Radierungen in Frage, die Johann David Schleuen um 1750 erstellt hatte, allerdings sind sie nicht koloriert. Erst auf Gemälden des Biedermeier-Künstlers Eduard Gärtner von Anfang des 19. Jahrhunderts finden sich farbliche Darstellungen, die ein gelbliches Schloss zeigen, doch zu dieser Zeit war das Bauwerk schon über 100 Jahre alt. Auch eine vergleichende Rekonstruktion gestaltete sich schwierig: Die Fassaden des Ro­ko­ko-Schlosses Sanssouci in Potsdam beispielsweise präsentieren sich gelb, während etwa das barocke Zeughaus gegenüber dem Berliner Schloss einen rosafarbenen Anstrich trägt.

Schließlich fand sich doch noch ein erhaltener Putzrest, der im Schloss Charlottenburg gelagert worden war. Dieses originale, ungefähr handtellergroße Fundstück zeigt einen quitteähnlichen Gelbton und konnte mit einem restauratorischen Gutachten auf 1820 datiert werden. Nach heutigem Wissensstand ist dies die früheste gesicherte Farbfassung, so dass man sich für diesen Ton entschied. Außerdem harmoniert er mit dem Sandstein von Säulen, Gesimsen, Fenstergewänden und Balustraden.

Dem Original verpflichtet


  

Beim Anstrich wurde viel getan, um eine Anmutung zu erreichen, die einem historischen Erscheinungsbild möglichst nahekommt. Statt der heute gängigen Dispersionsfarben setzte man auf mineralische Produkte von KEIM: Auf den Kalk-Zementputz wurde zunächst Soldalit als Grundton aufgetragen. Damit diese Schicht nicht zu deckend, sondern leicht wolkig wirkt, verdünnten die Maler die Farbe zu 50% mit Sol­da­lit-Fixativ. Um zugleich eine Tiefenwirkung zu erzielen, wurde anschließend in zwei Arbeitsgängen die Restauro-Lasur, ebenfalls verdünnt, aufgetragen – wie früher mit der Bürste, so dass man den Fassaden den handwerklichen Entstehungsprozess ansieht. Auf vorspringenden Putzflächen kam dabei ein etwas anderer Gelbton zum Einsatz als auf den rückspringenden Flächen. Diese feine Differenzierung betont die Plastizität der Fassaden.

Entdeckung im Untergeschoss

Vor Baubeginn fanden archäologische Grabungen auf dem Grundstück des ehemaligen Schlosses statt. Dabei kamen Reste des Kellers und der Katakomben zutage, aber auch Reste eines alten Klosters, das dort einmal gestanden hatte. Die Mauerteile wurden gesichert, restauriert und mit einer Betondecke überspannt. Heute können Besucher dort tief in die Vergangenheit eintauchen und eine gesonderte Ausstellung über die Geschichte des Orts besichtigen. Die Decke erhielt einen schwarzgrauen Anstrich mit KEIM Optil, der sich unauffällig zurücknimmt und den Originalbauteilen und Exponaten den gestalterischen Vortritt überlässt.

Grund zur Zuversicht

Beim Berliner Stadtschloss blieb man übrigens beinahe im angepeilten Kostenrahmen: Mit 644 statt der geplanten 595 Millionen Euro fiel der finanzielle Zusatzaufwand moderat aus. Hans-Dieter Hegner, im Vorstand des Humboldt Forums für den Bau verantwortlich, erklärt: „Diese Steigerung geht vor allem darauf zurück, dass die enormen allgemeinen Baupreissteigerungen bei der Aufstellung des Budgets 2011 nicht vorgesehen waren.“ Eines zeigt der Wiederaufbau des Schlosses in jedem Fall: Großprojekte lassen sich in Deutschland durchaus noch so realisieren, dass die Kostengrenzen weitgehend eingehalten werden.

Weitere Informationen zu Soldalit, Soldalit-Fixativ und Restauro-Lasur können per E-Mail an Keimfarben angefordert werden.

siehe auch für zusätzliche Informationen:

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