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Großbrand Essen: Erste Analyse vom Energieinstitut Hessen

(1.3.2022) Zu dem Essener Großbrand am 21.2.2022 eines viergeschossigen Mehrfamilienhauses in der Bargmannstrasse (siehe Google-Maps) gab/gibt es wieder Mutmaßungen in Richtung einer maßgeblichen Brandbeteiligung von Fassadendämmstoffen. Dies war schon einmal beim Grenfell-Tower in London der Fall, bei dem in Deutschland schnell Polystyroldämmung verantwortlich gemacht wurde - obwohl keines an der Fassade verbaut war (siehe auch Baulinks-Beitrag „Wärmedämmung unschuldig: Neue Erkenntnisse zum Brand am Londoner Grenfell Tower“ vom 16.10.2018). So auch jetzt in Essen, wo die Fassade mit unbrennbarer Mineralwolle gedämmt war. Der Brand zeigt, dass es bei Hausbränden auf viele Faktoren ankommt; man kann den Brandverlauf nicht auf ein einzelnes Baumaterial reduzieren.

Foto © Feuerwehr Essen 

Schon anhand der in den sozialen und öffentlichen Medien kursierenden Filmen und Fotos zeigt sich eindrücklich, mit welcher Intensität sich das Brandgeschehen vor der Fassade auf den Balkonen abgespielt hat. Man sieht auf den Bildern, dass alle hinter den Balkonen liegenden Wohnungen brennen bzw. brannten und alle Fensteröffnungen zerstört sind. Passend dazu sind links im obigen Bild noch Reste der weißen PVC-Bal­konbekleidung zu sehen, deren brennbare Masse der Sturm verspritzte.

Eine Woche nach dem Löscheinsatz der Feuerwehr hat das Energieinstitut Hessen folgende Erkenntnisse zusammengetragen und veröffentlicht:

  • Die Fassade bestand überwiegend aus einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS).
  • Youtube-Filme und Zeitungsberichte zeigen, dass die Gebäudefassade nicht mit Polystyrol, sondern mit unbrennbarer Steinwolle gedämmt war. Der Dämmstoff ist erhalten.
  • Die wichtigste Ursache für den heftigen infernoartigen Brandverlauf war der morgendliche Sturm. Am Morgen des Brandes herrschten Sturmbedingungen, Wind sorgte für Sauerstoff und riss die Flammen in alle Richtungen.
  • Die Balkonbrüstungen waren umlaufend mit PVC-Platten bekleidet. Hinzu kamen Balkontrennwände und PVC-Fassadenschmuckelemente, die sich stark am Brand beteiligten. Die Platten sind komplett verbrannt. Herumspritzendes brennendes Material und die brennende Masse vor dem Haus stammen wahrscheinlich von dieser Verkleidung.
  • Der Bodenbelag der umlaufenden Südbalkone brannte über drei Geschosse in voller Ausdehnung. Er bestand wahrscheinlich aus einem brennbaren Material. Bei 90 m Hauslänge und 1,20 m Balkonbreite sowie drei Balkonetagen entspricht das mehr als 10 m³ Brennholz in luftiger Anordnung, direkt vor den Fenstern. Die Bodenbeläge sind völlig abgebrannt. Möglicherweise beteiligten sich auch private Einbauten, Balkonmöblierung und brennbare ausgelagerte Materialien am Brand auf den Balkonen.
  • Die Fassade besteht im Wesentlichen aus Fenstern und raumhohen Fenstertüren. Der hohe Verglasungsanteil ist eine der Ursachen dafür, dass die Flammen vom Balkon schnell über die zerborstenen Scheiben in die Wohnungen vordrangen, was wiederum die Brandausbreitung über alle Stockwerke und die gesamte Hauslänge beschleunigte

Die richtige Lehre aus dem Brand ist: Auch bei einer unbrennbaren Fassade sind die Brandrisiken nicht gleich Null, wenn vor Gebäuden große Brandlasten brennen. Erläuterungen hierzu finden sich in dem Brandbericht des Energieinstituts Hessen zum Brandfall eines MFH in Kaiserslautern, einem völlig ungedämmten Altbau, der durch einen Brand vor dem Haus zerstört wurde - siehe energieinstitut-hessen.de/newpage1 (letzter Bericht auf der Seite).

siehe auch für zusätzliche Informationen:

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