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DAM Preis 2019 geht an GMP für den Umbau und die Modernisierung des Kulturpalasts Dresden

(29.1.2019) Der nach einem Entwurf von Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch entstandene Kulturpalast wurde 1969 eröffnet. Bei der jetzt mit dem DAM Preis ausgezeichneten Sanierung und Erneuerung des Hauses wurde der zentrale Multifunktionssaal durch einen modernen Konzertsaal im Weinberglayout mit einer darunter angeordneten Theaterbühne ersetzt. Alle anderen Bereiche im Inneren des Hauses wie auch die Fassade wurden sorgsam und detailliert restauriert. Insbesondere auch durch den Einzug der Stadtbibliothek ist das Haus jetzt auch tagsüber ein zentraler Ort des öffentlichen Lebens.

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 

Seit 2007 werden mit dem DAM Preis jährlich herausragende Bauten in Deutschland ausgezeichnet. 2019 wird der Preis vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) bereits zum dritten Mal in Zusammenarbeit mit JUNG als Kooperationspartner vergeben.

Longlist: 100 bemerkenswerte Gebäude oder Ensembles

Die für den DAM Preis 2019 nominierten Bauwerke mussten zwischen Ende 2016 und Frühjahr 2018 fertiggestellt sein. Grundsätzlich bestand für die Nominierung der Bauten auf der Longlist keine Einschränkung auf eine bestimmte Bautypologie, Mindestgröße oder Bausumme.


  

Neu seit 2017 ist, dass alle Bauten dieser Nominierungsliste, geographisch sortiert, jährlich im Architekturführer Deutschland vorgestellt werden. Die Ausgabe 2019, von DOM publishers verlegt, ist bereits im Handel:

  • Deutsches Architektur Jahrbuch 2019
  • Herausgeber: Yorck Förster, Christina Gräwe, Peter Cachola Schmal
  • Januar 2019. DOM publishers, Berlin
  • 225 × 280 mm, 240 Seiten
  • ca. 400 Abbildungen, Leinenhardcover
  • ISBN 978-3-86922-725-2
  • erhältlich u.a. bei Weltbild und Amazon

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 

Shortlist heuer ohne private Wohnhäuser

Für den DAM Preis 2019 bestimmte die Expertenjury unter Vorsitz von Rainer Hofmann (Preisträger DAM Preis 2018, Büropartner bogevischs buero) auf ihrer Sitzung im Mai 2018 zweiundzwanzig Projekte für die engere Wahl der Shortlist.

Beispielhafte Wohnungsbauten finden sich in jedem Jahrgang des DAM Preis. Dieses Mal fiel allerdings besonders auf, dass keines der privaten Wohnhäuser auf der Longlist die Jury zu begeistern vermochte. Alle Wohngebäude auf der diesmaligen Shortlist sind für mehrere Parteien ausgelegt, sie befinden sich ausnahmslos im urbanen Kontext.

Das Sanieren, Restaurieren, Um- und Weiterbauen stand dagegen im Fokus einer ganzen Reihe von Bauten und Ensembles - darunter die Berliner Staatsoper „Unter den Linden“ und die Jugendbildungsstätte des Erzbistums Köln in Odenthal. Aber es steht mit dem Futurium Berlin auch ein ganz der Zukunft zugewandter Neubau auf der Liste (siehe Beitrag dazu vom 5.9.2018).). Bildungsbauten sind durch Schulen in München und Offenbach und eine Universitätsbibliothek vertreten. Kultur und Natur gehen mit der Umwandlung eines Hofguts zum Seminargebäude der Stiftung Nantesbuch eine Symbiose ein, die Moderne Galerie des Saarlandmuseums verzahnt mit ihrem Ergänzungsbau und der Platzgestaltung ebenso eng Architektur und Kunst.

Möglichkeiten der Arbeitsorganisation, Kommunikation und Interaktion spüren das Merck Innovationszentrum und die SOS Kinderdorf Botschaft für Kinder nach. Und schließlich runden drei sehr unterschiedliche technische Gebäude den Querschnitt ab: ein Umspannwerk, eine Streusalzlagerhalle sowie der ursprünglich von Ludwig Leo erbaute, jetzt sanierte Umlauftank 2.

Finalist: Integratives Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt (Foto © Andrew Alberts) 

Die Finalisten

Auf einer Juryfahrt Ende August 2018 wurden die vier finalen Bauensembles von der Jury besichtigt. Die finalen Projekte decken sehr verschiedene Bauaufgaben ab.

Zur Finalistengruppe gehörte das Integrative Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt (IBeB) mit Künstlerateliers, Ladenlokalen und Wohnungen in der südlichen Friedrichstadt, Berlin (siehe Google-Maps). Das in einer Arbeitsgemeinschaft von ifau und Heide & von Beckerath geplante Gebäude, mit einer dem Namen gerecht werdenden Rue intérieure, bietet vielfach differenzierte Wohnungsgrundrisse.

