Classen gewinnt Terpentin aus MDF-Produktion
(15.09.2026) Kiefernholz enthält von Natur aus Terpene. Bei der Herstellung von MDF werden diese Stoffe durch Wärme aus dem Holz freigesetzt. Ein Teil davon gelangte mit der Abluft des Trocknungsprozesses in die Atmosphäre. Als flüchtige organische Verbindungen (VOC) können Terpene in der Atmosphäre an chemischen Reaktionen beteiligt sein, bei denen unter anderem bodennahes Ozon entsteht. Ihre Reduzierung stellt die Holzwerkstoffindustrie deshalb vor eine technische Herausforderung.
BAT-AEL: Emissionsanforderungen an Industrieanlagen
Mit der Einführung der seit 2016 geltenden europäischen Emissionsanforderungen, den sogenannten BAT-AEL-Werten (Best Available Techniques – Associated Emission Levels), wurden die Anforderungen an die Emissionsminderung industrieller Anlagen weiter konkretisiert. Die BAT-AEL-Werte definieren Emissionsbereiche, die bei Anwendung der besten verfügbaren Techniken unter den jeweils relevanten Betriebsbedingungen erreichbar sind. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Verarbeitung von Kiefernholz dar. Ursache ist insbesondere der hohe Anteil an Terpenen in den holzeigenen flüchtigen organischen Verbindungen (VOC).
Aufgrund ihrer geringen Wasserlöslichkeit weisen Terpene eine begrenzte Abscheideeffizienz in konventionellen wässrigen Abluftwäschern auf, sodass diese Verfahren für eine hinreichende Emissionsminderung nur eingeschränkt geeignet sind. Classen hatte zunächst eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Parallel dazu begann das Familienunternehmen allerdings frühzeitig mit der Entwicklung einer eigenen technologischen Lösung.
Das Prinzip: Emissionen im Produktionsprozess reduzieren
Auf der Grundlage umfangreicher Betriebs- und Emissionsdaten des MDF-Werks in Baruth und deren systematische Auswertung, konnte Classen einen Punkt innerhalb des Produktionsprozesses identifizieren, an dem sich die Terpene in einem Dampfstrom stark anreichern. Das darauf hin entwickelte Verfahren setzt somit nicht erst bei der Abluftreinigung an: Bereits der mit Terpenen angereicherte Dampf kann im Hochdruckbereich des MDF-Prozesses gezielt entnommen und aus dem weiteren Produktionsprozess ausgeschleust werden.
Seit mehr als drei Jahren wird dieses Verfahren am Standort Baruth eingesetzt. Der entnommene Dampf wird bislang im Kraftwerk energetisch genutzt. Nach Angaben des Unternehmens liegen die relevanten Emissionswerte dadurch mehr als 50 % unter den geltenden Grenzwerten. Aufgrund des erreichten technologischen Reifegrades konnte der Antrag auf Ausnahmegenehmigung im Jahr 2024 zurückgezogen werden.
Von der Emissionsminderung zur Rohstoffgewinnung
Classen geht mit der neuen Anlage nun einen Schritt weiter. Statt den terpenhaltigen Dampf ausschließlich energetisch zu nutzen, wird dieser künftig kondensiert. Anschließend lässt sich das enthaltene Terpentin, ein Gemisch verschiedener natürlicher Terpene aus dem Kiefernholz, abtrennen. Die Prozessführung ist darauf ausgelegt, Verunreinigungen möglichst gering zu halten und so einen industriell nutzbaren Rohstoff zu gewinnen. Gleichzeitig wird die im Dampf enthaltene Wärme in den Produktionsprozess zurückgeführt.
Laut Unternehmen können bei voller Auslastung in Baruth jährlich bis zu 1.200 Tonnen Terpene gewonnen werden. Für diese bestehen verschiedene industrielle Einsatzmöglichkeiten. Terpene können z.B. als Ausgangsstoff für Duft- und Aromastoffe, Kampfer oder Menthol sowie für Additive in der Reifenindustrie eingesetzt werden. Darüber hinaus werden sie als mögliche biogene Ausgangsstoffe für die Herstellung von SAF (Sustainable Aviation Fuel) untersucht bzw. genutzt.
Das von Classen eingesetzte Verfahren verbindet zwei bislang getrennte Aufgaben: die Reduzierung von Emissionen aus der MDF-Produktion und die Gewinnung eines Rohstoffs aus einem Stoffstrom, der bisher nicht stofflich genutzt wurde.
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