Europas größtes Mehrfamilienhaus aus dem 3D-Drucker fertiggestellt
(10.04.2026) Plurial Novilia, Verwalter von mehr als 39.000 Wohnungen im Grand Est sowie in der Ile-de-France, gibt die Einweihung von ViliaSprint² in Bezannes (Département Marne) bekannt. Dieses Mehrfamilienhaus mit 12 Sozialwohnungen ist das erste Gebäude in Frankreich, dessen tragende Struktur und sämtliche Wände direkt vor Ort mittels 3D-Betondruck hergestellt wurden.
Mit einer Wohnfläche von insgesamt 800 m² auf drei Etagen (R+2) ist es zudem das größte Gebäude dieser Art europaweit. Das Projekt wurde innerhalb von nur zwölf Monaten realisiert (alle Gewerke, ohne Infrastruktur). Es gilt als wichtiger Schritt hin zur Industrialisierung eines Verfahrens, das künftig schneller Wohnraum schaffen, kosteneffizienter und nachhaltiger bauen sowie die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit auf Baustellen verbessern soll.
Pionierprojekt für den Geschosswohnungsbau
Plurial Novilia hat bereits Erfahrung in diesem Bereich (2022 wurden fünf Häuser mit in der Fabrik gedruckten Wänden übergeben), geht nun jedoch einen Schritt weiter und verschiebt die Grenzen der additiven Fertigung im Bauwesen.
Der 3D-Druck erfolgte direkt auf der Baustelle mithilfe eines robotisierten Portalsystems COBOD BOD2 von PERI 3D Construction. Die tragenden Außen- und Innenwände wurden durch schichtweises Extrudieren von Beton erstellt. Der druckbare Beton, entwickelt von Holcim auf Basis der TectorPrint-Technologie, wurde mit synthetischen Makrofasern verstärkt, um optimale strukturelle Eigenschaften zu gewährleisten. Er gehört zur CO₂-reduzierten ECOPact-Reihe und ermöglicht eine Emissionsreduktion von mindestens 30 % gegenüber herkömmlichem Beton.
Dank der Vor-Ort-Produktion des Betons konnte die im März 2025 gestartete Druckphase in nur 34 effektiven Tagen abgeschlossen werden, schneller als die ursprünglich geplanten 50 Tage. Diese Zeitersparnis ist auch auf eine optimierte Abfolge beim Einbau der Fertigdecken zurückzuführen, wodurch die Anzahl der notwendigen Umpositionierungen des Druckportals halbiert werden konnte.
„Diese Leistung bestätigt das enorme Potenzial dieser innovativen Bauweise, die sowohl die Bauzeiten verkürzt als auch die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle verbessert – sowohl für die am Druck beteiligten Unternehmen Holcim und PERI 3D Construction als auch für das Generalunternehmen Demathieu Bard Construction”, sagt Jérôme Florentin, Direktor für Projektentwicklung bei Plurial Novilia.
Demonstrationsprojekt für die Industrialisierung des 3D-Drucks im Bauwesen
Neben der technischen Leistung zielte das Projekt insbesondere darauf ab, die Einsatzbedingungen des 3D-Drucks im Maßstab eines Mehrfamilienhauses innerhalb Frankreichs zu testen. Zu diesem Zweck errichtete Plurial Novilia auf demselben Grundstück ein nahezu identisches Gebäude in konventioneller Bauweise. Dieses zweite Gebäude dient dazu, die Leistungsfähigkeit der neuen 3D-Bauweise sowohl während der Bauphase als auch im Betrieb zu vergleichen.
