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Circular City: Heidelberg will erste kreislauffähige Kommune Europas werden

(26.6.2022) Rund die Hälfte des Abfallaufkommens in Deutschland machen Bau- und Abbruchabfälle aus, wiederverwertet wird nur ein kleiner Teil davon - und das zumeist in minderwertigerer Form. So landet nach Umbau- oder Abrissarbeiten viel Material auf Deponien oder als Füllmaterial im Straßenbau, obwohl es für neue Bauvorhaben dringend benötigt und teuer bezahlt wird. Das will Heidelberg nun ändern und setzt als erste Stadt Europas mit dem Pilotprojekt „Circular City - Gebäude-Materialkataster für die Stadt Heidelberg“ auf das Urban Mining-Prinzip. Mit der ortsansässigen Heidel­berg­Cement AG unterstützt eines der weltweit größten Baustoffunternehmen das Vorhaben. Begleitet wird die Stadt außerdem von der Material-Plattform Madaster, die Konzeption liegt beim Umweltberatungsinstitut EPEA, einer Tochter des Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE.

Foto © Klaus Venus 

Mit dem Pilot-Vorhaben will Heidelberg als Pionier der Kreislaufwirtschaft in der Stadtentwicklung und im Städtebau vorangehen. Für Jürgen Odszuck, der als Erster Bürgermeister zuständig für die Ressorts Stadtentwicklung und Bauen ist, bedeutet Urban Mining einen entscheidenden Schritt, um die Klimaziele der Kommune zu erreichen: „Bis spätestens 2050 wollen wir klimaneutral werden und den Energiebedarf der Kommune um die Hälfte senken. Das schaffen wir nur, wenn wir uns bereits jetzt mit dem enormen Energie- und Ressourcenverbrauch auseinandersetzen, den Bautätigkeiten verursachen. Urban Mining als eine Art moderner Bergbau in der Stadt kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.“

Ziel ist eine vollständige ökonomische und ökologische Analyse des gesamten Gebäudebestands, der in einem digitalen Materialkataster zusammengefasst wird. Das Kataster soll fortan Auskunft darüber geben, welches Material in welcher Qualität und in welcher Menge verbaut wurde. „Basierend auf diesen Informationen lassen sich beispielsweise Deponien und Aufbereitungsflächen entsprechend planen und eine regionale Wertschöpfung durch regionale Lieferketten und neue Geschäftsmodelle anstoßen. Das verringert die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen oder lange Transportwege“, erklärt Jürgen Odszuck.

Gebäude als Materiallager

Grundlage für das Kataster bildet der vom Umweltberatungsinstitut EPEA entwickelte Urban Mining Screener. Dabei handelt es sich um ein Programm, das anhand von Gebäudedaten wie beispielsweise Bauort, Baujahr, Gebäudevolumen oder Gebäudetyp deren materielle Zusammensetzung auf Knopfdruck schätzen kann. Die ersten Gebäude sind bereits erfasst: Das Patrick-Henry-Village, eine ehemalige Wohnsiedlung für Angehörige der US-Armee, ist mit rund 100 Hektar die größte Konversionsfläche Heidelbergs. Langfristig sollen hier Wohnungen für 10.000 Menschen und Raum für rund 5.000 Arbeitsplätze entstehen. Noch stehen hier aber 325 Gebäude, die für die neue Siedlung saniert oder abgerissen werden müssen - ein gigantisches Rohstofflager, wie der Urban Mining Screener berechnet hat: Das Patrick-Henry-Village beinhaltet demnach rund 465.884 Tonnen Material, davon entfällt etwa die Hälfte auf Beton, ein Fünftel auf Mauersteine und gut 5% auf Metalle. Im nächsten Schritt soll das Kataster auf den gesamten Gebäudebestand Heidelbergs ausgeweitet werden.

In ganz Deutschland summiert sich die Rohstoffsubstanz der Gebäude auf etwa 15 bis 16 Mrd. Tonnen, das sind 190 Tonnen pro Person. Unter Berücksichtigung des Tiefbaus wie Straßen ist ein Rohstofflager von fast 29 Mrd. Tonnen entstanden. „Nur zu einem vergleichsweise geringen Anteil haben wir die durch Bautätigkeiten ausgelösten Stoffströme und -lager bisher räumlich erfasst. Hier geht Heidelberg mit gutem Beispiel voran, die derzeitigen Stoffströme und -lager zu erfassen und so Stellschrauben für deren gezielte Steuerung zu identifizieren“, so Matthias Heinrich, Urban Mining-Spezialist bei EPEA.

