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Normen-Notruf: Bauforscher fordern Notbremse bei Bauvorschriften

(07.07.2026) Der Wohnungsbau in Deutschland ist zu teuer. Experten der Bauwirtschaft schätzen, dass ein Drittel mehr gebaut werden könnte, aber Normen den Neubau von Wohnungen ausbremsen. Die komplexe Normung sei mit verantwortlich für Wohnungsnot, steigende Kaufpreise und Mieten. Mit weniger und vor allem besseren Normen könnten die Gesamtkosten im Neubau um rund 1.000 Euro/m² Wohnfläche gesenkt werden. So das Fazit des Wohnungsbau-Instituts ARGE (Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen) des Landes Schleswig-Holstein und des Instituts für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen. Auf einer Pressekonferenz am 7. Juli 2026 in Berlin starteten sie einen „Normen-Notruf”.

IFB-Direktorin Heike Böhmer 

„Die Situation ist längst eskaliert. Der Normen-Frust in der Bauwirtschaft ist enorm. Die Fülle an Vorschriften ist aus dem Ruder gelaufen. Wer mehr Wohnungen bauen will, muss dringend bei den Normen ,abrüsten’ und sie wieder zu dem machen, was sie waren: Ein Werkzeug, um Kosten zu senken. Deutschland braucht eine schnelle und mit Verstand gemachte Radikalkur bei den Normen”, fordern ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer.

Deutschland hat sich „vernormt”

Die ARGE und das IFB fordern jetzt einen „schnellen und konsequenten Kurswechsel” bei der Baunormung. In Deutschland werden kontinuierlich immer neue, komplexere und schärfere Normen entwickelt, die einfache und kostengünstige Lösungen ausbremsen. Bund und Länder machten viele dieser Normen durch rechtliche Bestimmungen verbindlich.

ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg 

Normen machen Neubau 20 % teurer

„Genau das macht den Neubau von Wohnungen immer teurer: Normen treiben die Baukosten enorm nach oben. Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 % gegeben. 20 % des Kostenanstiegs gehen dabei auf das Konto des ständigen Nach-oben-Schraubens von Normenstandards. Konkret bedeutet das: Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro/m²  Wohnfläche teurer gemacht. Die Folge: Es wird weniger gebaut”, sagt Prof. Dietmar Walberg.

Der Bauforscher spricht von einer „katastrophalen Schockstarre” im Wohnungsbau, ursächlich auch die Überregulierung durch Normen. „Insgesamt zwingt das den Wohnungsbau seit Jahren mehr und mehr in die Knie.”

Beispiel: 3-facher Arbeitsaufwand beim Schallschutz

Als ein Beispiel führen die Wissenschaftler der ARGE und des IFB den Schallschutz an: IFB-Direktorin Heike Böhmer dazu: „Da ist jedes Maß verlorengegangen. Seit 2015 haben sich der Arbeitsaufwand und die Kosten, die hinter der Normung zum Schallschutz stecken, verdreifacht. Der Schallschutz muss jetzt nämlich aufwändig rechnerisch nachgewiesen werden und zwar detailliert für jeden Raum einzeln. Ohne komplexe Bauphysik-Software ist das gar nicht mehr möglich.”

Beispiel: „Absurdität von Normung”

Bei einem Wohnhaus in Wesel sei es um den „Schallschutzbedarf” bei Balkonen gegangen. „Eine Überschreitung von nur 1 bis 3 dB hätte die Verglasung aller Balkone notwendig und sie damit allerdings auch unbezahlbar gemacht. Man muss sich das vor Augen führen: Eigentlich sollen Balkone die Lebensqualität der Menschen verbessern. Aber weil die Lärmbelastung ganz knapp über dem Orientierungswert lag, wurden die Balkone gar nicht erst gebaut”, schildert Prof. Dietmar Walberg.

Die Forderung der Bauforschungsinstitute ARGE und IFB ist klar: Normen müssen wirtschaftliche Lösungen bieten. Um das zu garantieren, soll eine unabhängige Stelle jede Änderung bei der Normung künftig intensiv prüfen, bevor diese verbindlich wird.

