Digitaler Produktpass für das Handwerk: Projekt „CraftForward” vorgestellt
(11.3.2026) Im neuen Forschungsprojekt „CraftForward” entwickelt das Fraunhofer IPK gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Handwerk einen digitalen Produktpass, der zirkuläre Geschäftsmodelle in Servicebetrieben unterstützen soll. Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Projekt wurde am 10. März 2026 auf der Fachmesse Light + Building in Frankfurt am Main vorgestellt.
Reparieren statt wegwerfen, nutzen statt verbrauchen: Eine Kreislaufwirtschaft ohne das Handwerk ist undenkbar. Handwerksbetriebe treffen täglich Entscheidungen über die Instandsetzung, den Austausch oder die Weiterverwendung von Produkten und Bauteilen, allerdings oft, ohne alle notwendigen Daten zu den betreffenden Objekten zu kennen. Dabei sind diese ein wichtiges Entscheidungskriterium.
Forscher des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK wollen diese Lücke schließen, indem sie im Rahmen des Förderprojekts „CraftForward” Hersteller- und Servicedaten systematisch zusammenführen und sowohl für das Handwerk als auch für produzierende Unternehmen nutzbar machen. Im Ergebnis sollen zirkuläre Service- und Geschäftsmodelle erstmals wirtschaftlich bewertbar und praktisch umsetzbar werden.
An dem Projekt sind zudem der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH), die Budatec GmbH, ein Anlagenhersteller für die Halbleiter- und Solarindustrie, die Bürkle + Schöck Transformatoren GmbH und der Pumpen- und Armaturen-Hersteller KSB SE & Co. KGaA beteiligt.
Mehr Daten, mehr Nachhaltigkeit
Wird ein Produkt erstmals verkauft, gehen während seiner Nutzung viele produkt- und chargenspezifischen Informationen verloren. Servicebetriebe erhalten bei einem Reparatur- oder Wartungsauftrag meist nur die Typbezeichnung und das Baujahr des betreffenden Geräts oder Bauteils, aber keine verlässlichen Daten über beispielsweise die Materialzusammensetzung oder die Servicehistorie.
Zudem ist der aktuelle Zustand eines Produkts oft nicht bekannt, tatsächliche Verschleiß-, Betriebs- und Umgebungsdaten werden kaum sensorisch erfasst oder strukturiert bereitgestellt. Zustandsermittlungen erfolgen oft manuell, durch Sicht- oder Demontageprüfung. Darüber hinaus zwingen uneinheitliche Identifikationssysteme, herstellerspezifische Ersatzteilkataloge und Medienbrüche Servicebetriebe dazu, Informationen aus mehreren Portalen zusammenzusuchen. Werden wertstoffhaltige Komponenten ausgebaut, fehlen standardisierte Angaben zu Materialzusammensetzung und Demontagefolge. So werden diese Bauteile oft entsorgt, statt wiederverwertet.
Thomas Bürkle, technischer Geschäftsführer der Bürkle + Schöck Transformatoren GmbH: „Wir müssen es schaffen, diesen Prozess zu standardisieren, dann sorgen wir gleichermaßen für Nachhaltigkeit und Wertschöpfung. Ein 20 Jahre alter Transformator kann beispielsweise nahezu vollständig wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Dabei generiert er Erlöse ungefähr in der Höhe seiner Anschaffungskosten.”
Zielsetzung „CraftForward”
Reparatur-, Upgrade- und Rückführungsprozesse sollen mithilfe digitaler Technologien, Geschäftsmodell-Methoden und Datenraum-Standards technisch handhabbar, wirtschaftlich attraktiv und regulatorisch anschlussfähig gestaltet werden. Die Projektpartner verfolgen dabei zwei Ansätze.
Informationsbasis für zirkuläre Strategien
Zum einen soll ein erweiterter digitaler Produktpass (DPP) entwickelt werden, der sowohl Produkt- als auch Serviceinformationen integriert und damit für alle Beteiligten über alle Phasen des Produktlebenszyklus eine ganzheitliche Informationsbasis schafft. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Schnittstellen zwischen industriellen Herstellern und Handwerksbetrieben, etwa bei Wartung, Reparatur oder Rücknahme von Geräten und Komponenten. Hierzu wird ein konfigurierbares DPP-System aufgesetzt, das über einen digitalen Produkt- und Service-Zwilling Informationen zu Material, Bauteilen, Laufzeiten und Nutzung sammelt.