Finalist: Stadtbibliothek in Rottenburg am Neckar (Foto © Roland Halbe) 

Ein weiterer Finalist war der Neubau der Stadtbibliothek in der kleinen Bischofsstadt Rottenburg am Neckar (siehe Google-Maps). Das Gebäude von harris + kurrle architekten schafft den städtebaulichen Spagat, ein Stadttor zu bilden, zur kleinteiligen historischen Bebauung zu vermitteln und zugleich zurückhaltend und selbstbewusst mit der Baumasse des angrenzenden Bischöflichen Ordinariats umzugehen. Dazu kommt eine frische Anmutung der Innenräume, die die Bibliothek zu einem großen Lesezimmer werden lässt.

Von Waechter + Waechter Architekten stammt der strukturalistisch-clusterhafte Neubau des AIZ Ausbildungs- und Seminargebäudes der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn (siehe Google-Maps). Mit dem pavillonartigen System ist eine Hüllenstruktur für ein offenes Lernen der GIZ-Mitarbeiter realisiert worden:

Finalist: AIZ Ausbildungs- und Seminargebäude der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (Foto © Thilo Ross) 

Bauten im Ausland

Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten, die von hiesigen Architekturbüros in anderen Ländern gebaut wurden:

Auer Weber beispielsweise realisierten in der Provence in Frankreich die Handballspielstätte Arena du Pays d’Aix.

In Chicago in den USA entstanden ist die Trumpf Smart Factory von Barkow Leibinger. Das Gebäude ist das Vertriebszentrum mit Showroom für die Metallbearbeitungsmaschinen des Unternehmens; das elaborierte Tragwerk aus begehbaren Vierendeelträgern ist auch das größte Exponat für die Möglichkeiten der Geräte - siehe auch Beitrag „Preis des Deutschen Stahlbaues 2018 geht an Barkow Leibinger“ vom 26.3.2018.

Und schließlich hat ein hybrid genutztes, mit seinem begrünten Innenhof die typologischen Grenzen überschreitendes Hochhausgeviert von ingenhoven architects, das Marina One in Singapur, gefallen.

Preisträger: Umbau und Modernisierung des Kulturpalasts Dresden

Der Kulturpalast ist der wichtigste und umstrittenste Bau der Dresdner Nachkriegsmoderne (siehe Google-Maps). Er war sowohl Ort der Unterhaltung, als auch der politischen Demonstration. Gebaut wurde er von 1967 bis 1969 von den Kollektiven um Leopold Weil und später Wolfgang Hänsch.

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 

Der von den Dresdnern liebevoll „Kulti“ genannte Bau steht mit seinem Schicksal nach 1989 stellvertretend für die Bedrohung des architektonischen Erbes der DDR. Im Sinne der resoluten Entscheidung der an sich besonders rekonstruktionsfreudigen Dresdner Bürgerschaft für seine Rettung und Eintragung in die Denkmalschutzliste im Jahr 2008 lobte die Stadt Dresden 2008 einen Wettbewerb aus.

Die Schwierigkeit bei dem Projekt bestand darin, anstatt der früheren multifunktionellen Kongresshalle in der Mitte des Hauses einen neu zu konzipierenden Konzertsaal für die Dresdner Philharmonie unterzubringen.

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 


Foto © Christian Gahl / gmp Architekten (Bild vergrößern)
    

Neben diesem „inneren Neubau“, wie es die Wettbewerbsauslobung formulierte, galt es, die denkmalgeschützte Glashülle zu erhalten. Außerdem sollten eine neue Zentralbibliothek und ein Theatersaal mit 250 Plätzen integriert werden.

Der Umgang mit verschiedenen Erschließungen für widersprüchliche Nutzungen stellte sich als die wesentliche Schwierigkeit im Wettbewerb heraus. Von Gerkan, Marg und Partner (gmp) schlugen deshalb vor, die Bibliothek im ersten und zweiten Geschoss ringförmig um den Konzertsaal zu legen: Die Erschließungssysteme sollten verschmelzen und somit beträchtlich Platz und Geld sparen. Das Ergebnis funktioniert dem Vernehmen nach einwandfrei. Zu jeder Zeit ist das helle, modernistische Foyer mit seinen weiten Freitreppen über mehrere Ebenen, dem dunklen Tropenholz der Handläufe und Wandtäfelungen, dem neuen rot leuchtenden Teppichboden und dem fantastischen Ausblick auf den Neumarkt belebt mit Bürgern aller Schichten und jeden Alters.