Komplizierte Normen führen zu mehr Mängeln und Schäden

Die Normung habe zunehmend negative Folgen für Wohngebäude. „Fatal ist, dass die Qualität der Gebäude durch immer komplexere Normen nicht steigt. Im Gegenteil: Die Anzahl und vor allem die Kosten der Bauschäden haben stark zugenommen”, sagt Heike Böhmer. Sie kritisiert insbesondere, dass „einzelne Normen am grünen Tisch wie Stellschrauben nach oben gedreht werden” – ohne dabei ihre Wirkung auf das gesamte Gebäude im Blick zu haben.

Beispiel: Energieeffizienz

„Die [Energieeffizienz] stellt oft nur eine Scheinqualität auf dem Papier dar. Da werden Solo-Auflagen für die Fenster, für die Wärmedämmung und für die Heizungstechnik gemacht. Alles wird in der Theorie maximal ausgereizt. Und am Ende steht da ein Haus, völlig überdämmt, luftdicht, nur noch funktionssicher mit wartungsaufwändiger Lüftungstechnik ausgestattet, mit hochkomplexer, reparaturanfälliger Heizungs- und Reglungstechnik. Insgesamt also viel zu teuer, oft mit Baumängeln und erheblichen Risiken z.B. für Feuchtigkeitsschäden”, führt Heike Böhmer auf. Feuchtigkeitsschäden und Schäden an der Baukonstruktion machen nach Auswertungen des Bauforschungsinstituts fast zwei Drittel der Bauschäden aus, die durch Versicherungen reguliert werden. „Und das liegt nicht daran, dass wir nicht planen und nicht bauen können. Das liegt vor allem an der zunehmenden Komplexität.” Der durchschnittliche Aufwand je Schadensfall habe sich von 2013 bis 2024 beinahe verdoppelt, auf rund 14.000 Euro pro reguliertem Fall.

Gebäude-Typ E als Basis-Standard

ARGE und IFB fordern eine „Wende im Wohnungsbau”: „Es ist höchste Zeit, die Idee des Gebäude-Typs E umzusetzen und einfaches, kostengünstiges Bauen wieder zu ermöglichen”, so Heike Böhmer. Die Qualität bleibe trotzdem gut. „Es gibt keine kostspieligen Extras: Auf komplexe und wartungsintensive Technik kann vielfach verzichtet werden. Aber auch bei der Ausstattung sollte man einen Gang zurückschalten: Die Zahl der Steckdosen im Kinderzimmer oder Bad lässt sich in den meisten Fällen reduzieren. Das ist nur ein Beispiel, mit dem sich Geld sparen lässt”, sagt Prof. Walberg.

Bund und Länder sollten daher verstärkt einen „Basis-Standard-Wohnungsbau” fördern und deutlich günstigere und mehr Wohnungen schaffen. „Wenn der Bauherr am Ende mehr will, dann muss er einen höheren Standard bestellen und auch bezahlen. Aber es darf nicht länger einen ,Nur-High-End-Standard’ im Wohnungsbau geben. Ziel muss ein reduzierter, robuster Basis-Standard als gängige Wohnungsbau-Variante sein”, fordern IFB-Direktorin Heike Böhmer und ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg. 

Beide wenden sich aber nicht nur gegen die Fülle der Baunormen und deren Komplexität. „Im Gegensatz zu Produktherstellern und Wissenschaftlern haben Bauunternehmen und Bauherren faktisch kaum Einfluss auf die Entwicklung von Baunormen. Dennoch tragen sie am Ende die finanziellen Folgen: Die immer zahlreicheren und schärferen Normen treiben die Kosten im Wohnungsbau in die Höhe, ohne dass dadurch die tatsächliche Qualität der Gebäude steigt”, sagt Prof. Dietmar Walberg. 

1. Deutsche Baunormen-Konferenz am 8. Juli 2026

Wie stark die Normen-Flut den Wohnungsbau hemmt, wird im Vordergrund der 1. Deutschen Baunormen-Konferenz der beiden Bauforschungsinstitute ARGE (Kiel) und IFB (Hannover) stehen. Dazu werden auf dem „Normen-Gipfel” am 8. Juli 2026 Vertreter von Politik aus Bund und Ländern, Bau- und Immobilienwirtschaft, Architektur, Bauplanung, Verwaltung und Wissenschaft in Berlin zusammenkommen.

 

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