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„Häuser sollten Individualisten sein“ - Interview mit Professorin Tina Haase

Prof. Tina Haase
Prof. Tina Haase - in der Vergrößerung in einer Papier-Arbeit von Kim Alena Neubüser (© Astrid Eckert / TUM).
  

(23.4.2017) Professorin Tina Haase hat als Künstlerin einen besonderen Blick auf die Architektur. Im Interview erklärt sie, wie die Kunst angehenden Architekten dabei helfen kann, Ideen greifbar zu machen. Und warum sie es für wichtig hält, dass Gebäude ihre Individualität nicht verlieren.

Frage: Welche Bedeutung hat Kunst für die Architektur?

Tina Haase: Wir machen mit unseren Architekten Kunst. Dennoch werden unsere Studierenden keine zeitgenössischen freien Künstler. Das Fach Kunst im Architekturstudium hat das Ziel, Architekten in ihren Denk- und Sichtweisen zu entwickeln, diese zu verfeinern und Visionen zu entwickeln. Mir ist es sehr wichtig zu vermitteln, wie künstlerische Herangehensweisen die Entwurfsidee bereichern können.

In der Kunst kann man Dinge ausprobieren, auf den Kopf stellen, von unten sehen oder auch mal ins Gegenteil denken. Die Kunst ist wichtig, um für etwas Neues, das erst einmal nur aus einer Ahnung besteht oder aus einem Gefühl, Formen zu finden. Diese künstlerischen und experimentellen Mittel zur Lösungsfindung entwickeln wir mit den Studierenden gemeinsam.

Frage: Wie kann man aus einem Gefühl oder einer Idee eine Form schaffen?

Haase: Es gibt dabei keine festen Regeln. Man muss einfach ins kalte Wasser springen, mit einer Idee anfangen und sich Schritt für Schritt herantasten. Ich versuche, jede Idee nachzufühlen und zu unterstützen. Aber wie es geht, das entscheidet sich von Fall zu Fall. Die Lektion dabei ist, nicht zu verzweifeln, sondern darauf zu vertrauen, dass man mit verschiedenen Experimenten und Versuchen ganz gut alleine weiterkommen kann.

Bei unserer Ausstellung Import/Export sollten die Studierenden aus Paletten Kunstwerke schaffen. Ein Student, der aus seiner Heimat geflüchtet ist, hat mit einer Palette eine Tür gebaut. Sie war so angebracht, dass man nicht mehr zurück konnte, wenn man durchgegangen war. Er hat damit ausgedrückt, dass er zwar froh ist, hier zu sein, aber dass es ein blödes Gefühl ist, nicht mehr zurückzukönnen.

Frage: Sie schaffen auch Kunst im städtischen Raum.

Haase: Eines unserer immer wiederkehrenden Forschungsthemen ist Kunst im Rahmen von Sanierungsprozessen. 2014 haben wir angefangen, im Sanierungsgebiet Neuaubing-Westkreuz zu forschen und dabei künstlerische Herangehensweisen auszuprobieren. Für uns war es dabei auch neu, partizipativ zu arbeiten, also mit den Bürgern gemeinsam etwas zu erarbeiten. Wir mussten uns überlegen, wie das funktioniert, vor allen Dingen, wenn der Bürger sich eigentlich nicht für Kunst interessiert. Das ist ziemlich spannend.


Eine Skulptur von Anabel Romero: Drei abstrahierte, vergrößerte Wäschespinnen dienen als Treffpunkt - auch ohne Wäsche. (Foto © Lehrstuhl für Bildende Kunst / TUM )

Frage: Wie sah die Arbeit vor Ort aus?

Haase: Erst einmal ist es wichtig zu erkennen, wie sind die Strukturen in einem Ort und was fehlt dort. Dafür haben wir mit verschiedenen Wahrnehmungsmethoden experimentiert. Zum Beispiel haben die Studenten gesagt: Wir verfolgen jetzt die Leute aus dem Supermarkt. Und dabei haben sie gesehen, welche Wege und Abkürzungen die Menschen nutzen. Oder die Studenten sind zu zweit mit dem Fahrrad durch den Ort gefahren und der Mitfahrer hatte die Augen geschlossen. Also nur hören und riechen. Das führte zum Beispiel dazu, dass plötzlich der Geruch von Wäsche wahrgenommen wurde. Da gab es also eine Siedlung, wo tatsächlich Wäscheständer auf dem Hinterhof oder auf der Wiese stehen. Solche Treffpunkte fehlen in der heutigen Zeit. Wir haben eine Skulptur aus drei abstrahierten, vergrößerten Wäschespinnen gebaut, die als Treffpunkt auch ohne Wäsche dienen.

Frage: Wie haben Sie die Bürger in die Projekte einbezogen?

Haase: Wer von der S-Bahn-Station kommt, der schaut auf die Rückseite eines Getränkemarktes und einen Maschendrahtzaun. Das ist sozusagen das Willkommensschild von Neuaubing. Die Studenten haben dort aus Einkaufstüten farbige Kunststoffstreifen ausgeschnitten und am Zaun angebracht:


(Foto © Lehrstuhl für Bildende Kunst / TUM)

Die Leute haben Beifall geklatscht, wenn sie aus der S-Bahn ausgestiegen sind. Die Studenten haben dann eine Spendenaktion gestartet, um haltbarere Materialien zu kaufen. Es gab viele Spenden und einige Bürger haben später mitgeholfen, das Ganze anzubringen. Es ist also gelungen, die Menschen mit ins Boot zu holen. Sie haben sich untereinander vernetzt und ein Wir-Gefühl entwickelt.

Frage: Ist dieser künstlerische Ansatz im Alltag eines Architekten umsetzbar?

Haase: Es geht darum, Dinge neu zu denken. Ich sage nicht, wie Häuser am Ende aussehen sollen, das ist nicht meine Aufgabe. Ich finde es aber gut, wenn Häuser es schaffen, Individualisten zu sein. Was in letzter Zeit leider passiert: Es entstehen überall dieselben Häuser. In Köln, meinem zweiter Wohnsitz, sehe ich das sehr stark. Helle Häuser, entweder weiß oder sandfarben und bodentiefe Fenster. Überall sehe ich diese schmalen, bodentiefen Fenster. Seit Jahren. Mir geht es darum, genauer hinzuschauen, was da fehlt.

Frage: Wie sieht sich ein Künstler Architektur an?

Haase: Das ist schwierig zu beantworten, weil ich mir Architektur ja nie als Nicht-Künstler angesehen habe. Mir persönlich erscheinen Häuser oft wie Menschen. Und ich empfinde den Wunsch, mitzuentscheiden, welche „gebauten Menschen“ uns in Zukunft begleiten. Wenn man zum Beispiel über die Wiese der Pinakothek oder auf die Glyptothek zu marschiert, da passiert was mit einem. Das ruft bestimmte Gedanken wach. Ich möchte dazu beizutragen, dass angehende Architekten ihre Sinne schärfen und auch versuchen zu benennen, was sie wahrnehmen. Was atmet ein Gebäude, was für eine Energie strahlt es aus. Macht es einen klein? Oder löst es was hervorragend Großartiges im Betrachter aus? Häuser vielschichtiger wahrzunehmen, wird in Zukunft immer wichtiger. Im Moment habe ich das Gefühl, alle schauen zu sehr voneinander ab, weil es eben zu starke Reglements gibt.

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