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Photovoltaik verliert 1 : 37 : 290

(11.10.2008) Im Rahmen der Jahrestagung des Arbeitskreises Baufachpresse in Sa Coma auf Mallorca hat Prof. Dr.-Ing. Gerd Hauser, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, einen sehr aufschlussreichen Vortrag zum Thema "Energie nutzen und nicht verschwenden - Bautechnische und architektonische Möglichkeiten" gehalten. Demzufolge erreichen wir unsere Klimaschutzziele vorrangig nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern durch die Reduktion des Energieverbrauches bzw. Energieeffizienzsteigerungen.

Anteil der Energieträger am Primärenergieverbrauch 2007 (2006)

alle Grafiken : Prof. Dr.-Ing. Gerd Hauser, Fraunhofer-Institut für Bauphysik, TU München

Im März 2007 verpflichteten sich die EU-Staats- und Regierungschefs, bis 2020 einen Anteil von 20% an erneuerbaren Energien zu erreichen. Diesen Versprechen folgten am 23. Januar 2008 Vorschläge der EU-Kommission, welche die differenzierten Zielvorgaben für die einzelnen Mitgliedstaaten auf Grundlage ihrer Bruttosozialprodukte enthalten. Um den Anteil der Erneuerbaren aber von aktuell rund 7% auf 20% bis zum Jahr 2020 zu erhöhen, werden wir laut Prof. Hauser nicht umhin kommen, den Energieverbrauch insgesamt zu reduzieren. Oder anders gesagt: Die erneuerbaren Energien werden sich fristgerecht nicht so ausbauen lassen, dass sich ihr Anteil bei gleichem Energieverbrauch auf 20% steigern lässt.

Um mal einige populäre Vertreter der Erneuerbaren herauszugreifen: Der Anteil der Photovoltaik an erneuerbarer(!) elektrischer Energie betrug 2006 knapp über 3,1%, der Anteil bezogen auf die erneuerbaren Energien insgesamt lag bei 0,8%. Feste Biomasse hatte einen Anteil von über 88% an der erneuerbaren(!) thermischen Energie, Solarthermie wiederum nur 3,6% und Geothermie lediglich 2,1% - siehe auch folgende Grafik:

Nutzung erneuerbarer Energien 2006 in Deutschland in GWh

1 : 37
Photovoltaik zu passiver Solarenergie

Bereits die obige Tabelle demonstriert den verhältnismäßig geringen Anteil der gerade unter Politikern populären Photovoltaik an erneuerbaren Energien. Und damit ist das Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht: Denn 2.220 GWh Solarstrom stehen 83.200 GWh aus passiver solarer Energiegewinnung über die Gebäudehüllen gegenüber - allein bei Wohngebäuden; das ist ein Verhältnis von 1 : 37 (siehe Grafik). Modernes 3fach-Wärmedämmglas beispielsweise kann heute nämlich Fenster zu einem einfachen aber auch effizienten System zur Nutzung von Sonnenenergie durch bauliche Mittel machen. Entsprechend ausgestattete Fenster und Fassaden leiten durch die Kombination aus

  • exzellenter Wärmedämmung (Ug-Wert),
  • hohem Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert) und
  • durchdachten Sonnenschutzmaßnahmen

... abhängig von Lage und Abmessungen der Glasfläche mehr Energie in das Gebäude, als sie abgeben - siehe dazu auch Beitrag "Glasentwicklung: Das Fenster als Energiespender" vom 23.6.2008.