Zum anderen werden zirkuläre Strategien, z.B. anhand der R-Strategien der Kreislaufwirtschaft – Repair, Refurbish, Remanufacture, Reuse – definiert und auf ihre Umsetzbarkeit in individuellen Geschäftsmodellen hin analysiert, strukturiert und so aufbereitet, dass sie mit realen Betriebsdaten ökonomisch bewertet werden können. Zentrale Prämisse ist dabei, dass für jede Strategie die relevanten Informationen, zum Beispiel zu Material, Alter oder Zustand des Bauteils vorliegen. Denn nur so können die Betriebe entscheiden, ob die jeweilige Strategie umsetzbar ist. Für die wirtschaftliche Bewertung der Strategien werden außerdem Key Performance Indicators (KPIs) der Kreislaufwirtschaft verwendet und auf spezifische Anwendungsszenarien bezogen.
Deike Magret Ihnen, Projektleiterin am Fraunhofer IPK: „Wir wollen zirkuläre Strategien nicht nur beschreiben, sondern orientiert an Standards wie der ISO 59020/59040 über ein Kennzahlensystem bewerten. Auf diese Weise sollen Geschäftsmodelle und ihre ökologische Wirkung nachvollziehbar werden und Unternehmen darauf basierend fundierte Serviceentscheidungen treffen können.” Damit werden Handwerksbetriebe perspektivisch nicht nur Ausführende, sondern daten- und prozessseitig eingebundene Partner in zirkulären Produkt-Service-Systemen, inklusive Rückmeldeschleifen in Richtung Hersteller, weil zum Beispiel Service- und Zustandsdaten strukturiert nutzbar werden. „Indem wir die Daten zwischen Service und Produkt integrieren, schließen wir die Lücke zwischen Handwerk und Industrie.”
Die Budatec GmbH wird als Anwendungspartner im Rahmen des Projekts ein typisches Referenzprodukt eines kleinen Unternehmens präsentieren, in dem Daten erfasst und verwaltet werden – für einen digitalen Produktzwilling, für die Nachhaltigkeitsbetrachtung, für vorausschauende Wartungs- und Servicearbeiten und für die Implementierung neuer Geschäftsmodelle von KI-unterstützten Datenmodellen.
Zeit- und Kostenersparnis im Service
Klein- und mittelständische Unternehmen, bei denen Service zum Geschäftsmodell gehört, könnten durch den Zugriff auf produkt- und servicebezogene Informationen nicht abrechenbare Such- bzw. Klärzeiten reduzieren und die Aufwände für Reparaturen und Upgrades besser kalkulieren.
Paul Seifert, Leiter Technik und Digitalisierung beim ZVEH: „In Zeiten des demografischen Wandels und des damit verbundenen Fachkräftemangels müssen wir versuchen, so viele Prozessschritte wie möglich zu digitalisieren. Es gibt keine Ausreden mehr: Wir haben die Notwendigkeit, nachhaltig und effizient zu handeln, aber auch die digitalen Möglichkeiten für eine zeitnahe Umsetzung.”
Damit Hersteller von komplexen Anlagen Services auslagern können, ist eine durchgängige Daten- und Wissensbasis ebenfalls essentiell. Sie und andere Industrieunternehmen würden strukturierte Service- und Nutzungsrückmeldungen erhalten und könnten auf dieser Basis ihre Produkte verbessern. Gleichzeitig können sie zirkuläre Serviceangebote wie Refurbishment, Ersatzteilkreisläufe oder Pay-per-Use umsetzen. Das Ergebnis wären schnellere und sicherere Serviceentscheidungen. Davon würden alle Beteiligten profitieren.
Das Projekt „CraftForward: Digitaler Produktpass für zirkuläre Service-Geschäftsmodelle im Handwerk” wird bis 31. Januar 2029 mit rund 1,1 Mio. Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.
siehe auch für zusätzliche Informationen:
- Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK)
- Budatec GmbH
- Bürkle + Schöck Transformatoren GmbH
- Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH)
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- VDE-Kurzstudie zur Interaktion zwischen E-Mobilität und Energiesystem veröffentlicht (11.11.2025)
siehe zudem:
- Elektroinstallation und Erneuerbare Energien bei Baulinks.de
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