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Ziegelindustrie: Politisches Lobbying statt traditionelle Interessensvertretung

(11.6.2003) "Verstärktes politisches Lobbying statt traditioneller Interessensvertretung" - auf diese Notwendigkeit im Bereich der Bauwirtschaft verwies Helmut Jacobi, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Ziegelindustrie e.V., Bonn, auf der diesjährigen Mitgliederversammlung in Hamburg. "Bereits seit langem müssen wir unsere Interessen hinsichtlich Umwelt- und Gesundheitsschutz gegenüber dem Gesetzgeber vertreten. Heute geht es darüber hinaus vorrangig um den Erhalt der Möglichkeit, überhaupt in Deutschland noch zu bauen." Wenig hilfreich seien deshalb die Aussagen von Politikern, nach denen "Deutschland bereits gebaut ist". Die sei für die Bauwirtschaft nicht nur katastrophal, sondern auch objektiv falsch. Jacobi bezeichnete es als Milchmädchenrechnung, dass "angesichts von 1,3 Mio leer stehender Wohnungen nur noch repariert und umgebaut werden muss". Zwar sei es in ausgesprochen strukturschwachen Regionen Ost- oder Westdeutschlands nicht sinnvoll, in großen Mengen öffentlich zu bauen. In anderen wirtschaftlich starken Regionen wie in Hamburg, Frankfurt oder München, herrsche mittlerweile aber bereits Wohnungsnot.

Jacobi bedauerte, dass Politiker offensichtlich immer nur einen Denkrahmen von einer Legislaturperiode im Blick haben und nicht die ganze Entwicklung sehen. Für die künftige Erhaltung des Status quo in Gesamtdeutschland - unter Berücksichtigung verlängerter Immobiliennutzungszeiten, der wachsenden Zahl von 1- und 2-Personenhaushalten sowie des Wohnflächenwachstums - würden jährlich rund 380.000 Wohnungen dringend gebraucht. Deshalb sei es für die Ziegelindustrie unumgänglich, zusammen mit dem Bundesverband Baustoffe, Steine und Erden sowie den Organisationen der Wohnungswirtschaft gegenüber zuständigen Politikern Lobbyarbeit zu betreiben – nicht nur in Berlin, sondern auch in Brüssel. "Die Ziegelindustrie verfügt über eine sehr gute Position im Markt – sowohl bei Mauer- als auch bei Dachziegeln. Diese Position muss jedoch täglich verteidigt werden, vor Ort, aber auch im Markt des Lobbyings."

Kritik an der Bundesregierung, die Bauwilligen immer weitere Steine in den Weg lege, kam auch von Hauptgeschäftsführer Martin Roth. Die Branche kämpfe seit Jahren mit der rückläufigen Baukonjunktur. Hoffnungen auf eine Belebung hätten sich auch für das Jahr 2003 weitgehend zerschlagen. "Dennoch: Schwarzmalerei ist fehl am Platz. Die Zinsen befinden sich ebenso auf historischem Tief wie die Kosten für Baustoffe bzw. Bauleistungen. Beste Voraussetzungen, günstig zum Eigenheim oder zur eigenen Wohnung zu kommen", so Roth. Er betonte, dass "nach den dramatischen Umsatzrückgängen der letzten Jahren, der Abwärtstrend gebrochen scheine und die Talsohle erreicht sei. Für 2002 lagen die verbuchten Umsätze nur um 2,6% unter dem Vorjahresergebnis.

  • Der Gesamtwert der Ziegelproduktion für 2002 betrug nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1,219 Mrd. EUR (i.V. 1,252 Mrd. EUR).
  • Die Mauerziegelproduktion insgesamt (Hintermauerziegel, Vormauerziegel und Klinker sowie Pflasterklinker) erreichte 8,991 Mio m³ gegenüber 9,820 Mio m³ im Vorjahr. Beim Produktionswert konnte dieses Geschäftsfeld allerdings leicht zulegen. Er stieg auf 549,6 Mio EUR und verbuchte gegenüber 2001 eine Zunahme von rund 3 Mio EUR.
  • Die Dachziegelindustrie musste erneut ein leichtes Minus hinnehmen. So reduzierte sich die Produktion gegenüber 2001 auf 794 Mio Stück und der Produktionswert auf 670 Mio EUR. Die weitere Entwicklung bei der Dachziegelindustrie hänge davon ab, wie sich die Sanierungsbereitschaft potentieller Bauherren zeigt, da ca. 70% des Dachziegelabsatzes in die Renovierung gehen. Allerdings sei es erforderlich, dass die Politik dazu beitrage, damit geplante Sanierungsmaßnahmen realisiert und der Sanierungsstau kontinuierlich abgebaut werden könnten.

Sorgen bereitet der Bereich Vormauerziegel und Klinker. Dieses wirtschaftliche und von Architekten zunehmend wieder akzeptierte Gestaltungselement für die Fassade leidet unter den einbrechenden Fertigstellungszahlen sowohl bei Ein- und Mehrfamilienhäusern als auch bei öffentlichen Gebäuden. Selbst die Hersteller von Pflasterklinkern spürten - trotz meist vornehmlich bestandsorientierter Baumaßnahmen - die finanziellen Probleme der Gemeinden, da viele öffentliche Bauvorhaben gestoppt oder verzögert würden. Dennoch stehe die Ziegelindustrie mit dieser verhaltenen Entwicklung nicht allein im Markt. "Im Gegenteil, zukunftsweisende Ziegelprodukte konnten sich gegenüber dem Wettbewerb nach wie vor gut behaupten". Wie Roth abschließend mitteilt, repräsentiert die Ziegelindustrie 165 produzierende Betriebe mit insgesamt 11.000 Beschäftigten.

Dieter Rosen, Technischer Geschäftsführer des Bundesverbandes Ziegelindustrie, informierte die Mitgliederversammlung über das vielfältige Engagement um die europäische Harmonisierung der Normen: Pflasterklinker kommen nach Verabschiedung der DIN EN 1344 als erstes grobkeramisches Produkt mit einer europaweit einheitlichen CE-Kennzeichnung auf den Markt. Damit obliegt es den Pflasterklinkerherstellern als Vorreiter die Anwenderinformationen und Produktionskontrollen auf die neuen Prüfverfahren umzustellen und die CE-Kennzeichnung durchgängig zu realisieren. Für den Bereich der Hintermauerziegel sowie Vormauerziegel und Klinker steht die Neufassung der DIN 105 sowie im kommenden Jahr die Umstellung auf die europäische Ziegelnorm an. Im Bereich Dachziegel ist die europäisch harmonisierte Dachziegelnorm EN 1304 in der Bearbeitung. Damit einher geht die Festlegung eines einheitlichen Prüfverfahrens zur Frostsicherheit und Wasserundurchlässigkeit. Ferner steht die Erarbeitung von Systemprüfungen zur Bestimmung des Abhebewiderstandes sowie des Regeneintriebs an. Abschließend verwies Rosen auf die kürzlich gegründete Arbeitsgemeinschaft Ziegelelementbau. Hier wurde eine Plattform geschaffen, welche die Interessen der Hersteller bündelt und nach außen vertritt.

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