1 : 290
Photovoltaik zu Energieeffizienzsteigerungen

Wie Prof. Hauser in seinem Vortrag eindrucksvoll darstellte, kann durch Energieeffizienzsteigerungen im Wohngebäudebereich das 290-fache der installierten Photovoltaik-Leistung an Energie gespart werden ... dumm nur, dass sich Fassadendämmungen nicht so medienwirksam einweihen lassen wie ein Solardach auf dem Rathaus oder Parkuhren mit Solarzellen:

Erneuerbare Energien und Potenziale der Energieeffizienzsteigerung im Wohngebäudebereich

Während im Neubaubereich in Zukunft neben dem Passivenergiehaus auch mit einem Plusenergiehaus zu rechnen sei, gibt es im Gebäudebestand enormen Handlungsbedarf. Prof. Hauser wies unmissverständlich darauf hin, dass die von der Bundesregierung aufgelegten Programme zur Förderung regenerativer Energien zwar für sich genommen sinnvoll, in der Gesamtbetrachtung dennoch der falsche Ansatz seien.

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Gerd Hauser im Rahmen der Jahrestagung des Arbeitskreises Baufachpresse

Frage: Prof. Hauser, Sie fordern einen verstärkten Blick auf die gesamte Energieeffizienz eines Gebäudes. Welche Anforderungen ergeben sich daraus an Planung und handwerkliche Ausführungen?

Hauser: Das bedeutet, alle bautechnischen und architektonischen Möglichkeiten zu nutzen und vor allem intelligent einzusetzen, zum Beispiel durch die passive Nutzung der Sonnenergie durch entsprechende Fenster. Letztendlich zählt das Zusammenspiel aller Elemente zur Effizienzsteigerung und zur Vermeidung von Klima- bzw. Kältetechnik. Dann prognostiziere ich für den Neubau ab 2020 Plus-Energiehäuser, die mehr Energie speichern, als sie verbrauchen. Was wir brauchen, sind die richtigen Instrumente zur Steigerung der Gebäudeeffizienz. Drei Dinge möchte ich hier nennen. Die EnEV, Fördermodelle und Aufklärung, denn all unsere Maßnahmen nützen nichts, wenn wir nicht eine breite Öffentlichkeit schaffen.

Frage: Welche Auswirkungen hat das auf die Ausbildung unserer Baufachleute?

Hauser: Verfahren und Techniken entwickeln sich so schnell, dass der Fokus mehr auf der Weiterbildung liegen muss. Hier müssen wir verstärkt ansetzen, damit Planer und Handwerker stets auf dem neuesten Stand sind. Dabei werden uns neue Entwicklungen helfen, wie zum Beispiel die elektronische Kennzeichnung von Dämmstoffen, die die wichtigsten Kenndaten enthält und so auch dem Handwerker die entsprechende fachliche Ausführung vorgibt. Und schließlich spielt auch die Qualitätskontrolle in Zukunft eine größere Rolle, die nachweist, dass die geforderten Energiewerte eingehalten werden. Das wird ein Fachmann alleine gar nicht können. Hier wird es Teams geben, die diese Kontrollen vornehmen um die Komplexität richtig abarbeiten zu können.

Frage: Wie gelingt es denn, für das Thema Energieeffizienz eine ähnliche Lobby aufzubauen, wie für die Erneuerbaren Energien?

Hauser: An der Solar- und Photovoltaikbranche kann man sich in dieser Hinsicht wirklich ein Beispiel nehmen. Es gibt viele Faktoren, die zusammenspielen müssen. Es muss umfangreich und richtig informiert werden, es muss permanenter politischer Druck ausgeübt werden - und das nicht nur in Berlin, sondern auch in Brüssel. Breite, starke Initiativen müssen sich zusammenfinden und sich für die Sache der Energieeffizienz stark machen. Wichtig wäre zudem, dass alle drei relevanten Bundesministerien, also Wirtschaft, Bau und Umwelt, die Energieeffizienz deutlicher repräsentieren und in ihren Programmen verankern. Aber auch die gesamte Baufachpresse spielt eine gewichtige Rolle, denn ihre entsprechenden Beiträge und die praxisgerechte Übersetzung unserer wissenschaftlichen Arbeiten schaffen ja die Öffentlichkeit, die wir brauchen.

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