Kreislauffähigkeit rechnet sich

Zu den potenziell wiederverwendbaren Materialien zählt neben Stahl oder Kunststoff auch Beton. Das Potenzial hierfür ist sehr hoch, denn nach Wasser ist Beton der am meisten verwendete Baustoff der Welt. Seine Herstellung ist allerdings mit hohen CO₂-Emissionen verbunden. Die Herstellung von Zement, dem Bindemittel im Beton, ist prozessbedingt mit hohen CO₂-Emissionen verbunden, die bislang technologisch unvermeidbar sind. Um den CO₂-Fußabdruck zu verringern, hat HeidelbergCement ein Verfahren entwickelt, um den Lebenszyklus aller Bestandteile von Beton zu verlängern. „Beton ist viel zu wertvoll, um ihn bei Umbau oder Abrissarbeiten auf der Deponie oder im Straßenunterbau zu entsorgen“, sagt Thomas Wittmann, Geschäftsführer der HeidelbergCement-Tochter Heidelberger Sand und Kies. „Stattdessen wollen wir Abrissbeton durch neuartige Verfahren zerkleinern, sortenrein in seine Bestandteile trennen und wieder ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft in den Baukreislauf zurückführen. Darüber hinaus arbeitet HeidelbergCement an einem Verfahren, die anfallenden Feinanteile zu nutzen, um CO₂ zu binden und damit den Ausstoß bei der Zementherstellung zu reduzieren. Für dieses Projekt 'ReConcrete-360°' hat HeidelbergCement kürzlich den Innovationspreis für Klima und Umwelt 2022 erhalten. Die Stadt Heidelberg mit ihrer Vorreiterrolle im Bereich Klimaschutz bietet für eine Kooperation optimale Voraussetzungen - auch dank der großen Konversionsflächen und dem kreativen Umgang mit städtebaulichen Herausforderungen.“

Hersteller von heute sind Recycler von morgen


  

Für Patrick Bergmann, Geschäftsführer von Madaster Deutschland, setzt HeidelbergCement auf einen Trend, der in Zukunft immer stärker werden dürfte: „Die Hersteller von heute werden die Recyclingunternehmen von morgen sein.“ Der Unternehmensname Madaster basiert auf der Wortschöpfung aus „Material“ und „Kataster“. Das Start-up wurde im Jahr 2017 in den Niederlanden als gemeinnützige Stiftung gegründet. Seitdem können in einer Onlinedatenbank systematisch wesentliche Informationen über Immobilien und deren Bestandteile gespeichert und ausgewertet werden. Aufgeführt wird beispielsweise, wie hoch ihr Kohlenstoffgehalt ist und was sie an der Rohstoffbörse gerade wert sind - siehe auch Beitrag „Madaster: Kataster für verbaute Materialien nun auch in Deutschland“ vom 7.3.2021.

Für das Heidelberger Pilotprojekt stellt Madaster auf Basis des von der EPEA entwickelten Urban Mining Screeners die IT-Plattform bereit, um die Daten zu verbauten Materialien und Bauteilen zusammenzuführen und die Gebäudedaten automatisiert auszuwerten. „Bei Neubauten ist das Erfassen des ökologischen Fußabdrucks relativ einfach, die Daten liegen häufig digital vor. Schwieriger wird die Buchführung beim Altbau. Hier bedarf es entweder einer aufwendigen Vor-Ort-Recherche, um herauszufinden, woraus das Objekt beschaffen ist, oder man behilft sich, wie beim Urban Mining Screener umgesetzt, mit so exakt wie möglichen Schätzverfahren“, sagt Herr Bergmann.

Blaupause für nachhaltiges Bauen

Im Laufe des Jahres wird das Kataster vom Patrick-Henry-Village auf das gesamte Stadtgebiet Heidelbergs ausgeweitet. Neben Informationen zu den verbauten Materialien können in das Kataster auch Informationen wie Energieverbrauch im Gebäudebetrieb, Mietkosten oder Flächenbedarf einfließen. So entsteht nicht nur Transparenz über den Gebäudebestand, sondern auch eine fundierte Entscheidungsgrundlage für nachhaltiges Bauen. Dass dieses Vorgehen Schule machen wird, davon ist Bürgermeister Odszuck überzeugt: „Die Methoden und Konzepte, die die Stadt systematisch in die Praxis umsetzt, könnten schon bald anderen Städten in Deutschland und Europa als Blaupause für klimafreundliches Bauen dienen.“

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