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 

Bei der denkmalschutzgerechten Sanierung der Fassaden und Details nahmen sich mp gestalterisch sehr zurück, wie etwa bei der Gipsrasterdecke im Foyer, die zum Einbau der notwendigen neuen Technik abgerissen werden musste. Man fand tatsächlich die alten Matrizen wieder, um eine neue Decke mit der ursprünglichen kleinteiligen Kassettenstruktur gießen zu können. Das 45 Meter lange Wandfries „Unser sozialistisches Leben“ im Foyer des ersten Stocks wurde beim Umbau ebenso denkmalpflegerisch erneuert wie das 315 m² umfassende Mosaik „Der Weg der Roten Fahne“ außen an der Westfassade. Die nicht bauzeitlichen, kupferfarben getönten Glasscheiben jedoch haben die Architekten  ausgetauscht; heute erfüllt auch klares Glas die Lichtschutzwerte und erlaubt zudem den Blick in das Gebäude.

Der neue Konzertsaal wurde von dem gmp-Partner Stephan Schütz verantwortet, der in China bereits die komplexen Großprojekte Opernhaus Qingdao und das fast 200.000 m² große Chinesische Nationalmuseum in Peking gebaut hatte.

Preisträger: Kulturpalast Dresden (Foto © Christian Gahl / gmp Architekten) 

In Dresden vertrauten die Architekten auf die Weinbergtypologie. Sie fügten in das Innere des Hauses einen mit hellem Holz gefertigten, optisch warmen Konzertsaal mit 1.750 Plätzen ein, dem man seine wahre Größe nicht ansieht.

Die exzellenten Leistungen auf so vielen Ebenen, von politisch wie baulich behutsamer, beispielhafter Sanierung, dem komplexen Einbau eines Konzertsaals, der Integration einer großen, inklusiven Zentralbibliothek und dem Öffnen eines kulturellen Hauses für alle Bevölkerungsgruppen bewertete die Jury einstimmig als Gewinner des DAM Preis 2019.

Stimmen aus der Jury

„Ein öffentliches Haus, das diese Beschreibung wirklich verdient hat. Ein Projekt, das die verschiedenen Nutzungen so geschickt im Bestand verortet, dass diese sich jederzeit ergänzen. Ein Gebäude, das mit den neuen Bauteilen so feinjustiert agiert, dass das Denkmal nicht in den Schatten gestellt wird, sondern in seiner Grundidee, einen gemeinschaftsfördernden Bildungsraum zu schaffen, gestärkt wird.“ (Rainer Hofmann)

„Die resolute Entscheidung der an sich besonders rekonstruktionsfreudigen Dresdner Bürgerschaft für die Rettung und Eintragung des Kulturpalasts in die Denkmalschutzliste im Jahr 2008 kann man als deutliche Replik auf den zeitgleich stattfindenden Abriss des Berliner Palasts der Republik lesen und auf die Entscheidung des Bundestags, dessen Vorgängerbau zu rekonstruieren, das zu DDR-Zeiten abgerissene Berliner Stadtschloss.“ (Peter Cachola Schmal)

„Der Kulturpalast Dresden wurde nicht nur in seiner historischen Form an eine zukunftsorientierte Nutzung angepasst, hier wurde der Geist der Vergangenheit gewahrt, der Musik ein neuer faszinierender Raum gegeben und durch die umschließende Bibliothek eine zusätzliche Lebendigkeit erreicht.“ (Nicole Heptner)

„Der respektvolle, angenehm uneitle Umgang mit dem Denkmal ist vorbildhaft. Die neue Transparenz der Fassade öffnet den halböffentlichen Raum der Foyers, die eine Art Kultur-Wohnzimmer für alle im Stadtzentrum bilden. Der neue Saal zeigt die Handschrift der Architekten: auch er angemessen, festlich, hell und klanglich vollkommen auf die Dresdner Philharmoniker abgestimmt. Ein wichtiges und gelungenes Projekt zum Erhalt eines Kernprojekts des Wiederaufbaus von Dresden.“ (Eva Maria Lang)

„Von außen sieht er beinahe aus wie all die Jahre zuvor, nur frischer, transparenter. Die großen Nutzungsänderungen passierten innen. Also dasselbe wie immer, aber zugleich alles ganz anders. Das hat schon etwas von Zauberwerk an sich.“ (Wolfgang Pehnt)

„Der Kulturpalast ist ein Glücksfall für Dresden. Mit seinen vier Nutzungen ist er ein öffentlicher Kulturraum, der ganztägig von unterschiedlichsten Menschen genutzt wird. Er bildet einen wichtigen Stadtbaustein für die Einwohner von Dresden und eben nicht für die Touristen, die mit den rekonstruierten und historischen Bauwerken schon mehr als genug zu tun haben.“ (Boris Schade-Bünsow)

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