Die Ergebnisse zeigen neben halbierten Bauzeiten im Rohbau auch deutliche Vorteile hinsichtlich Produktivität und Arbeitsbedingungen. Für den traditionellen Bau wurden 6 Personen benötigt, für den 3D-Druck lediglich 3 Bediener. Die Bediener arbeiten ergonomisch und steuern den Prozess per Tablet, ohne schwere Lasten heben zu müssen. Dies erhöht die Sicherheit und reduziert das Risiko von Arbeitsunfällen und Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Umweltvorteile und architektonische Freiheit
Laut PERI 3D Construction halbiere die Technologie die zu erwartenden Abfallmengen von 10 % auf 5 % und reduziert Transportaufkommen, da der Beton vor Ort verarbeitet wird. Zudem ist die Baustelle deutlich leiser – ein Vorteil für Arbeiter und Anwohner. Der 3D-Druck ermöglicht eine architektonische Freiheit, insbesondere bei komplexen Geometrien und Rundungen. Durch kompakte Bauweise und optimierte Formen konnte außerdem etwa 10 % Beton eingespart werden.
„Bei PERI 3D Construction sind wir stolz darauf, dieses Projekt als Technologiepartner und in der Druckausführung unterstützt zu haben. Das Ergebnis zeigt eindrucksvoll, was heute bereits im 3D-Gebäudedruck möglich ist – auch in Frankreich: schnelleres Bauen, weniger Arbeitskräfte und vollständig tragende Strukturen. Für uns ist dies ein wichtiger Meilenstein und Ansporn, diese Technologie weiter voranzutreiben”, sagt Dr. Fabian Meyer-Brötz, Geschäftsführer von PERI 3D Construction.
Das architektonische Konzept von HOBO Architecture integriert biobasierte und geobasierte Materialien wie Perlit (für Dämmung) sowie Holz für Balkonstrukturen. Ergänzt wird das Gebäude durch 500 m² Photovoltaikanlagen und eine hybride Gas-Wärmepumpe von Atlantic Systèmes. Die Gebäudeausrichtung basiert auf Sonnenstudien des deutschen Experten Timo Leukefeld und ermöglicht rund 60 % Energieautarkie bei Einhaltung der französischen RE2020-Vorgaben für 2025.
Mit einer insgesamt um drei Monate verkürzten Bauzeit stellt das Projekt eine konkrete Antwort auf den Wohnungsmangel in Frankreich dar. Die Baukosten liegen derzeit etwa 30 % über denen konventioneller Bauweisen (ohne Einfluss auf die Mieten), hauptsächlich aufgrund von Forschungs- und Entwicklungsaufwand sowie Zertifizierungen – speziell für die erste Umsetzung eines solchen Projekts in Frankreich. Insgesamt belief sich die Investition auf 4,5 Mio. Euro.
„ViliaSprint² ist ein bedeutender Schritt bei der Erprobung neuer Bauverfahren und zeigt das Potenzial des 3D-Drucks für schnelleren und nachhaltigeren Wohnungsbau”, so Johnny Huat, Geschäftsführer von Plurial Novilia.
Aufbauend auf diesen Erfahrungen plant Plurial Novilia gemeinsam mit seinen Partnern ein weiteres Projekt mit etwa 40 Wohneinheiten. Dabei sollen zwei 3D-Drucker gleichzeitig eingesetzt werden, um die Bauzeit weiter zu verkürzen – möglicherweise um den Faktor vier – und die Kosten auch in Frankreich langfristig auf das Niveau konventioneller Bauweisen zu senken.
Projektpartner
- Bauherr / Projektleitung: Plurial Novilia, Groupe Action Logement
- Planung (Architekt): Hobo Architecture
- Generalunternehmen: Demathieu Bard Construction
- 3D-Druck vor Ort: PERI 3D Construction
- Druckbarer Beton: Holcim
- Prüfgesellschaft: Socotec
- Gesteinslieferant: Groupe Moroni
- Verbindungselemente: Schöck
- Tragwerksplanung: Amodis
- Thermischer Komfort / Gebäudetechnik: Groupe Atlantic
- Versicherung: SMA BTP
- Zertifizierungsstelle: CSTB
- Gemeinde Bezannes, Großraumverband Grand Reims
siehe auch für zusätzliche Informationen:
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siehe zudem:
- Betontechnologie und Betonbau im Rohbau-Magazin bei Baulinks.de
- Literatur / Bücher über Betonbau bei Baubuch / Amazon.de
