Suche

Aufarbeitung von historischem Einfachglas zu Wärmedämmglas

(24.06.2026) Im Rahmen eines aktuellen Sanierungsprojekts werden insgesamt 50 Fenster eines historischen Gebäudes energetisch ertüchtigt. Neben den Holzrahmen und -profilen sollen auch die mehr als 100 Jahre alten, im Zylinderverfahren mundgeblasenen Einfachgläser erhalten und wiederverwendet werden. Sollingglas bringt dafür seine Expertise im Bereich Re-Use ein und hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die historischen Verglasungen bewertet, zerstörungsfrei ausgebaut und mit wärmedämmbeschichteten Dünnglasscheiben zu rund 10 mm schlanken Isoliergläsern verarbeitet werden. Nach der Überarbeitung der Profile werden die neuen Isoliergläser wieder in die originalen Fenster eingesetzt.

Nach der Kartierung der Scheiben und Fenster erfolgt die thermische Vorbehandlung der historischen Fensterprofile im Ofen. (Bild: Sollingglas) 

Historisches Glas als Ressource

In der Restaurierung wird historisches Fensterglas häufig ersetzt, obwohl es grundsätzlich weiter genutzt werden könnte. Gründe dafür sind oftmals die Annahme einer zu hohen Materialempfindlichkeit sowie fehlende etablierte Verfahren für die Wiederverwendung. Während Austauschlösungen klar definierten Normen und Abläufen folgen, erfordert Re-Use eine objektspezifische Bewertung und zusätzliche Abstimmungen.

Geschäftsführer Heiko Schanze, Geschäftsführer der Sollingglas Bau und Veredelungs GmbH & Co. KG erläutert den Ablauf: „Am Anfang steht die genaue Kartierung der Scheiben und Fenster, erkennbare Fehler werden eingezeichnet. Anschließend werden die Fensterprofile in den Ofen gelegt und in einem sanften Temperaturanstieg auf die ideale Ausglasungstemperatur gebracht. Das Ausglasen und Entfernen von Kittresten lässt sich nach der gezielten thermischen Vorbehandlung per Hand erledigen. Wichtig ist, dass die Scheiben gekennzeichnet und fenstergenau dokumentiert werden, um sie später sicher zuzuordnen.”

Nach dem Ausbau erfolgt die technische Bewertung der Verglasungen. Dabei werden Materialzusammensetzung, Struktur, Dicke, Oberflächenbeschaffenheit und Spannungszustand untersucht. „Die in diesem Fall mundgeblasenen Scheiben unterscheiden sich deutlich von den gezogenen Industriegläsern des frühen 20. Jahrhunderts – in ihrer Materialzusammensetzung, Struktur, Dicke, Oberflächenbeschaffenheit und ihrem Spannungszustand. Diese Faktoren entscheiden, ob ein Glas zur Wiederverwendung geeignet ist”, erklärt Heiko Schanze.

Die historischen Scheiben wurden im traditionellen Zylinderverfahren hergestellt. Dabei entstand durch Blasen, Strecken und anschließendes Aufschneiden eines Glaszylinders eine flache Scheibe mit charakteristischen Wellen und kleinen Unregelmäßigkeiten, die den historischen Charakter des Materials prägen.

Ausglasen und Entfernen von Kittresten in Handarbeit. (Bild: Sollingglas) 

Prüfung als Grundlage für den Re-Use

Für die Eignungsprüfung werden sichtbare Schäden wie Risse oder Kantenverletzungen ebenso berücksichtigt wie innere Spannungen und der Zustand der Glasoberfläche. Hierfür kommen Spannungsmessungen im polarisierten Licht sowie Schattenbildprojektionen zum Einsatz, die eine zerstörungsfreie Bewertung ermöglichen. Oberflächliche Kratzer, Schlieren oder leichte Korrosionserscheinungen führen dabei nicht automatisch zum Ausschluss.

Nach der Bewertung werden die Scheiben schonend gereinigt und bei Bedarf nasschemisch behandelt, um optimale Voraussetzungen für die Weiterverarbeitung zu schaffen. Heiko Schanze betont: „Vor allem ein sauberer, haftfähiger Rand ohne tiefergehende Risse ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Weiterverarbeitung zu Isolierglas und auch für die langfristige Gebrauchstauglichkeit.”

Nach der Entnahme folgt die Reinigung der Gläser und auch deren technische Bewertung. (Bild: Sollingglas) 

Schlanke Isoliergläser mit verbesserter Wärmedämmung

Nach der Aufarbeitung werden die weniger als drei Millimeter starken historischen Scheiben mit einem 4 mm breiten Abstandhalter und wärmedämmbeschichteten Innenscheiben zu rund 10 mm schlanken Isoliergläsern kombiniert. Mit Argonfüllung wird ein Ug-Wert von 2,5 W/(m²K), mit Kryptonfüllung ein Ug-Wert von 1,9 W/(m²K) erreicht.

Anschließend werden die Isoliergläser in die restaurierten und an die größere Glasdicke angepassten Fensterprofile eingebaut. „Auch hier ist handwerkliche Präzision gefragt, um Spannungen zu vermeiden und die Langlebigkeit des Gesamtsystems sicherzustellen. Der gesamte Prozess ist anspruchsvoll und erfordert Erfahrung, Abstimmung und Zeit – er zeigt aber auch, dass die Wiederverwendung (Re-Use) von Glas kein theoretisches Konstrukt ist, sondern eine handwerklich beherrschbare Option, wenn sie frühzeitig berücksichtigt wird. Während ein Recycling auf die stoffliche Verwertung abzielt, bietet der Re-Use einen deutlich höheren Mehrwert in Bezug auf Authentizität und die Ressourcenschonung.”

Re-Use frühzeitig in die Planung integrieren

Ob historisches Glas wiederverwendet werden kann, wird bereits in der frühen Projektphase entschieden. Ausschreibungen, Leistungsverzeichnisse und technische Vorgaben legen die später eingesetzten Verglasungssysteme fest. Wird die Wiederverwendung nicht von Beginn an berücksichtigt, ist ihre Umsetzung im weiteren Projektverlauf meist nur schwer möglich.

Damit kommt Bauherren, Denkmalbehörden, Planungsbüros und ausführenden Handwerksbetrieben eine wichtige Rolle zu. Historisches Glas sollte als erhaltenswerte und bewertbare Bausubstanz betrachtet werden, deren Wiederverwendung einen Beitrag zur Ressourcenschonung und zum Erhalt der historischen Authentizität leisten kann.

Weitere Informationen können per E-Mail an Sollingglas angefordert werden.

siehe auch für zusätzliche Informationen:

Impressum | Datenschutz © 1997-2026 BauSites GmbH